uhu

GESICHT DER WOCHE: Tod einer nächtlichen Jägerin

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 22. Juli 2018

Reute

Das verstörende Drama um einen Uhu, der in der Storchenpflegestation in Reute im nördlichen Breisgau kürzlich zehn Störche tötete und dann zu Untersuchungszwecken eingefangen wurde, hat Anfang der Woche ein tragisches Ende gefunden: Der Uhu wurde aus Tierschutzgründen eingeschläfert. "Es handelte sich um eine jugendliche Uhu-Frau, die beinahe blind war, so dass sie in der Natur keine Überlebenschance gehabt hätte", sagt Daniel Schmidt-Rothmund, der das Vogelschutzzentrum des Naturschutzbundes (Nabu) in Mössingen im Kreis Tübingen leitet und das Tier untersucht hat: "Ich könnte fast wetten, das sie einen Unfall hatte und im Flug auf die Windschutzscheibe eines Autos geprallt ist – die Linsen waren getrübt und die Augenlider geschwollen." Dies führte laut dem aus Freiburg stammenden Biologen dazu, dass die nächtliche Jägerin mit den Federohren, die von Natur aus über extrem optimierte orangefarbene Augen verfügte, keine Mäuse, Igel oder jungen Krähen mehr erwischen konnte. Aus purem Überlebenswillen habe sie sich an die großen, kontrastreichen Störche gewagt, die sie dank der Straßenbeleuchtung gerade noch erkannte. In lautlosem Flug näherte sie sich einem ahnungslosen Storch in der Pflegestation und tötete ihn, indem sie die spitzen Krallen ihrer kräftigen Füße in seinen Schädel bohrte. Mindestens ein Storch aber habe sich gewehrt, wovon eine Stichverletzung in ihrer Flügelhaut zeugte, berichtet Schmidt-Rothmund, dessen Zentrum sich im Auftrag der Landesregierung um alle Wildvögel im Land kümmert, die verletzt aufgefunden werden. Rund 100 Fälle sind es durchschnittlich pro Monat. Ein Fall wie dieser sei noch nie dabei gewesen und auch im deutschsprachigen Raum noch nicht beschrieben worden, sagt Schmidt-Rothmund: "Es handelt sich um eine extreme Sondersituation." Als der Freiburger Uhu-Experte Frank Rau ihm das Tier brachte, habe er gleich befürchtet, dass der Augenschaden unheilbar ist. "Bei einem Menschen hätte man die Linsen durch Kunstlinsen ersetzt, um etwas Sehkraft zurückzugewinnen, doch bei einem Uhu hätte das nicht gereicht, um in Freiheit zu überleben." Daher blieb für ihn nur, das Tier zu erlösen: "Alles andere wäre Quälerei gewesen." Denn unter Menschen und in Gefangenschaft bekomme ein Eulenvogel es mit der Angst zu tun, sagt Schmidt-Rothmund. So ging das Reutemer Uhu-Weibchen nun in die ewigen Jagdgründe ein. sir