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26. Mai 2015

Das Familienunternehmen setzt auf Nischenprodukte

BZ-PORTRÄT: Die Birlin-Müller behaupten sich am Markt.

  1. Bernd Birlin von der Birlin Mühle ist ein spezialisierter Müller, mit Mühlenromantik hat sein Beruf heute nichts mehr zu tun. Foto: Petra Wunderle

  2. Alte Mühlsteine der Birlin-Mühle Foto: Petra Wunderle

DEGERFELDEN. "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" – am Beispiel dieses alten Volksliedes kommt automatisch Mühlenromantik auf. Mit Romantik haben aber weder die Mühlen noch der Beruf des Müllers heute zu tun. In Degerfelden gibt es die Birlin-Mühle, die dem Bach entlang des alten Gebäudes mit Malerei und alten Mühlesteinen noch einen Hauch von Verträumtheit behalten hat. Die Birlin-Mühle liegt zwar nahe am Dorfbach, aber ob dort Wasser läuft, spielt inzwischen keine wirtschaftliche Rolle mehr für den Familienbetrieb.

Die fortschreitende Technisierung hat vor dem Müllerhandwerk nicht Halt gemacht. Dazu können Peter und Bernd Birlin, die Juniorchefs der Mühle, einiges erzählen: Tatsächlich ist ihr Beruf heute weniger Handwerk, als Industrieberuf. Daher ist auch die Berufsbezeichnung Müllers unlängst umbenannt worden in Verfahrenstechnologe oder Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft. Wie in allen Bereichen findet auch in der Müllereibranche eine starke Konzentration statt. Die Betriebe werden größer und komplexer, auch haben sich Technologie und Anforderungen entwickelt. Heute muss ein Müller neben den Grundkenntnissen der Landwirtschaft ein Spezialist für Getreideannahme und Lagerung sein, dabei müssen eine Vielzahl physikalischer, sensorischer, chemischer, mikrobiologischer Parameter beherrscht werden, die teilweise vor zehn Jahren überhaupt noch nicht relevant waren.

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Gerade die Reinigung des Getreides hat durch die Möglichkeiten der neuen Maschinen völlig neue Dimensionen erreicht, stellt aber auch den Müller vor neue Herausforderungen. Neben dem Vermahlen gehören heute Flockierung, die Expansion, die Extrusion, die Mischerei, die Pelletierung und viele andere Spezialprozesse zum Wissensspektrum des Müllers. Ebenso ist ein komplexes Wissen im Bereich der Labor- und Nahrungsmittelkunde erforderlich.

Die Birlin-Mühle ist ein Familienunternehmen. An der Spitze stehen die beiden "Senior-Brüder" Stefan Birlin und Thomas Birlin sowie deren beiden Söhne Bernd und Peter Birlin. "Wir sind ein Viererteam mit Arbeitsaufteilung", sind sich die Männer einig. Dass die Söhne in die Fußstapfen ihres Vaters treten, funktioniere, wie Peter und Bernd Birlin lachend meinen: "Wenn man in einem Familienbetrieb aufwächst und schon von Kind an Mehl an den Fingern hat, dann ist der Weg eigentlich klar". Sie geraten geradezu ins Schwärmen, wenn es um den Beruf des Müllers geht: Er biete sehr große Möglichkeiten, denn die Prozesse, die ein Müller beherrscht, werden in sehr vielen anderen Industriezweigen auch benötigt, denn gemahlen wird nicht nur Getreide. Die Produkte werden in vielen Erzeugnissen verwendet und bieten damit die Möglichkeit ein Leben lang zu lernen.

Wenn man zudem noch eine Leidenschaft für die Ernährung und das Kochen hat, dann macht die Herstellung viel Freude. Außerdem hat der Müller mit vielen unterschiedlichen Nahrungsmitteln aus aller Welt zu tun, zum Beispiel Back- und Ölsaaten aus Nord- und Südamerika, Südostasien, West- und Osteuropa.

Die Birlin-Mühle in Degerfelden gehört mit rund 30 Mitarbeitern, davon einige in Teilzeit, zu den kleineren Betrieben. Der vor mehr als 100 Jahren gegründete Handwerksbetrieb konkurriert deshalb auch nicht mit den Großen der Branche. Auch weil immer mehr kleine Bäckereien aufgeben, gebe es kaum eine Kundenkette und für die großen Bäckereien wiederum sei der Familienbetrieb in Degerfelden zu klein. Aus diesem Grund haben sich die Birlins auf die Verarbeitung von Nischenprodukten spezialisiert, es werden besondere Mehle produziert und gehandelt, zum Beispiel Milomehl. Auch als Hirsemehl bekannt, wird es aus Korn aus Äthiopien hergestellt.

Zudem ist der Handel mit Lebens- und Futtermitteln ausgebaut worden, wobei die regionale Vermarktung eine ganz wichtige Rolle spielt. Am gestrigen Pfingstmontag war deutschlandweit "Mühlentag". Die Birlin-Mühle hat sich nicht daran beteiligt. Dazu sagt Peter Birlin: "Vor zwei Jahren haben wir unser 100-jähriges Firmenjubiläum mit einem großen Fest gefeiert, aus diesem Grunde wollten wir dieses Jahr nicht am Tag der Deutschen Mühlen teilnehmen. Es ist jedes Mal ein großer Aufwand, bei dem wir auch auf die Mithilfe der örtlichen Vereine angewiesen sind. Und diese haben ja in den kommenden Monaten und Wochen wieder ein volles Festprogramm".

Autor: Petra Wunderle