"Die konnten gar nicht genug hören"

dhr

Von dhr

Sa, 08. November 2014

Rheinfelden

BZ-INTERVIEW mit Frank Amrein, der ehrenamtlich in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber Trompete unterrichtet.

RHEINFELDEN. Seit einigen Wochen musiziert Trompeter Frank Amrein in der Gemeinschaftsunterkunft (GU) für Asylbewerber mit den Menschen dort. Für kurze Zeit können Asylbewerber ihre Existenzängste vergessen und ganz in die Welt der Musik eintauchen. Dort kennen sie sich aus, da sind sie daheim: 80 Prozent der Roma spielen ein Musikinstrument (zum Vergleich: Deutschlandweit sind es sieben Prozent, in den USA 14). Einfach ist dieses ehrenamtliche Engagement nicht. Danielle Hirschberger sprach mit dem begeisterten Trompeter.

BZ: Wie sind Sie auf die Idee gekommen in der GU Musik zu machen?

Amrein: Ich habe gehört, der Freundeskreis Asyl plant ein Sommerfest und ich habe mich angeboten, an diesem Fest Musik zu machen. Das war während der Sommerferien. Es war mein erster Kontakt mit der GU und ich war erstaunt, wie sehr sich die Menschen dort an der Musik erfreuen. Zwei Stunden lang bin ich Trompete blasend mit den Kindern in einer Parade durch das Gelände marschiert. Die Menschen feuerten mich an und konnten gar nicht genug hören.

BZ: Woran haben Sie bemerkt, dass die Zuhörer in der Schildgasse ein besonderes Verhältnis zur Trompete haben?

Amrein: Einer der Zuhörer hat meine Trompete genommen und gespielt. Da habe ich gemerkt: Der kann was, das ist toll, das ist eigentlich ein Profi. Mit Händen, Füßen und weiteren Asylbewerbern, die schon deutsch sprechen, habe ich herausgefunden, dass seine ganze Familie Blechblasinstrumente spielt. Diese Familie hat schon Trophäen in Guca gewonnen, dort findet alljährlich das größte Blasmusikfestival Europas statt. Die Trompete ist eines der wichtigsten Musikinstrumente osteuropäischer Volksmusik.

BZ: Deshalb geben Sie dort Unterricht?

Amrein: Es ist kein Unterricht wie in der Musikschule. Es fehlt an Allem: an Instrumenten, an Lehrern, an Noten und an geeigneten Räumlichkeiten. Mein Ziel ist, dass diese Menschen durch die Musik für einige Zeit ihre unhaltbare Situation vergessen können. Wenn ich Trompete spiele, bin ich sofort umgeben von Kindern und Erwachsenen, die klatschen, wackeln, mitsingen – oder im günstigsten Fall ein eigenes Instrument vorholen. Neulich hat ein Asylbewerber stolz seine Violine gezeigt – sie war ganz ohne Saiten. Er konnte nicht spielen.

BZ: Warum kommen diese guten Musiker nach Deutschland, wo sie gar nicht spielen können?

Amrein: Viele Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft sind Roma aus Osteuropa. Sie haben in ihren Heimatländern keine Chance, sie sind dort die Bevölkerungsgruppe, der es am schlechtesten geht, sie haben nichts. Berufsmusiker in Osteuropa wandern von Feier zu Feier und verdienen so mehr schlecht als recht das Fahrgeld und einen kargen Lebensunterhalt. Ein Berufsmusiker kann keine Familie ernähren, das Geld reicht nicht mehr, da er seine Fahrtkosten, Kost und Logis auf den Konzertreisen selbst bestreiten muss.

BZ: Hatten Sie schon früher Kontakt zum Freundeskreis Asyl?

Amrein: Ich habe schon mehrfach Benefizkonzerte zugunsten des Freundeskreis Asyl gemacht. Auch jetzt plane ich ein Konzert zur Marktzeit im kommenden Jahr. Im Gegenzug unterstützt mich der Freundeskreis Asyl bei der Durchführung dieses Musikprojektes.

Zur Person: Frank Amrein ist 47 Jahre alt. Der Musiklehrer ist verheiratet und hat zwei Kinder. Frank Amrein lebt in Herten.