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04. Juni 2016

"Jeder strebt nach sozialer Resonanz"

BZ-INTERVIEW mit Irmtraud Tarr, die ein Buch über die Bedeutung von Resonanz als Kraftquelle geschrieben hat.

  1. Irmtraud Tarr wurde von ihren Studenten zu ihrem neuen Buch inspiriert. Foto: Roswitha Frey

RHEINFELDEN. "Resonanz als Kraftquelle" heißt das neue Buch der Rheinfelder Autorin Irmtraud Tarr, das sie am 7. Juni in der Buchhandlung Merkel vorstellt. Im Gespräch mit Roswitha Frey verriet die in Eichsel lebende Professorin und Konzertorganistin, warum das Thema Resonanz im sozialen und menschlichen Leben so aktuell und wichtig ist.

BZ: Als Musikerin ist Ihnen das Thema Resonanz ja vertraut. Um welche Resonanz geht es in Ihrem neuen Buch?

Tarr: Mir geht es um die Resonanz in menschlichen Beziehungen und das Resonanzverhältnis zur Welt. Also darum, wie ich von der Welt bewegt und berührt werde, wie ich sie berühre, wie ich mich bewegen lasse und selbst Spuren hinterlasse. Mit Resonanz meine ich Beachtung, Rückmeldung, Austausch, Antwort. Es ist die Grundlage unseres Lebens. Resonanz ist ein lebensspendendes Fundament. Wir sind dialogische Wesen. Ohne du kein ich. Die Welt wird uns fremd, wenn wir keine Antwort erhalten.

BZ: Was hat den Anstoß gegeben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

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Tarr: Der Auslöser waren eigentlich meine Studenten. Als ich an die Universität Mozarteum Salzburg kam, habe ich gemerkt, wie wichtig es für die Studenten ist, Resonanz zu bekommen, einen Ort zu haben, wo sie sich zeigen dürfen und lernen, nicht nur Virtuosen zu sein, sondern was es heißt, Menschen zu berühren. Diese Musikstudenten sind oft Einzelkämpfer, die viel im stillen Kämmerlein üben, üben, üben. So habe ich sie befragt, wie sie Resonanz erleben. Da gab es lebendige Diskussionen. Ich habe gemerkt, wie entfremdet viele leben und danach suchen, sich über Blogs, Smartphones und Internet ein Podium zu verschaffen.

BZ: Wie wichtig ist Resonanz für den heutigen Menschen in Zeiten von Facebook und Realityshows?

Tarr: Sehr wichtig. Was früher den Reichen und Mächtigen vorbehalten war, kann heute jeder: Jeder kann sich zeigen, da gibt es x Plattformen und Foren, und da sieht man diese verzweifelte Suche nach Bestätigung, Applaus und Beachtung: Wie findet ihr mich? Schaut mich an! Jeder strebt nach sozialer Resonanz.

BZ: Sie schreiben, dass Ihr Buch anders sein will. Ist es also kein gängiger psychologischer Ratgeber mit alltagspraktischen Tipps?

Tarr: Nein, ich möchte nur Phänomene klarmachen. Ich möchte nicht Ratschläge geben, wie man mehr Charisma oder Ausstrahlung kriegt, ich möchte den Menschen die Augen und Ohren dafür öffnen, was es heißt, ein gutes Leben zu führen. Zu diesem Leben gehört, dass wir die anderen brauchen, dass wir bereichert werden, wenn wir teilen und uns mit anderen austauschen, statt allein zu bleiben. Wie in der Musik: Wenn wir mit anderen zusammenspielen, gibt es gemeinsames Atmen, Hinhören, Antworten: der Inbegriff von Resonanz.

"Wir alle sind angewiesen

auf wache Augen."

BZ: Im Buch dreht sich viel um soziale Resonanz.

Tarr: Ja, das geht bis hin zu Extremsituationen wie Krankheit und Sterben. Wer auf den Beistand von Ehepartnern und Familie zählen kann, lebt gesünder und hat bessere Chancen auf Genesung. Wir alle sind angewiesen auf wache Augen, warme Hände, wohlwollende Blicke.

BZ: Sie geben also Gedankenanstöße für ein besseres Miteinander?

Tarr: Meine Kernthese ist: Wir können etwas ändern, wenn wir miteinander und auch mit Dingen in Beziehung treten. Das fängt in der Küche an. Die Hausfrau, die einen Hefeteig knetet, ist in Resonanz mit dem Teig, der unter ihren Händen Blasen wirft. Das ist eine Art Dialog. Deshalb backe ich seit 30 Jahren mein Brot selbst. So kann es Resonanz geben zu Dingen, zu einem Buch, zu einem Gemälde, oder zum Sternenhimmel. Miteinander zu singen, ist ein besonders schönes Resonanzgeschehen. Mit anderen zu singen verstärkt die seelischen Frequenzen und Schwingungen.

BZ: Also ist das Thema Resonanz etwas, was jeden betrifft?

Tarr: Absolut. Ich glaube, dass sich viel verbessern würde, wenn wir mal nach Feierabend miteinander Musik machen, einen Kaffee trinken, lachen oder mal einen Schwatz mit dem Nachbarn halten. Das stiftet Nähe, Vertrautheit statt Distanz und Entfremdung. Resonanz ist ein Lebensprinzip, das oft unterschätzt wird. Das möchte ich bewusst machen.

BZ: Auf dem Buchmarkt gibt es nicht allzu viel über dieses Thema.

Tarr: Bisher führte es ein eher stiefmütterliches Dasein, aber besonders in diesem Jahr ist das Thema stark in den Vordergrund gerückt, weil wir wohl spüren, dass die Sehnsucht nach einer antwortenden Welt nicht nur den Medien überlassen werden darf. Wir wollen besser verstehen, wie wir heute in Beziehungen leben, Spuren hinterlassen und Selbstwirksamkeit erfahren.

BZ: An wen wendet sich das Buch?

Tarr: Es ist ein Buch für Frauen und Männer, die spüren, dass Arbeit nicht das ganze Leben ist. Für Menschen, die sich fragen, was ein gutes Leben sein könnte, die verstehen, dass es nicht Besitz, Aussehen, Schönheit, Fitness und Effizienz sind, sondern eher die kleinen Dinge: sich eine Geschichte erzählen, zusammenspielen, lachen, weinen, singen, tanzen oder herumalbern. Das ist es jedenfalls für mich, was ein gutes Leben ausmacht.

BZ: Was erwartet die Leute an dem Abend bei Merkel?

Tarr: Es wird keine klassische Lesung, ich rede frei und mache einen interaktiven Vortrag, in dem ich die Zuhörer miteinbeziehe, sie frage und direkt in das Thema einbinde. Auch eine musikalische Überraschung ist geplant.

Buchvorstellung Dienstag, 7. Juni, 19.30 Uhr, Buchhandlung Merkel

ZUR PERSON: Irmtraud Tarr

Irmtraud Tarr, Jahrgang 1950, ist Professorin an der Universität Mozarteum Salzburg mit einem Lehrstuhl für "Performance Science", international tätige Konzertorganistin, Psychotherapeutin und Autorin von 34 Fach- und Sachbüchern. Tarr lebt in Eichsel.  

Autor: ros

Autor: ros