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16. März 2016

"Und wo bleibt im Beruf die Familie?"

Am Georg-Büchner-Gymnasium hilft das Theater Tempus Fugit den Schülern, Entscheidungen für den Weg nach dem Abitur zu treffen.

  1. Gedanken, die Abiturienten durch den Kopf gehen (v.l.): Schulleiter Hubert Wischnewski, Lehrerin Yvonne Fritz, Kristina Buddrus, Antonia Rehfueß und Mathias Müller (Tempus Fugit), Sabine Barde-Rütschlin (Agentur für Arbeit), Karin Maaßen (Leiterin Tempus Fugit), Rainer Liebenow (Sparkassenstiftung) und Maximilian Bendel (Tempus Fugit). Foto: Boris Burkhardt

RHEINFELDEN. Tom studiert Maschinenbau. Er ist fasziniert von Handprothesen, die so ausgereift sind, dass sie Bewegungen durch reine Gedankenkraft durchführen können. Aber Tom merkt bald, dass er sich im Studium nicht wohlfühlt: Mit seinen Kommilitonen hat er kaum Kontakt; dafür versteht er sich toll mit seinen beiden WG-Genossen, die Design studieren. Doch die Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums haben für ihn entschieden, er müsse sein Studium durchzuziehen, inklusive Aufenthalt in Detroit. "Am Ende habe ich mit 23 Jahren meinen Master und bin völlig ausgepowert", sagt Tom.

Eine Pressekonferenz im Stuhlkreis gibt es selten – da muss es um Kunst gehen. Das tat es am Dienstag im Georg-Büchner-Gymnasium auch, als Karin Maaßen und ihre Mitarbeiter vom Freien Theater Tempus Fugit das Projekt "Aufbruch" vorstellten. Das Theater soll den Gymnasiasten helfen, auf die Zeit nach dem Abitur vorbereitet zu sein: "Die Schüler sollen die Zukunft als Chance begreifen."

Gar nicht so selbstverständlich, auch oder gerade nicht für Gymnasiasten: "Die Schüler müssen realisieren, dass es ganz normal ist, wenn etwas nicht gelingt, und das es trotzdem kontinuierlich weitergeht", sagte Schulleiter Hubert Wischnewski im Stuhlkreis. So etwas lernen die Schüler zum Beispiel mit Tom. Tom ist in Wirklichkeit Mathias Müller, einer der Schauspieler, der nach seinem Abitur selbst mit der Frage konfrontiert war, wie es weitergehen solle.

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Müller stellt mit Tom einen Avatar, einen Charakter, zur Verfügung: Er hat eine vorgegebene Biographie, wie zum Beispiel das Maschinenbaustudium in Aachen. Für alle weiteren Schritte in Toms Leben müssen die Schüler jedoch gemeinsame Entscheidungen treffen. Sie beschließen beispielsweise, ob er an der Uni bleibt oder das Studium abbricht. Sie teilen ihm die Entscheidung mit, woraufhin der Schauspieler wiederum mitteilt, wie es Tom nach dieser Entscheidung ergeht.

In diesem Stil geht es hin und her. Und die Entscheidungen seien vielen Schülern nicht leichtgefallen, berichtet Schauspielkollegin Antonia Rehfueß: "Am Ende des Studiums bemerkte ein Schüler plötzlich, dass sich keiner bei den Karriereentscheidungen Gedanken um Freunde und Familie gemacht hatte." Entsprechend sagt eine Schülerin bei der Fazitrunde, sie habe doch etwas Angst bekommen, als klar wurde, dass sie selbst aktiv teilnehmen müsse am Theater. Eine Klassenkameradin fand es hingegen amüsant. Andere Schülergruppen beschäftigten sich in kreativer Arbeit mit Zitaten und präsentierten ihren Mitschülern, was ihnen das Wichtigste für die Zukunft ist.

Das Projekt Aufbruch sei noch in der Probephase, erklärt Maaßen; deshalb sei sie tatsächlich sehr dankbar für alle Rückmeldungen. "Ziel unseres Projekts ist es, in den Schülern Offenheit zu erzeugen, ihnen in Diskussionen unter ihresgleichen ihre eigene Haltung bewusst zu machen", erklärt die Theaterpädagogin. Die Schüler in der Oberstufe gingen das Theater oft zu intellektuell an: "Wir müssen sie aber auch auf der emotionalen Ebene erreichen."

Das funktioniert nun offensichtlich, wie auch Lehrerin Yvonne Fritz feststellt: "Ich finde es ganz spannend, dass sich die Jugendlichen nicht zuerst entscheiden müssen, welche Fähigkeiten sie haben, sondern sie werden sich klar, was sie erreichen wollen und was ihnen wichtig ist." Auch die Sparkassenstiftung Jugend Umwelt Bildung und die Agentur für Arbeit Lörrach finden das Projekt so gut, dass sie insgesamt acht Auftritte finanzieren: Der zweite findet gleich heute nochmal im Georg-Büchner-Gymnasium statt.

Autor: Boris Burkhardt