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24. Dezember 2015 10:06 Uhr

Rheinfelden

Wie eine irakische Flüchtlingsfamilie bei der Kommunität Beuggen lebt

Die christliche Lebensgemeinschaft von Schloss Beuggen gibt einer irakischen Flüchtlingsfamilie Wohnung – und Gemeinschaft. Ganz so, wie es in der Bibel steht.

  1. Gemeinschaft in der Kommunität Beuggen (von links): Nadine Magued, Zeinab Ali Jassim, Julia Hinderer, Cordula Fassmann Foto: Ingrid Böhm-Jacob

  2. Abu Alfadi vor dem Tannenbaum Foto: Ingrid Böhm-Jacob

  3. Die Familie wohnt im Torhaus. Foto: Ingrid Böhm-Jacob

  4. Ehab Noori Kassim und Sohn Sinan Foto: Ingrid Böhm-Jacob

Im Torbogen zum Haus Nummer 1 leuchtet ein Weihnachtsstern. Die Eingangstür ist niedrig, gebaut für Menschen im Mittelalter. Im Schummerlicht führt eine Wendeltreppe nach oben. Vor der Wohnung stehen Straßenschuhe. Die Tür geht auf und alles wird freundlich, modern und hell. Das Wichtigste: Die Mieter strahlen. Es sind: Ehab Noori Kassim und Zeinab Ali Jassim. Das irakische Ehepaar hat zwei Söhne: Sinan (4) und Abu Alfadil (2). Die Flüchtlinge haben in Schloss Beuggen zu Weihnachten zwei Zimmer mit Bad und Küche bezogen. Möglich macht dies die Kommunität.

In der Wohnung steht ein Tannenbaum

Die christliche Lebensgemeinschaft hat beschlossen, einer Flüchtlingsfamilie Unterkunft und Gemeinschaft zu geben. Dazu hat sie die Wohnung im Torhaus von der badischen Landeskirche auf ein Jahr gemietet. Länger ist wegen der ungewissen Zukunft von Beuggen nicht möglich. Warm ist es innen, weiße Wände, Parkett, ein hellgraues, modernes Sofa füllt die Rückseite am Fenster aus. Am anderen Ende läuft der großformatige Fernseher mit Werbung auf Deutsch. Und es gibt noch einen dritten, unerwarteten Einrichtungsgegenstand: ein knapp ein Meter hohes Tannenbäumchen, üppig mit bunten Kugeln geschmückt und Lichterkette, obendrauf sitzt ein Stern.

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Alles ist gebraucht, zum Teil aus dem AWO-Schatzkästlein. Eine Küche ist vorhanden, aber es fehlt noch ein Lattenrost im Format 80 mal 200 und die Matratze dazu. Der Kommunität hofft auf Geldspenden dafür. Zwei Tage vor Weihnachten füllt sich der Raum zum Gespräch. Cordula Fassmann, Mitglied der Kommunität, die eine Etage über den Flüchtlingen wohnt, und Julia Hinderer mit Tochter nehmen Platz. Mit von der Partie ist Nadine Magued. Sie ist in Rheinfelden aufgewachsene Halbägypterin und unverzichtbar, weil sie Arabisch spricht und übersetzt. Durch die Kommunität erfüllt sich hier gerade eine Weihnachtsgeschichte im besten Sinn: Eine Familie erhält Geborgenheit und Unterkunft – wie es in der Bibel steht.

Begegnungen, die alle bereichern

Dabei ergeben sich wunderbare Begegnungen für beide Seiten: Die irakischen Flüchtlinge, die seit November 2014 in der Unterkunft Schildgasse lebten, haben muslimische Wurzeln, aber keine Berührungsängste mit christlicher Religion. "Ich bin Muslim, aber nicht radikal", betont der Familienvater mit Lächeln. "Wir sind Christen, aber auch nicht radikal", merkt Julia Hinderer an und alle lachen.

Das Gespräch verläuft entspannt. Die Familie macht nicht Urlaub im Schloss, sondern hat ihre Heimat verlassen, weil sie dort nicht mehr sicher leben konnte. "Wenn Sie langsam sprechen, ich verstehe", sagt der 38-jährige Iraker. Er lernt Deutsch, seine Frau Zeinab (29), mit pädagogischer Ausbildung, beginnt im Januar mit Kursen. Ehab Noori Kassim versteht recht gut. Bei schwierigen Fragen und Antworten vermittelt Nadine Magued. Ihr ist Cordula Fassmann im Familienzentrum begegnet.

"Viel besser als die Schildgasse", freut sich der Iraker über die Wohnung auf Zeit. Die Sozialarbeiter des Landkreises, die für die Sammelunterkunft zuständig sind, haben die Familie zugewiesen. Wie es der Zufall will: Cordula Fassmann als Ansprechpartnerin wird bei dieser Begegnung mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Sie hat ihre Kindheit in Bagdad verbracht, die Eltern waren im Auslandsdienst. Und Ehabs Vater war jahrelang Chauffeur der deutschen Botschaft in Bagdad. Das verbindet.

Die Zukunft der Familie ist unsicher, das Verfahren läuft

"Es sah so alt aus, konnte nicht vorstellen, eine Wohnung drin", erinnert sich Ehab Noori Kassim an die erste Begegnung mit Beuggen. Die Kommunität freut sich, die vier an Weihnachten im Kreis der Gäste begrüßen zu dürfen. "Wir wollen uns nicht aufdrängen", sagen Cordula Fassmann und Julia Hinderer, erst mal schauen, wie die Interessen sind. Die Einladung zum gemeinsamen Mittagessen am 25. Dezember und zum Krippenspiel in der Kapelle an Heilig Abend und Geschenkewichteln nehmen Ehab und seine Frau gerne an. Beide fühlen sich wohl an diesem Ort.

Selbstverständlich ist das nicht, denn ihre Zukunft ist unsicher, die Vergangenheit war es ohnehin. Das Asylverfahren läuft noch, gerne möchte Ehab Noori Kassim arbeiten. Das ist aber nicht einfach. Im Staat von Saddam Hussein war er im militärischen Geheimdienst vor der amerikanischen Eroberung. Unter neuen politischen Verhältnissen wurde auf sein Auto geschossen. Mit dem polizeilichen Führungszeugnis war nichts anzufangen. Übergangsweise hat er im arabischen Fünf-Sterne-Hotel Babylon im privaten Sicherheitsdienst gearbeitet und Türkisch gelernt. Auf eigene Faust hat sich die Familie nach Deutschland durchgeschlagen. Vater und Mutter sind in Bagdad.

Ohne Konto gibt es keinen Telefonanschluss

Um Kontakt zu halten, braucht die Familie Telefon und Internet, W-Lan reicht nicht. Aber einen Anschluss bekommt nur, wer ein Konto hat. Cordula Fassmann hilft mit, dass eine Eröffnung bei der Sparkasse klappt. Dort war Ehab schon. Als er gefragt wurde, ob er in der Schildgasse lebt, gab er als Adresse an: Schloss Beuggen, was ungläubiges Staunen hervorrief. Die Familie ist froh hier zu sein. Sohn Sinan geht in den katholischen Kindergarten St. Josef, sein Vater fährt ihn mit dem Fahrrad dort hin.

Die Kommunität freut sich über diese familiäre "Bereicherung". Offene Türen und Menschen aufzunehmen, entspricht dem Selbstverständnis. Die Mitglieder fragen sich nur, so Julia Hinderer, wie viel sie leisten können, ohne ans Stresslimit zu kommen. Aber sie und Cordula Fassmann sind überzeugt: "Es ist ein erfüllter Advent." Beide freuen sich aufs Weihnachtsfest und alle "sind gespannt".
Spenden für die Flüchtlingsfamilie

Kommunität Beuggen e. V. Konto: DE65520604100005011795, evangelische Bank. Kontakt: 07623/748746.

Kommunität Beuggen

Die evangelischen und katholischen Christen haben ihr Selbstverständnis schriftlich fixiert. An erster Stelle steht ein "Leben aus Gott und auf Gott hin". Neben gemeinsamen Gebeten gehören das Miteinander leben und der Dienst an anderen zu den Grundsätzen, sowie Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit.

Gäste sind in der Kommunität willkommen. Das Leben wird mit Menschen geteilt, die in Fragen und Umbrüchen auf ihrem Weg Unterstützung suchen. Die Kommunität bietet Veranstaltungen an und arbeitet mit örtlichen Kirchengemeinden zusammen. Die Wohnungsgenossenschaft besteht seit 2005 und hat die Gebäude Schütte und den Anbau in Erbpacht von der evangelischen Landeskirche gekauft.

Autor: ibö