"Ich wollte, dass sie nicht vergessen wird"

Lena Marie Jörger

Von Lena Marie Jörger

Mi, 29. August 2018

Rheinhausen

MENSCHEN IM BREISGAU:Carmen Lünendonker aus Rheinhausen hat ein Buch geschrieben.

RHEINHAUSEN. Es gibt viele Menschen, die gerne ein Buch schreiben würden. Carmen Lünendonker aus Rheinhausen hat es getan. Drei Mal. Das dritte Buch hat sie jetzt veröffentlicht. Es trägt den Titel "Meine Zeit mit Mutter" – ihre Schwiegermutter hat sie dazu inspiriert.

Januar 1945. Die Schwiegermutter flüchtet mit ihrer Familie aus ihrem Haus in Kleiwitz in Oberschlesien. Sie ist zwölf Jahre alt – und das älteste der fünf Kinder. Das jüngste ist sieben. "Ein wahnsinnig kalter Winter war das, hat sie immer erzählt", sagt Carmen Lünendonker 73 Jahre später. Sie sitzt am Esstisch, das Buch vor sich auf dem Tisch. "Die Flucht war für sie ein prägendes Erlebnis. Sie musste ihre Heimat verlassen und wusste, dass sie nicht zurückkommen kann."

Etwa 700 Kilometer legt die Familie zurück – fast vier Monate braucht sie dafür. Zunächst wird sie in Bayern untergebracht, die Schwiegermutter von Carmen Lünendonker zieht später um. Im Alter erkrankt sie, wird pflegebedürftig. Die Autorin und ihr Mann, die aus Mönchengladbach stammen, damals aber in Lörrach leben, holen sie zu sich nach Hause. Fünf Wochen lang pflegen sie sie – in Schichten, weil beide nebenher arbeiten, und mit Unterstützung durch den Sozialdienst. "Wir haben uns immer sehr gut verstanden und viel geredet", sagt die Diplom-Verwaltungswirtin über ihre Schwiegermutter, die auch ihre beiden ersten und bislang noch nicht veröffentlichten Bücher gelesen hat. "Sie war meine begeistertste Leserin." Eines Tages sagt sie: "Schreib doch mal über mich."

Nach dem Tod ihrer Schwiegermutter erinnert sich die Autorin daran. "Ich wollte, dass sie nicht vergessen wird." Sie fängt an zu schreiben, kreiert eine Geschichte um eine Hauptfigur, der sie den Namen Ilse Bednarz gibt, beschreibt deren Flucht aus Oberschlesien und ihr Leben im Deutschland der 50er-Jahre. Und das angespannte Verhältnis zwischen Ilse Bednarz und ihrer Tochter Edith, die als uneheliches Kind teilweise getrennt von der Mutter aufwächst. Die Geschichte spielt sich auf drei Ebenen ab: die heutige Zeit, in der Edith beschließt, ihre schwerkranke Mutter zu Hause zu pflegen, die Kindheit von Edith, und die Jahre der Flucht aus Oberschlesien und danach.

"Das mit der Flucht habe ich im Buch ziemlich genau wiedergegeben", sagt die Autorin. Und auch Eigenschaften ihrer Schwiegermutter hat sie ihrer Protagonistin verpasst: einen Putzfimmel, eine Leidenschaft für Sammeltassen. Ansonsten hat sie viele Dinge frei erfunden oder verändert.

Seit 2011 lebt sie mit ihrem Mann in Rheinhausen, zuvor wohnten sie in Ettenheim, wiederum davor in Lörrach. In Ettenheim und Herbolzheim war sie auch schon zu Lesungen zu Gast. "Das hat Spaß gemacht", sagt die Autorin. Mit dem Schreiben fing sie 2001 an. "Ich habe immer gesagt, ich würde gerne mal ein Buch schreiben. Irgendwann sagte mein Mann: Warum machst du es nicht?" Das war der Auslöser, den sie brauchte. Seitdem schreibt sie regelmäßig.

Derzeit überarbeitet sie ihr erstes Buch, das in Neuengland spielt, um damit an einem Wettbewerb teilnehmen zu können. Unterwegs und zu Hause hat sie, wie sie sagt, immer Papier und Stift griffbereit, um Ideen aufschreiben zu können. Die kommen ihr ständig, zum Beispiel beim Spazierengehen oder beim Lesen. Eine Idee für ein weiteres Buch hat sie schon – darin soll die DDR eine Rolle spielen.

Das Buch: Carmen Bach (Pseudonym), "Meine Zeit mit Mutter", BoD – Books on Demand, Norderstedt 2018; 438 Seiten; 12,99 Euro. ISBN: 978-3-7460-7960-8