Mit Gänsekiel und Schwarzdorntinte

Micheal Haberer

Von Micheal Haberer

Sa, 25. Juni 2011

Riegel

MENSCHEN AM KAISERSTUHL: Norman Hothum arbeitet als Illustrator, Kalligraph und Experte für die mittelalterliche Schreibkunst.

RIEGEL. Norman Hothum illustriert Bücher oder Urkunden. Er verwendet dazu Acryltusche. Seine Bilder und stilisierten Urkunden sollen auch aussehen wie neu. Aber Hothums Stil ist mittelalterlich. Seine Mal- und Schreibtechniken wie auch seine Werkzeuge sind ebenfalls mittelalterlich. Als Buchillustrators hat er sich insbesondere die Gotik als Inspirationsquelle ausgesucht.

Seine Bilder leuchten und auf seinen Handschriften glänzt die Vergoldung. Das Werk des 51-Jährigen, der vor einigen Monaten nach Riegel gezogen ist, soll nicht antiquarisch aussehen, als habe es schon Jahrhunderte in einer Bibliothek oder einem Archiv zugebracht.

Die Vorlage geben einmal die Schriftbilder aus dem 5. bis 15. Jahrhundert. Dazu gehören die großen Initialbuchstaben, um den Text zu gliedern. Um die kunstvollen Buchstaben herum haben die mittelalterlichen Schreiber Bilder gemalt, die bald zu einer eigenständigen Kunstform wurden. Ein Stück weit sei das Werk ein Comik gewesen, so Hothum: Die Bilder transportierten die Kernbotschaften, welche die vielen Analphabeten nicht lesen konnten.

Die alten eindrücklichen Stilformen verwendet Hothum für seine Arbeit. Dabei kopiert er nicht einfach die Werke mittelalterlicher Künstler. Er nutzt den Stil und das Wissen um den mittelalterlichen Alltag der Menschen, den besonders die französische und englische Mittelalterforschung zu Tage gefördert haben. Wenn ihm sein Auftraggeber freie Hand lässt oder dies sogar wünscht, bringt Hothum in den Ensembles von Girlanden, Bildchen und Schriftzügen auch ganz moderne, witzige Anspielungen unter.

Norman Hothum hat sein Hobby zum Beruf zu machen. Der gelernte Jurist hatte keine Lust auf die Praxis der Juristerei und mit etwa 30 Jahren sein Faible für das Zeichnen und das Mittelalter genutzt, um Geld zu verdienen. Die Nachfrage für die Werke seiner damals schon intensiv betriebenen Passion sei einfach so groß gewesen, dass der Gedanke, sich diesem Handwerk ganz zu verschreiben, nahe gelegen sei, so Hothum.

Er glaubt, seine Liebe zum Mittelalter komme aus seiner Kindheit am Mittelrhein mit den ganzen Burgen, historischen Städten und Stätten. Dahin habe er als Junge mit den Eltern oft Ausflüge gemacht.

Ebenfalls aus der Familie stamme die Begeisterung für die Malerei. Sein Können als Illustrator, Kalligraph und Experte für die mittelalterliche Schreibkunst hat er sich erarbeitet.

Erste Aufträge brachte dem Autodidakten die Mitgliedschaft in einem Burgenverein, für den er Urkunden zeichnete. Heute illustriert er Bücher, zum Teil komplett mit Schrift und Bild, zum Teil nur mit einzelnen Zeichnungen. Er gestaltet Speisekarten oder Weinetiketten, je nachdem, wer glaubt, dass ein mittelalterliches Flair zu seinem Produkt passt. Neben dem Stil bietet Hothum auch seine Techniken und seine Replikate von alten Schreibwerkzeugen an.

Seine Hände haben schon als Schreib-Double gearbeitet

Zu seinen Techniken gehört das Schreiben mit Gänsekiel oder Schilfrohrfedern, seine Tinten sind aus Schwarzdorn oder Rotwein, gemalt wird mit Pinseln aus Marderhaar oder Fehhaar auf Büttenpapier oder echtem Pergament. Für eine Filmgesellschaft haben seine Hände als Schreib-Double gearbeitet. Bei den Farben hat sich Norman Hothum schon aus gesundheitlichen Gründen für Acryltuschen entschieden. Denn das Schwermetall in den Originalfarbmischungen ist ihm nicht geheuer. Mit den modernen Farben bekomme er auch alle damaligen Farbtöne gemischt, sagt er.

In Kursen bringt er den Interessierten bei, wie Kalligraphie und Buchillustration funktioniert und in Museen oder bei Ausstellungen zeigt Norman Hothum sein Handwerk "live".

Weil das auch am übernächsten Wochenende so sein wird, kann er leibhaftig nicht bei den Riegeler Künstlertagen mitmachen. Aber seine Arbeiten und Werkzeuge werden da ausgestellt werden.