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31. Oktober 2016

Tonscherben und Raketenteile

Im Zuge der 30-Jahr-Feier des Riegeler Geschichtsvereins wurde eine aufgemöbelte Parca-Luftabwehrrakete vorgestellt.

  1. Eine Parca-Luftabwehrrakete als neues Schmuckstück: Rüdiger Dollhopf (Zweiter von rechts) erklärt dem Vorsitzenden Peter Ziegler (rechts) und den Gästen, was die Parca ausmacht. Foto: Michael Haberer

RIEGEL. Im Bürgerhaus von Riegel befindet sich ein Museum, in dem römische Tonscherben und Raketenteile zu sehen sind. Die für ein archäologisches Museum bemerkenswerte Kombination ist nun um eine Attraktion reicher. Im Zuge einer 30-Jahr-Feier des Geschichtsvereins am Samstagmittag wurde eine aufgemöbelte Parca-Luftabwehrrakete vorgestellt. Das französische Überbleibsel von Drittem Reich und Kaltem Krieg haben eine kleine Episode in der Nachkriegszeit und eine Generation, die sich daran erinnert, in das Museum gebracht.

Die Besonderheit des Museums, das in der früheren Zehntscheuer untergebracht ist, sieht man an der Resonanz. Der Vorsitzende Peter Ziegler erzählt dazu eine kleine Anekdote. In das Museum kommen die Kinder der Michaelschule, die etwas über Geschichte erfahren sollen. Wahrscheinlich geht es den Lehrern erst einmal um Riegel als "Freiburg der Römerzeit", von dem die Archäologen in den zurückliegenden Jahrzehnten viel ausgebuddelt haben. Wie man daraus ein Stück Riegeler Geschichte gemacht, ist in einer Abteilung zu sehen. Aber die Kleinen wollen weniger von römischen Kaisern als von modernen Raketen erfahren. So tummeln sie sich, noch ehe man sich versieht, in der Abteilung mit den Raketen, berichtet Ziegler seinen Festgästen.

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Die Römer haben eine ganze Weile in Riegel gelebt. Die wenigen Familien, die für die Raketengeschichte gesorgt haben, waren nur kurze Zeit nach dem Krieg in Riegel. Die Franzosen sammelten damals die Raketenforscher aus dem Dritten Reich, die nicht schon von den Amerikanern oder Russen angeheuert worden sind. Das Team aus Spezialisten wurde kurze Zeit in Riegel, Emmendingen und Denzlingen untergebracht. Dann ging es weiter ins spätere "Laboratoire de Recherches Balistiques et Aérodynamiques de Vernon" in Frankreich, von den Raketenforschern und ihren Familien "Buschdorf" genannt. Vor einigen Jahren hat Rüdiger Dollhopf, dessen Vater zu den Experten gehörte, ein Treffen der "Kinder von Buschdorf" in Riegel organisiert. Diese Treffen finden seither alle zwei Jahre statt (http://www.buschdorf.eu

Mit dem pensionierten Ingenieur Dollhopf und dem früheren Fahrzeugbauer Ziegler war der Impuls gelegt, auf den hin die Idee von einem archäologischen Museum durchstartete. Die Gemeinde machte mit. Bürgermeister Markus Jablonski erklärt, mit der Ausstellungsabteilung zur Antriebstechnik in Luft- und Raumfahrt habe man ein Highlight etabliert. Damit auch festgehalten wird, wem man die zweite Abteilung von "Römer und Raketen" zu verdanken hat, ernennt Ziegler den Ingenieur Dollhopf zum Ehrenmitglied des Geschichtsvereins. Mit den Raketen hat sich neben den Buschdorf-Kindern ein ganzes Netzwerk von Raketen-Menschen um den Geschichtsverein gebildet. Beim Jubiläum spricht auch Adolf Frank, der einige Ausstellungsstücke beigetragen hat und weitere ankündigt. Frank war Prüfstandsmeister im Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen und ist Vorsitzender des Historischen Forums in Hardthausen bei Heilbronn.

Ein weiteres "Kind von Buschdorf" ist der Franzose Ewald Schlotzer und er hat die Parca, die in Buschdorf entwickelt wurde, in Frankreich gefunden. Zusammen mit Dollhopf hat er die Letzte ihrer Art aufgemöbelt und sie nun ins Riegeler Museum gestellt.

Die Arbeit ihrer Eltern habe sie zu guten Europäern gemacht. Sie hätten eine Antenne für andere Kulturen, sagt Dollhopf auf dem Jubiläum. Er hat etwas zu kämpfen mit einer Reaktion auf das jüngste Treffen der Buschdorf-Kinder in Denzlingen (BZ berichtete). In einem Leserbrief in der Badischen Zeitung hat ein Freiburger Arzt an die Verbindung zu den Tüftlern an Hitlers Geheimwaffe erinnert. Es sei nicht fair, die Schuld dafür nun den Buschdorf-Kindern aufzuladen, findet Dollhopf. Auch für Riegel ist die frühere Grenze zu Frankreich schon längst gefallen. Auf der Feier spricht auch Joseph Goester, Bürgermeister des elsässischen Zillisheim. Dessen Schule hat eine Partnerschaft mit der Michaelschule.

Auf der Feier kommt natürlich auch die Archäologie zur Sprache. Christian Dreier, der das Archäologische Museum konzipiert hat, macht die Riegeler darauf aufmerksam, dass sie wohl zu Römerzeiten eine Stadt waren, aber bislang der Beweis dazu fehlt. Vielleicht war Riegel auch nur ein Römerdorf.

Autor: Michael Haberer