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22. November 2011

Der Bruder kann nicht singen

Im Freiburger Jazzhaus: Randy Hansen und Leon Hendrix.

Angekündigt waren "The Stories & Music of Jimi Hendrix". Doch der Abend im Freiburger Jazzhaus mit Randy Hansen und seiner Band plus dem Hendrix-Bruder Leon wurde nicht zum Abend voller Geschichten und Musik. Vorträge übers Gitarren-Genie fielen aus. Was aber nicht unbedingt störte. Zumindest nicht so sehr wie der Auftritt von Leon Hendrix als Gastsänger von Randy Hansen. Er hat eine nicht einmal eine Oktave umfassende Gesangstimme und ist scheinbar ohne jedes Gefühl für Intonation.

Jimi Hendrix selbst war gewiss kein überragender Sänger gewesen, sondern vor allem ein begnadeter Gitarrist und interessanter Arrangeur. Mit nur drei Langspielalben war er zur lebenden Legende geworden, niemand spielte so gekonnt und kreativ wie er faszinierende Verzierungen um elektrische Gitarrenakkorde. Er verschmolz aber nicht nur Rhythmus- und Leadgitarre, sondern konnte scheinbar beliebig selbst in simplen Rock-’n’-Roll-Stücken wie in Chuck Berrys "Johnny B. Goode" vorher unerhörte Klänge, wie aus einem anderen Universum, aufblitzen lassen.

Jimi Hendrix’ jüngerer Bruder Leon nun, über den er ein zu Lebzeiten unveröffentlichtes Stück mit dem Titel "It's Too Bad" schrieb – kann leider kaum die kurzen Worte "Johnny B. Goode" singen. Und wir sprechen gar nicht erst über sein fehlendes Taktgefühl.

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Eindringliche Passagen

Randy Hansens Auftreten aber machte das wett. Zu den besten lebenden Hendrix-Interpreten zählt der Amerikaner – der nicht nur wie das Original aus Seattle kommt, sondern sich auch noch genauso kleidet wie einst. Und sogar dessen Stimme immer besser zu kopieren versteht. Nicht nur bei "Stone Free" zaubert der lockere Gitarrist mit seinen beiden Begleitern aus der deutschen Rock-Szene – U. F. O. Walter am Bass und Manni von Bohr am Schlagzeug, denen in Titeln wie "Rainy Day Dream Away" nur etwas dezenter amerikanischer Groove fehlt – erstaunlich eindringliche Hendrix-Passagen aus seinen Marshall-Boxen.

Dass er bereits nach zwanzig Minuten und nach der Ankündigung "Alright, that was fun. Now a song to slow down" schon zum vierten Mal die Gitarrensaiten mit dem Mund bearbeitet, stört die Vorstellung eher optisch als musikalisch. Der dynamische US-Gitarrist hat seinen Hendrix-Vortrag ebenso wie das Publikum im Griff.

Deutlich gebremster erscheint das Gebotene, wenn Leon Hendrix gestenreich die Bühne einnimmt und sich bemüht, "Hey Joe", "Castles Made of Sand" und "All Along The Watchtower" zu singen. "Voodoo Chile" fällt zum Glück relativ knapp aus.

Bei "Hear My Train A Comin" aber erfreut das Hansen-Trio ohne den Hendrix-Bruder, um anschließend "Are You Experienced" nach einem Intro aus "Who’s Next" locker mit Ravels "Bolero" zu garnieren. Auch "Power Of Soul" fügt sich ein in die spannenden Hendrix-à-laHanson-Stücke. Statt des üblichen "Zugabe, Zugabe" hallen am Ende "Randy, Randy"-Rufe durch den Freiburger Jazzkeller – und dem altersmäßig erstaunlich durchmischten Publikum wird noch das erwähnte Schauerstück "Johnny B. Goode" geboten.

Autor: Alfred Rogoll