Von Marrakesch nach Istanbul

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mi, 31. Juli 2013

Rock & Pop

"Das Haus der Schlangen" und die "Turkish Gypsy Night" beim Festival Tamburi Mundi im Freiburger E-Werk.

Wenn Tamburi Mundi seine Zelte im E-Werk Freiburg aufschlägt, ist die Atmosphäre ein bisschen so wie auf einem orientalischen Souk. Man findet einen Instrumentenbazar, angeregt diskutierende Menschen aus aller Damen und Herren Länder, Musiker, Tänzer, Geschichtenerzähler. Gerade Letztere nehmen in den jüngeren Ausgaben des Rahmentrommelfestivals eine immer prominentere Rolle ein.

So entführte zur Eröffnung der Montagabend-Konzerte Andreas Kirchgäßner auf den Orientmarktplatz par excellence, Marrakeschs Djemaa El Fna. Drei Musiker des Münchner Ethnokollektivs Embryo hat der Freiburger Weltreisende mitgebracht, um vom "Haus der Schlangen" zu erzählen. Kurzweilig und spannend, ihm durch das Gewirr des Marktes zu folgen, in Touristenfallen zu tappen, schließlich beim Stand der Aissaoua, des Sufi-Ordens der Schlangenbeschwörer zu landen. Mit einem ganz bestimmten Ansinnen: Kirchgäßners Begleiter Thomas Gundermann, der die orientalische Spieltechnik auf die alte deutsche Sackpfeife übertragen hat, will sich mit den Spielkünsten der Sufis auf der Schalmei Reita messen. Das arabeske Sichumkreisen, misstrauische Annähern der beiden Kulturen und schließlich freundschaftliche Zusammentreffen im Haus des Sufimeisters, im Reich der Puffottern und Kobras, geschieht für die Zuhörer auf mehreren Ebenen. Kirchgäßner hat die Ereignisse mit dem Aufnahmegerät protokolliert, spielt immer wieder Originaltöne ein .Vor allem aber sind es die drei Musiker, die diesem modernen Märchen aus 1001 Nacht samt augenzwinkernden Culture Clashs Körperlichkeit verleihen. Gundermann als virtuoser Dudelsackspieler und Rohrflötist mit halsbrecherischen Tongirlanden und hauchender Flüchtigkeit, umrankt von Ibrahim Chahoub und Emin Reman, die mit der Bendir den Bezug zur Rahmentrommel herstellen. Musikalisch eindrucksvoll auch die Einlagen mit den Stücken der Gnawa, der marokkanischen Minderheit, die sich mit großen Castagnetten, dem Gimbri-Bass und kehligem Gesang in Trance bringen.

Quer über Nordafrika bis zum Bosporus ging es für die Zuhörer dann zur "Turkish Gypsy Night" – allerdings eine in freier Adaption, wie Festivalleiter Murat Coskun gleich zu Beginn klarstellte. Wie bei Tamburi Mundi gute Tradition, hat sich um sein Ensemble Fis Füz eine Sessiongruppe gebildet, die Musiker von weit her mit lokalen Größen koppelt. Von dieser Heterogenität lebte der Abend. Schon in den perkussiven Farben gab es große Vielfalt zu erlauschen, mit Coskuns flinker Rahmentrommel, die auf die – beleuchtete! – Darbuka des Tarkan-Bandmusikers Mehmet Akatay traf. Weibliche Stärke auf der Bechertrommel – und einer überraschend bassigen Kniegeige – zeigte die stets hellwach interagierende Raquy Danziger.

Genauso rustikal aufbrüllend wie virtuos verspielt Tubastar Michel Godard, der sich mit Annette Mayes fabulierender Bassklarinette tieftönig umschlang. Und schließlich die Ergänzung der Textur durch die Saiteninstrumente: Gürkan Balkan, der dem Gypsy-Thema sowohl mit geschliffenen Oud-Soli als auch jazzigen Flamencoanleihen gerecht wurde, und die perlende Saz von Ibrahim Sarıaltın – mit warmherziger Stimme überzeugte er auch in einem Sufi-Lied. Zur Kultur der Roma gehört natürlich auch der Tanz, für den die zierlich-kokette Gülay Sütçü in verschiedene Rollen schlüpfte: einmal als Gypsy-Mädchen im rot-schwarzen Kleid, einmal als Salondame, dann sogar als Ganove im Gefängnis. Äußerst effektvoll wurde sie im Finale mit dem schönen Titel "Du hast mich fertig gemacht, mein kleiner Roma-Vogel" konterkariert durch den resoluten Flamencotanz von Bettina Castaño.

Was kurioserweise aber am meisten in Erinnerung bleiben wird von diesem Abend, das ist genauso gypsy- wie rahmentrommelfern: Godards blaue Tuba in einer prächtigen Metamorphose zum Didgeridoo.