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31. Oktober 2014

Interview

Al Di Meola in Lörrach: „Ich liebe die Beatles, wie sie sind“

BZ-INTERVIEW mit dem Fusion-Jazz Gitarristen Al Di Meola, der mit seinem neuem Album in den Lörracher Burghof kommt.

  1. Al Di Meola Foto: ZVG

Al Di Meola, einer der besten Fusion-Jazz-Gitarristen der Welt, verblüfft auf seiner aktuellen CD, mit der er in den Burghof kommt, mit instrumentalen Neufassungen von Beatles-Klassikern wie "Michelle" "Penny Lane" und "Eleanor Rigby". In seiner Karriere leistete Di Meola sowohl auf dem Gebiet der akustischen als auch der elektrischen Gitarre Pionierarbeit. Olaf Neumann sprach mit dem 59-jährigen Amerikaner, der mit Return To Forever den Jazzrock revolutionierte und mit John McLaughlin und Paco De Lucia legendäre Alben aufnahm.

BZ: Mr. Di Meola, Ihr aktuelles Album heißt "All Your Life – A Tribute To The Beatles". Wollten Sie mit dieser Platte die Musik der Fab Four neu erfinden?
Al Di Meola: Ich dachte einfach nur, mit dem Stil, den ich im Lauf der Jahre entwickelt habe, könnte ich der Musik der Beatles etwas Neues hinzufügen. Das große Wort "Neuerfindung" wäre mir selbst nie in den Sinn gekommen; ich liebe die Beatles so wie sie sind. Ich sehe überhaupt nicht die Notwendigkeit, die harmonische Struktur ihrer Songs zu verändern, was viele Jazzer ja versucht haben. Leider konnte man die Songs oft nicht mehr wiedererkennen. Ich wollte von diesen Kompositionen so viel intakt lassen wie möglich und gleichzeitig meine eigene Note mit hineinbringen. Es ist ein Projekt aus purer Leidenschaft.

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BZ: Gibt es Ihrer Meinung nach Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Musik und der Musik der Beatles?
Di Meola: (lacht) Nicht offensichtlich! Aber es wurde immer wieder hervorgehoben, dass auch meine Musik auf besondere Weise melodisch sei. Vielleicht hat dieser Umstand ja etwas mit den Beatles zu tun. Ich fand schon immer, dass George Martin ihre Alben phänomenal produziert hat. Wenn ich selbst im Studio war, habe ich mich oft gefragt, wie hätten es wohl die Beatles gemacht. Einmal habe ich sogar das Schlagzeug nur auf einen Kanal gelegt, was seit den Beatles sonst niemand mehr getan hat.
BZ: Könnten Sie sich vorstellen, Popsongs im Stil der Beatles zu schreiben?
Di Meola: Nein, denn ich singe nicht. Ich habe es in meiner Karriere einmal versucht, aber ich werde Ihnen jetzt nicht sagen, wo. (lacht) John und Paul waren ja auch großartige Sänger, die umwerfende Texte schreiben konnten. Mir ging es eher darum, meine Welt auf die Welt der Beatles treffen zu lassen und zu schauen, was dann passiert.

BZ: Sie haben in Ihrem Leben sicher unzählige Tonstudios gesehen. Sind die Abbey Road Studios in London wirklich einzigartig?
Di Meola: Es hat sich herausgestellt, dass es die am besten klingenden Studios meines Lebens waren. Und das hat definitiv nichts mit Nostalgie zu tun, weil dort die Beatles ja all ihre Meisterwerke aufgenommen haben. In den Räumlichkeiten von Abbey Road hat sich seit damals wenig verändert, es sind immer noch dieselben Böden, Wände und Mikrofone. Unter diesen Bedingungen Musik aufzunehmen war ergreifend. Ich habe mich gefühlt wie ein Kind, das zum ersten Mal Disneyland besucht. Dieses Album wollte ich unbedingt so aufnehmen wie die Beatles das "Weiße Album" und "Sergeant Pepper" aufgenommen haben – nämlich auf acht analogen Spuren. Der Unterschied zu Pro Tools ist wie Tag und Nacht. Hören Sie sich mal "Magical Mystery Tour" genau an. Der Sound ist erstaunlich fett und man hat das Gefühl, als stünde John Lennon direkt neben einem. Dieses Gefühl von Weite hat etwas mit der Breite des Tonbandes, den Räumlichkeiten und den Mikrofonen zu tun.

BZ: Hätten Sie es gern gehabt, dass George Martin Ihr Album produziert?
Di Meola: Nein, denn ich hätte wahrscheinlich mein Haus verkaufen müssen, um mir den Beatles-Produzenten leisten zu können. Es ging mir auch nicht darum, eine opulente Produktion im Stile George Martins realisieren zu wollen, sondern ich wollte etwas ganz anderes: nämlich eine minimalistische Solo-Gitarrenplatte. Also das Gegenteil einer Beatles-Produktion. Ich gebe aber zu, dass ich versucht war, mehr zu machen, weitere Musiker und Instrumente dazu zu holen. Gut, dass ich mich die ganze Zeit gezügelt habe.

BZ: Wie komplex sind die Beatles-Songs hinsichtlich des Rhythmus’?
Di Meola: Die Art und Weise, wie ich mich diesen Songs genähert habe, gehört zum Schwierigsten, was ich je gemacht habe. Wobei die Originale natürlich eher aus einfachen Rhythmen bestehen. Um den musikalischen Ablauf zu beleben und Spannung zu schaffen, arbeitete ich mit rhythmischen Verschiebungen, und das war kompliziert und zeitaufwendig, gerade bei Songs wie "Penny Lane" und "Michelle". Aber der Hörer wird von dieser Komplexität wahrscheinlich nichts merken, denn es sollte immer leicht klingen. Wenn ich diese Sachen live spiele, bin ich immer ein bisschen nervös.

BZ: War auch Sir Paul McCartney von Ihren Neufassungen angetan?
Di Meola: Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass eine deutsche Journalistin, die ich sehr schätze, ihm mein Album persönlich übergeben hat. Ich hatte nicht den Mut, dies selbst zu tun, aber ich konnte es aus sicherer Entfernung, versteckt hinter einem Busch, beobachten. Ich hatte mir nämlich auf Long Island für die Arbeit am Album ein Haus gemietet, ohne zu ahnen, wer mein Nachbar war: Paul McCartney. Eigentlich hätte ich dieser Journalistin für diesen Dienst eine Million Dollar zahlen sollen, stattdessen besorgte ich ihr einen Interviewtermin bei Keith Richards, ihrem großen Idol. Wir haben also unsere Idole ausgetauscht. (lacht)

BZ: Träumen Sie davon, einmal mit Ihrem Idol zu spielen?
Di Meola: Der Clou wäre gewesen, wenn Pete Best auf dem Album Schlagzeug spielen würde. (lacht) Verdammt schade, dass ich da erst jetzt drauf komme. Mich wundert, dass Pete überhaupt noch am Leben ist. Ich könnte mir vorstellen, dass er seit 50 Jahren deprimiert ist, weil die Beatles ihn 1962 ohne Begründung rausgeworfen haben. Ringo zu kriegen wäre wahrscheinlich extrem schwierig gewesen, weil er dauernd auf Tour ist. Einmal hätte ich mich fast mit Klaus Voormann getroffen, dem so genannten fünften Beatles. Er lebt am Starnberger See. Mit ihm mal etwas zu machen, wäre schon toll.

BZ: George Harrison stand Zeit seines Lebens im Schatten von John Lennon und Paul McCartney. Viele hielten ihn für einen großartigen, aber unterbewerteten Gitarristen.
Di Meola: Als die BBC mich beziehungsweise Return To Forever an meinem 55. Geburtstag fürs Lebenswerk ehrte, war Sir George Martin derjenige, der uns den Award überreichte. Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Ich erzählte George bei dieser Gelegenheit, was die Beatles mir bedeuteten. Ohne sie wäre ich nie Gitarrist geworden. George Martin konnte nicht fassen, dass die Beatles auch für uns Jazzer so wichtig waren. Er fragte mich, wen ich für den besseren Gitarristen halten würde, John oder George. Ich sagte: ganz klar Paul! Aber Paul soll jetzt bloß nicht anfangen, sich mit mir messen zu wollen. Denn dann werde ich stinksauer.

BZ: Was spielen Sie bei Ihrer Tour noch?
Di Meola: Ich spiele jene Teile der neuen Platte, die ich für meine Band arrangiert habe, aber auch eigene Songs aus meiner Karriere. Erstaunlich, wie gut die Sachen miteinander harmonieren. Es ist eine reine Akustikgeschichte, aber nicht ohne Soundeffekte. Die Reaktionen auf das Album sind so gut, dass wir die Tour 2014 fortsetzen werden. Aber ich habe auch schon mit den Vorarbeiten für die nächste Platte begonnen, diesmal ausschließlich mit Originalen.

– Al Di Meola, "All Your Life – A Tribute To The Beatles" (In-Akustik). Konzert: Di, 4. November, 20 Uhr, Burghof Lörrach

AL DI MEOLA

Der heute 59-Jährige Jazzmusiker studierte am Berklee College of Music in Boston. 1977 wurde er als "Best Jazz Guitarist" und sein zweites Album als "Best Guitar LP" ausgezeichnet. Damit war er der jüngste Gitarrist, der diese Auszeichnungen jemals bekam. 1981 nahm er zusammen mit den Gitarristen John McLaughlin und Paco de Lucía das Live-Album "Friday Night in San Francisco" auf, das mehr als zwei Millionen mal verkauft wurde.  

Autor: BZ

Autor: onma