Stimmen 2015

Bob Dylan in Lörrach: Der Wandelbare

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 18. Juli 2015

Rock & Pop

Bob Dylan bei Stimmen auf dem Lörracher Marktplatz.

Sockel, auf die Bob Dylan seit den 60er-Jahren gestellt wurde, gibt’s viele. Als König des Protestlieds galt er, als Sprachrohr der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, als Galionsfigur der Hippies, psychedelisch infizierter Messias und "elektrisch entflammter Rimbaud", wie ihn Die Zeit nannte, als Singer/Songwriter mit Chancen auf den Literaturnobelpreis und neuerdings als christlich angehauchter Apokalyptiker. Dylan hat solche Zuschreibungen im Dienst medialer Ikonografie stets unterlaufen und tut das weiterhin. Nichts hat dauerhaft Bestand: "Things Have Changed" eröffnete das "Stimmen"-Konzert auf dem ausverkauften Lörracher Marktplatz, wie alle anderen Konzerte dieser Tour auch.

"People are crazy and times are strange / I’m locked in tight, I’m out of range / I used to care, but things have changed", heißt es im Refrain. Wer will, kann das als programmatische Ansage sehen. Dylan hat sich vermutlich etwas dabei gedacht, dieses Stück an den Anfang zu stellen. Was aber lässt er im Ungefähren. Offensive Botschaften sind seine Sache nicht. Der 74-Jährige sagt auch in Lörrach kein erklärendes Wort, erzählt keine Anekdote, stellt nicht mal die Band vor und verabschiedet sich nach gut 100 Minuten vor der Zugabe wortlos mit einer kleinen, etwas müde wirkenden Geste; eine große – wie der einmalige Kniefall vor dem Lörracher Publikum 2001– ist ihm, so war aus Backstagekreisen zu hören, schon körperlich kaum mehr möglich. Tatsächlich bewegt er sich inzwischen etwas hölzern; er agiert in sich gekehrt wie eh und je. Mit einem auf Interaktion mit dem Publikum fokussierten zeitgenössischen Konzertbetrieb hat das nichts zu tun. Dylans Performance ist old fashioned, und die Message (ver)steckt (sich) allein in den Songs. Die Botschaft ist, wenn’s überhaupt eine gibt, Dylan selbst als Musiker und Inkarnation aller modernen Widersprüche.

Dafür schöpft der mit weißem Hidalgohut, himmelblauem Hemd und einer Hose mit gelben Karomuster-Streifen im US-Südstaaten-Look gekleidete kleine Mann aus seinem großen Œuvre von mehr als 600 Liedern. Die Setlist bietet Neueres wie "Levee’s Gonna Break" von "Modern Times", Songs von "Tempest", das zupackende, anklagend-beschwörende "Pay in Blood" und das als wuchtiger, schwerblütiger Blues arrangierte "Early Roman Kings"; mit "Full Moon And Empty Arms" gibt’s eine in kitschige Candlelight-Atmosphäre gepackte Kostprobe der Anfang des Jahres erschienenen Sinatra-Adaptionen, mit denen sich Dylan weiter in der US-Kultur verortet; aber auch Älteres ist eingestreut in die 17 Titel und wird freudig begrüßt: "I’ll Be Your Baby Tonight", ein Shuffle von John Wesley Harding von 1967, "Vision of Johanna", die Fantasie eines unglücklich Verliebten von 1966, "Blind Willie McTell", ein bluesig arrangiertes Stück aus den 80er-Jahren, das einen Parforceritt durch die Geschichte der US-Südstaaten bietet, sowie am Ende "Desolation Row", eine Standortbestimmung der Zivilisation, und "Ballad of a Thin Man", beide vor 50 Jahren auf "Highway 61 Revisited" erschienen.

Mag sein, dass sich das Programm an der alternden Stimme orientiert. Die klingt noch brüchiger, spröder als einst, das charakteristische Näseln dagegen ist fast verschwunden; dafür ist das Kratzige, Reibeisenhafte dominanter, der Hang zum Sprechgesang ausgeprägter. Aber Volumen und Leidenschaft stimmen, passen zu den Balladen, und musikalisch knistern die Arrangements vor Spannung. Jedes Stück ist ein kleines Kunstwerk – vom Melodiebogen bis zur Pointe. Stilistisch zieht Dylan dafür viele Register: Country & Western, Folk, Blues, Rock, gar Swing. Einige Stücke sind im Vergleich zum Original denn auch kaum wiederzuerkennen – wie etwa "Shelter from the Storm" .

Dylan interpretiert Dylan, könnte das Motto sein. Das aber macht der 74-Jährige, der die Gitarre inzwischen im Koffer lässt, dafür den Flügel traktiert und mitunter ein Mundharmonika-Solo beisteuert, auch mit Hilfe der fünfköpfigen Band überzeugend und verschafft sich Respekt: Sein Wunsch, auf Fotos und Handybilder zu verzichten, wird zumindest in vorderen Reihen weitgehend beherzigt. Das unterläuft erneut scheinbar Selbstverständliches, betont den sperrigen Nonkonformisten Dylan und lässt hoffen, dass die "Never ending Tour" tatsächlich weiter tourt. Die Chancen stehen nicht schlecht: Für November ist Dylan bereits in Basel angekündigt.
– Bob Dylan, Basel, Musical Theater, Fr, 13. und Sa, 14. November, 20 Uhr, Vorverkauf in Kürze über http://www.ticketcorner.ch