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10. November 2017

Rock

Die neue „Bootleg Series“-Box spiegelt Bob Dylans Gospelphase

Dass im Rahmen der Bootleg Series von Bob Dylan jetzt eine Fülle von Aufnahmen aus der Gospelphase von 1979-81 erscheint, und dies in einer Deluxe Edition mit acht CDs und einem Musikfilm, ist eine echte Überraschung.

  1. Die Bühne wurde ihm zur Kanzel: Bob Dylan während eines Konzerts nach seiner Bekehrung zum christlichen Glauben Foto: Howard Alk

Zu lange schon war das Gerücht in Umlauf, auf seine Zeit bei den "wiedergeborenen Christen" reagiere Dylan heute phobisch, als dass es sich dabei um eine banale Medienente hätte handeln können. Vielleicht hat der Literaturnobelpreis geholfen, solche Ängste abzubauen, wir wissen es nicht.

Ähnlich wie bei dem berühmten "Judas"-Schrei von Manchester 1966 gilt für den Protest gegen Dylans Gospelpassion 13 Jahre später, dass die Kritik versagt hat. Aus dem Übertritt des Künstlers in eine christliche Sekte leitete man umstandslos die Identität seiner Kunst ab. Statt das Neue der Songs wahrzunehmen, stürzte man sich auf die Ideologie der Texte. Man ereiferte sich über den "Rechtsdrall" seines Idols und hielt sich zugleich die Ohren zu: kein Wort über Musik, Gesang und Performance. Nun machte es Dylan den Leuten sicher nicht leicht. In den Konzerten trieb er sein Darstellungsspiel so sehr auf die Spitze, dass es schien, er habe mit den "Masken" auch alle kulturelle Scham abgelegt und meine buchstäblich, was er sage, wenn er Feuer und Schwefel predige. Den damit einhergehenden ästhetischen Verwirrungen war der Großteil des Publikums nicht gewachsen. Fanden doch in den Shows Predigten statt, deren eschatologische Emphase auch die treuesten Anhänger verstörte und den Mann auf der Bühne als jemanden zeigte, der das Gefühl für die eigenen Grenzen verloren hatte. Später führte diese Erfahrung dazu, die Gospelphase in Dylans musikalischer Geschichte platt zu isolieren. Bis in unsere Tage wird sie, zumal in Deutschland, als Fehltritt außer der Reihe abgetan, und das zum Teil von Bobs wildesten Verehrern.

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Gegen diesen kunstfremden Habitus bietet "Trouble No More" über weite Strecken ein heilsames Gegengift. Zunächst einmal dokumentiert die Box, dass die Gospelkonzerte vom 1979/80 musikalisch fast alles in den Schatten stellen, was seit 1966 von Dylan live zu hören war – einschließlich der virtuosen Rolling Thunder Revue. Wie ein neues Koordinatensystem ist ihnen zu eigen, worum sich die Touren der 1970er-Jahre bemühten, ohne ihr Ziel je zu erreichen: eine Balance zwischen heißem Sound und konstruktiver Darstellung, einem experimentellen Aktualismus des Musizierens, in dem alles aufs Spiel gesetzt wird, und einem durchdachten Konzept des Ganzen, aus dem auch die spontanste Improvisation nicht herausfällt. Nie wieder hat Dylan "Gotta Serve Somebody" mit dieser finsteren Intensität gesungen wie im Herbst 1979 in San Francisco. Das war kein Song zum "Einsingen", sondern Ernstfall von Anfang an. Hier gibt es nichts zum Unterhalten oder Ausspannen, signalisiert der Gestus der Musik, hier werden die wahren Dinge verhandelt.

Mehr als irgendwo sonst tritt das an Dylans Stimme hervor. Von ihr geht eine Enge aus, die Schärfe freisetzt und fahle Farbe zugleich. Nicht auf "High Energy" zu setzen ist das Gebot der Stunde, sondern im Reich der Enge selbst nach anderen Ausdrucksformen zu suchen. So mobilisiert Dylans Organ Tongesten von Aggression, Kraft und Entrückung, als wäre es das erste Mal. Zu den mitreißendsten Aufnahmen zählen die beiden CDs mit den Zusammenschnitten der Konzerte im April 1980 in Toronto. Dylanologen kennen das natürlich längst von inoffiziellen Bootlegs her, aber diese Musik jetzt in aufnahmetechnischer Exzellenz zu hören, ist ein Erlebnis. Es zeigt sich auch: Die religiöse Ideologie ist die Voraussetzung für den musikalischen Rausch. Ohne Kreuzzug keine Kunstexplosion. Das macht die Lyrics nicht besser, aber es gibt ihnen einen Platz, eine Funktion.

Aus einem ganz anderen Grund beeindruckend ist das große Londoner Konzert vom 29. Juni 1981. Es zählt zu jener Phase, in der Dylan die Umgestaltung alter Songs mit dem neuen Gospelmaterial verbindet. Aber das Feuer hat an Kraft verloren, und so muss der Sänger seine darstellerische Intelligenz neu formieren: "preaching never more". Das ist teils sehr intensiv und bewegend, teils trägt es Züge eines Kunstwollens, das unterschiedlichste Musikgestalten zusammenzwingt. Auch wenn das nicht immer gelingt, die Aufnahme bleibt ein faszinierendes Dokument.

Dass man uns die Predigten (mit Ausnahme des Films) erspart hat, war eine weise Entscheidung. Noch sind die Bootleg Series keine historisch-kritische Ausgabe, auch wenn sie sich einer solchen zunehmend anähneln.

Bob Dylan: Trouble No More: The Bootleg Series Vol. 13 /1979-1981 (Sony, Deluxe-Edition).
Der Autor:
Richard Klein ist Honorarprofessor der Musikhochschule Freiburg und Autor zweier Bücher über Bob Dylan.

Autor: Richard Klein