Fabelhafte Fehler

Gerrit Terstiege

Von Gerrit Terstiege

Fr, 20. November 2015

Rock & Pop

Das Aufnahmestudio als Versuchslabor: "The Cutting Edge", die neue Folge der "Bootleg Series", zeigt Bob Dylan als Suchenden.

Um es gleich zu sagen: Diese Box ist ein Riesenspaß! Wir erleben hier einen 24-jährigen Bob Dylan auf dem Zenit seiner textlichen und musikalischen Kreativität – spielerisch, feixend, experimentierfreudig erarbeitet er sich Song für Song, darunter Meilensteine wie "Just Like A Woman" oder "Stuck Inside of Mobile With The Memphis Blues Again".

Die jetzt erschienene, zwölfte Ausgabe der Bootleg Series, die seit 1991 in loser Folge unveröffentlichte Roh- und Livefassungen seiner Songs versammelt, dokumentiert die wilden Sessions der Jahre 1965 und 1966, in denen sich Dylan in Blitzgeschwindigkeit vom Folksänger zum surrealen Rockpoeten wandelte. In kurzer Abfolge haute er im März und August 1965 mit "Bringing It All Back Home" und "Highway 61 Revisited" zwei bahnbrechende Platten heraus, um keine neun Monate später das phänomenale, erste Doppelalbum der Rockgeschichte nachzulegen: "Blonde On Blonde".

Dass man die "Cutting Edge"-betitelte Box in der Vinylvariante mit riesigem, opulent bebildertem Booklet braucht, ist Ehrensache. Aber leider bietet sie mit 36 Titeln auf drei Platten nur einen Bruchteil der Songs, die Columbia/Sony nun veröffentlicht hat. Echte Fans werden nicht drum herumkommen, auch die digitale "Deluxe Edition" herunterzuladen, denn die enthält sage und schreibe 111 Stücke. Wer nun aber komplett wahnsinnig ist, seine Ehe riskieren möchte oder nach einer größeren Erbschaft neuen Lebensinhalt sucht, dem sei die "Collector’s Edition" empfohlen. Sie ist auf 5000 Exemplare limitiert, enthält 379 Titel auf 18 Compact Discs, ist nur über Dylans Website zu beziehen und kostet rund 600 US-Dollar – wobei noch der Versand und ein romantischer Ausflug zum Zollamt zusätzlich zu Buche schlagen werden.

Befassen wir uns lieber mit den 111 Songs, für deren Genuss man sich lediglich ein paar Tage frei nehmen und seiner Familie vielleicht einen Kurzurlaub spendieren muss. So, how does it feel? Wie fühlt es sich an, sich diesen Stücken womöglich tage- und nächtelang in all ihrer wunderbaren Unvollkommenheit, in möglichst voller Lautstärke auszusetzen? Großartig! Man glaubt sich mitten im Studio, hört den Aufnahmeleiter ein ums andere Mal fragen: "Bob, wie heißt der nächste Song?" – und Dylan schüttelt die lustigsten Titel aus dem Ärmel, lacht, oder bricht Aufnahmen unvermittelt ab, manchmal mit einem genuschelten Kommentar: "I’m really scared, man."

Manche Schnipsel sind nur acht Sekunden lang und eher verzichtbar, doch fasziniert gerade das Fragmentarische mancher obskurer Stücke: Die anderthalb Minuten von "Jet Pilot" knallen gerade in ihrer verdichteten Kürze, während einem die Dada-Lyrics des Songs den Kopf verdrehen: "Well, she got jet pilot eyes from her hips on down, all the bombadeers they’re trying to force her out of town …"

Ein anderes, überraschendes und bislang völlig unbekanntes Bruchstück, "Lunatic Princess", macht inhaltlich die gleiche Aussage wie "Like A Rolling Stone" – ohne dass auch nur eine einzige Zeile mit dem berühmten Stück identisch wäre! Dass auch sein Meisterwerk, "Like A Rolling Stone", unter Fans kurz LARS genannt, weder vom Himmel noch Dylan in den Schoß fiel, wird klar, wenn man sich die ersten Fassungen anhört, die noch nicht den Drive und den Biss des später veröffentlichten Liedes haben. Natürlich wird im Booklet noch einmal die herrliche Geschichte erzählt, wie sich der 21-jährige Gitarrist Al Kooper bei der LARS-Session unbemerkt an die Hammond-Orgel schlich, obwohl er das Instrument kaum beherrschte und Dylan kurzerhand verfügte, dass er mitspielen solle.

Wie Geschichte gemacht wird

Andere spontane Entscheidungen, so wird jetzt beim Hören der "Cutting Edge"-Box klar, verwirft Dylan später – etwa das vielleicht zu naheliegende Tamburin bei "Mr. Tambourine Man" oder das schrille Klingeln, gefolgt von Autohupen, am Anfang eines frühen Takes von "Leopard-Skin Pill-Box Hat". Immerhin war er mit solchen Alltagssound-Experimenten Pink Floyds Kassengerassel auf "Money" um Jahre voraus. Ein anderer Dylan-Klassiker, "Highway 61", startet ja mit dem sirenenhaften Heulen einer Kinderpfeife. Hier kann man nun hören, wie Bob belustigt mit dem Ding herumspielt, sich gar nicht mehr einkriegt und wieder und wieder damit ins Mikro bläst.

Der Spaß, den die Jungs im Studio hatten, wird in solchen Momenten viel offensichtlicher als in den später veröffentlichten, finalen Versionen. Und jede kleine Abweichung in den Lyrics, die Dylan teils vor Ort im Studio runter schrieb, lässt einen hier genau hinhören – und manchmal verwundert zurück. Aber plötzlich versteht man, aus welcher Stimmung dieser große Moment der Rockgeschichte entstand, als noch nicht jedes Dylan-Wort in Stein gemeißelt und von Professoren in alle Richtungen ausgedeutet war. In diesen rohen Songs, voll Fehler und fantastischer Spielfreude, bleibt er nun tatsächlich: Forever Young.

Bob Dylan: The Cutting Edge 1965-1966 (Columbia/Sony Legacy)
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