Festivalsommer

Feingliedrige Klänge, vor Kraft berstende Momente

Alfred Rogoll

Von Alfred Rogoll

Fr, 29. Juli 2016 um 07:54 Uhr

Rock & Pop

Sein intensives ZMF-Konzert könnte manchen neugierigen Besucher zum interessierten Hörer werden lassen: Steven Wilson hat im Zirkuszelt seine Idee von Prog-Rock präsentiert.

An diesem Abend sollte Juliette Gréco auftreten. Doch die 89-jährige Chansonsängerin sagte krankheitsbedingt vor einigen Wochen ab. Hochkarätiger Ersatz, allerdings aus einem ganz anderen Genre, bot sich an. Spontan verpflichteten die Zelt-Musik-Festival-Macher den Engländer Steven Wilson mit Band.

Mancher im Publikum war am Donnerstag mit großen Erwartungen ins Zirkuszelt gekommen – Wilson gilt als personifizierte Reinkarnation des Progressive-Rock. Des Stils, der nicht nur klassische und andere spartenübergreifende Elemente in den Pop integrierte, sondern diese Musik der 60er Jahre vom Ruch des Primitiven befreite. Ein großer Anspruch also, dem der 48-Jährige gerecht wurde. Das intensive Konzert könnte manchen neugierigen Besucher zum interessierten Prog-Hörer werden lassen.

Steven Wilson hat eine exzellente Truppe um sich versammelt. Da ist mit David Kilminster ein erprobter Gitarrist des Prog-Rock. Er hat schon mit dem 2016 gestorbenen Keyboarder Keith Emerson gearbeitet oder ist an der Seite von Pink Floyds Roger Waters aufgetreten, als der das Album "Dark Side of the Moon" live spielte. Im Zirkuszelt sorgt er für eine starke Glasur auf einem mächtigen und prächtigen Klangkuchen. Zusammen mit Adam Holzmann, einst Tastenspieler bei Jazz-Legende Miles Davis, sorgt er für geballte, berührende, septimlastige Intervalle. Grundiert werden die Stücke vom verlässlichen Nick Beggs, der den Bass und den Chapman-Stick spielt und der Zweitsänger ist. Schlagzeuger Craig Blundell überzeugt mit seinem selbst in explosiven Passagen locker-präzisen Spiel.

So wird dann selbst komplexes Material wie der Opener "Ancestral" – das lange, zentrale Stück des Konzeptalbums "Hand. Cannot. Erase." – im ordentlich gefüllten Zelt auf dem Mundenhof ein Hit. Nach fast schleichendem Beginn nimmt das Avantgarde-Rockmonster Fahrt auf. Mit Soundkaskaden nach dem Vorbild von Robert Fripp, dem Gitarristen und Kopf der Prog-Rock-Pioniere King Crimson, überwältigt die Band das Publikum mit einem Programm zwischen zarten, feingliedrigen Klängen und vor Kraft berstenden Momenten.

Das erinnert eindringlich an die Crimson-Phase 1973/74 mit den bahnbrechenden Platten "Larks Tongues in Aspic" bis "Red". Das ist kein Zufall. Steven Wilson kennt diese Schaffensperiode genau. Exklusiv hat der Produzent und Multi-Instrumentalist, seit Jahren schon gefragtester Remixer des Rock, auch King Crimsons Platten neu abgemischt.

Wilson war schon immer fasziniert von der Idee, den Hörer mit auf eine musikalische Reise zu nehmen. Dafür experimentierte er früh mit Sounds und arbeitete mit Bandmaschinen. Neben Prog-Rock nennt er die Musique concrète, die auf der Arbeit mit aufgezeichneten Klängen basiert, die elektronischen Werke des Komponisten Karlheinz Stockhausen und Philip Glass’ Minimal Music als Einflüsse.

Nummern wie "Vermillioncore" vom letzten Album "4 ½" und "The Raven That Refused To Sing" werden denn auch an diesem Abend in imposanter dynamischer Spannweite zwischen explosivem Schwermetall und gehauchtem Piano zelebriert. Und oft mit viel Gefühl beladen.

David Bowie, von Steven Wilson im Konzert als wesentlicher Gestalter seiner Zeit bezeichnet, wird auch noch einmal mit der ersten Zugabe "Space Oddity" gewürdigt. "Wir können nun natürlich nicht so gut wie das Original sein", bemerkt der Bandleader, und kredenzt eine von Keyboard und Gitarren umrahmte Version des Klassikers. Weit mehr und kaum enden wollender Beifall findet die zweite Zugabe "The Sound Of Muzak", aus Wilsons Zeit mit der Band Porcupine Tree. Mit federndem Spiel der hervorragenden Rhythmussektion drängt Steven Wilson einmal mehr an die Grenzen seines Könnens.

Weitere Fotos vom Konzert unter      http://mehr.bz/wilson16