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02. August 2013 15:31 Uhr

Wacken 2013

Finsterforst – vom Schwarzwald aufs weltgrößte Metal-Festival

Solche Menschenmassen erreicht kaum eine andere Band aus Südbaden: Finsterforst spielen auf dem Wacken-Festival mit seinen 80.000 Fans – Akkordeon inklusive. Was macht die Schwarzwälder so einzigartig?

Es ist die Gegensätzlichkeit eines ganzen Genres, die sich zwischen dem ersten und dem zweiten Eindruck zeigt. Denn wer der Heavy-Metal-Szene fremd gegenübersteht, dürfte zunächst verstört sein von der Band Finsterforst und ihrem Bühnengebahren: Rüde Kerle, die gerade einer Schwarzwaldhöhle entstiegen sein könnten. Langhaarig, Erdklumpen auf der blanken Brust. Und ein Sänger, der "growlt": gutturale Laute anstelle klarer Gesangslinien. Schwere Kost.

Für Metalfans ist all dies so normal wie Haargel für Elvis-Verzückte. Das subkulturelle Grundrauschen einer Szene, die sich nicht darum schert, dass sie verkannt wird. Verkannt? Definitiv. Hinter der Fassade der Subkultur verbirgt sich eine Musikalität, die den Ansprüchen von Hochkultur gerecht wird. Das offenbart sich jenen, die zum bewussten Zuhören bereit sind: Musikalische Perfektionisten sind hier am Werk, filigrane Meister an ihren Instrumenten.

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Episch, verschachtelt, melancholisch

Ihre Qualität kann auch das Knurren des Sängers nicht verdecken – im Gegenteil: Der disharmonische Gesang bildet den Kontrast zur melodischen Musik und macht diese eher stärker denn schwächer. Da gibt es lange, epische Instrumentalpassagen. Mehrstimmige Harmonien, verschachtelte Melodielinien. Kompositionen von der sechsfachen Länge eines radiotauglichen Popsongs und mit einem Aufbau, der der Klassik näher ist als der modernen Unterhaltungsmusik.

Und da ist: Ein Akkordeon, das sich in der Rolle des melodieführenden Instrumentes mit den beiden Gitarren und dem Keyboard abwechselt. Melancholische und doch leichtfüßige Ziehharmonika-Reigen mit dem Charme ursprünglicher Volksmusik treffen auf schweren, düsteren Metal. Was für eine Mixtur. "Black Forest Metal" nennen Finsterforst ihren eigenwilligen Stil. All die Widersprüche, all die Brüche sind gewollt. Heavy-Metal-Fans mögen das rustikale Auftreten ihrer Lieblinge – und sie bewundern ihr handwerkliches Vermögen.

Ein Bandkonzept wie aus einem Guss

Für Finsterforst jedenfalls funktioniert beides, Image und Sound: ein Bandkonzept wie aus einem Guss. Das kommt an in der Szene. Die siebenköpfige Gruppe, die in Denzlingen probt und deren Mitglieder unter anderem aus dem Elz- und dem Dreisamtal kommen, spielt am Samstag beim legendären Wacken-Festival in Schleswig-Holstein. Das ist die weltgrößte Bühne der Metal-Branche. Mehr als Wacken geht nicht. Rund 80.000 Fans werden auch in diesem Jahr erwartet. Es gibt keine anderen Künstler aus Südbaden, denen Auftritte vor solchen Menschenmassen vergönnt sind – allenfalls Destruction. Auch eine Metal-Band, aus Weil am Rhein stammend. Ebenfalls Wacken-geprüft.

Doch was bedeutet all dies für die gar nicht so abgebrühten Schwarzwälder Jungs – fast alle Finsterforstler sind noch keine 30, allesamt studieren sie oder stehen im Berufsleben –, was bedeutet so ein Auftritt in Wacken? "Das ist der Höhepunkt der Bandgeschichte", sagt Sänger Olli Berlin im Video-Interview mit der Badischen Zeitung (siehe oben). Finsterforst sind zwar eher Festival- denn Tour-erprobt, standen schon beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig oder auch beim Ost-Fest in Bukarest vor Zehntausenden auf der Bühne – doch Wacken gleicht einem Ritterschlag.

Vom Akkordeonverein auf die größte Heavy-Metal-Bühne

Johannes Joseph ist gewiss das einzige Mitglied des Akkordeonvereins Denzlingen, dessen Spiel von derart vielen Menschen wahrgenommen wird. Zufrieden gibt er sich damit nicht, sondern perfektioniert seine Fähigkeiten weiter und studiert Musikwissenschaft an der Universität Basel. Zum Heavy Metal ist er durch Zufall gekommen. Gitarrist Simon Schillinger hat ihn vor fast neun Jahren gefragt, ob er das nicht einmal ausprobieren möge. Der Funken sprang über; das mittlerweile dritte Studioalbum "Rastlos" – ja, Finsterforsts Textsprache ist Deutsch – dürfte längst nicht der Endpunkt einer Entwicklung zu immer mehr Musikalität sein. Was wiederum an Schillingers Kompositionen liegt. Der 27-Jährige – er studiert Musikwissenschaft in Freiburg – ist der kreative Kopf der Band, tüftelt und tüftelt und tüftelt in den eigenen vier Wänden an den Songs, Gitarre in der Hand, Computer vor Augen. Die bis zu 22-minütigen Lieder von Finsterforst sind so vertrackt und komplex, dass sie nicht durch gemeinsames Improvisieren im Proberaum entstehen können.

Trotzdem funktionieren sie auf der Bühne, garantiert auch in Wacken mit seinen euphorisierten Fans, die gerade die weltgrößte Metal-Sause feiern und bestimmt auch andere Sachen im Kopf haben als die instrumentale Finesse von Finsterforst. Ein Widerspruch? Aber hallo. Gegensätzlichkeit ist im Metal schließlich Programm.

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Autor: Karl Heidegger (Text), Falko Wehr (Video)