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31. Oktober 2016 13:48 Uhr

Burghof

Jazzchor Freiburg in Lörrach: Großes Kino für die Ohren

Erst ertönt das Schlagzeug, dann fallen Piano und Bass ein, schließlich kommen Chor und Dirigent auf die Bühne im Burghof. Mit diesem "Here we are" eröffnet der Jazzchor Freiburg traditionell seine Konzerte. Und wie es beim Jazzchor Freiburg Tradition ist, folgt diesem ersten Stück eine abwechslungsreiche Mixtur aus Swing, Modern Jazz und Pop, immer für den Jazzchor Freiburg arrangiert. So werden selbst Evergreens zu musikalischen Offenbarungen.

An diesem Abend in Lörrach kommt zur üblichen Begrüßung noch etwas dazu. "Hier standen wir als der Burghof damals 1998 eröffnet wurde", schlägt Dirigent Bertrand Gröger die Brücke zwischen Freiburg und Lörrach, zwischen dem Burghof und dem Jazzchor. Tatsächlich sind die Sänger aus Freiburg gute Bekannte in Lörrach. Die Lörracher sind den Freiburgern gar eine Uraufführung wert. Die ersten Stücke des neuen Programms "Infusions" sind bereits jetzt aufführungstauglich, auch wenn der Chor mit dem Programm erst im Herbst 2018 auf Tour gehen wird. Die Vor-Premiere der beiden Modern-Jazz Stücke von Keith Jarrett und Essbjörn Svensson jedenfalls zeigen den Jazzchor in einer ganz anderen Klangfarbe. Perfekte Sangeskunst, die schaudern ließ, die in ihrem Satzgesang an Choräle erinnerte. Bei den beiden Stücke der legendären Jazzpianisten kam den Chor fast sakral daher. Die Band ist wichtig für den Chor; bei den Stücken der Pianisten gehen Chor und Pianist Helmut Lörscher eine neue Symbiose ein. Szenenapplaus für den Mann am Flügel bei seinen Interpretationen der noch größeren seines Fachs. Und der Chor singt im Stile einer Kantorei seine Version des sagenhaften Köln-Konzerts des amerikanischen Pianisten. Sie sind aus der Reihe gefallen mit diesen Stücken, haben Neues gewagt und überzeugt.

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Ganz neu ist ihre Interpretation des Beatles-Titels "She’s leaving Home" nicht mehr. Er ist ein Dauerbrenner in ihrem Programm. Anders klingt der Titel schon. In der Version des Freiburger Jazzchors ist die Pubertätskrise eines Mädchens in einer englischen Kleinstadt zum opulenten Drama geworden. Der Mehrsatzgesang lässt den Beatles-Hit als Minimal-Oper im Stile von Queen daherkommen. Nur noch stimmgewaltiger, noch bombastischer. Wäre Filmregisseur Tim Burton Arrangeur – er hätte es genauso arrangiert. Ein ganz und gar britisches Stück also, doch das Arrangement stammt diesem Falle von Klaus Frech aus Kiel, ansonsten am Kontrabass der Begleitband.

Die jazzchortypischen Evergreens fehlen im Programm, der Freiburger Jazzchor sucht seine Nischen bei aktuellen Komponisten oder Komponistinnen. Die norwegische Sängerin Torun Eriksen hat schon mit dem Freiburger Jazzchor gesungen. Zwei Songs stammen aus ihrer Feder. Bei "Joy" singt sich Sara Binet in die Herzen der Zuhörer. Zartschmelzend ist ihre Stimme, voller Wärme. Das Wunderbare am Freiburger Jazzchor ist sein Zusammenspiel zwischen Profis und Laien. Zusammen stehen sie auf der Bühne: professionelle Musiker und Studenten, Rentner und Berufstätige. Sie versprühen eine ansteckende Lebensfreude, die dieses Mal durch ganz ernsthafte Stücke ergänzt wurde. Großes Kino für die Ohren und deshalb kaum enden wollender Applaus.

Autor: Martina David-Wenk