In der Grauzone

Peter Disch

Von Peter Disch

Do, 15. März 2018

Rock & Pop

Michael Weiss hat in Freiburg über Rechtsrock und Bands wie Freiwild gesprochen.

Illusionen macht sich Michael Weiss keine. Weiss ist Mitarbeiter der Agentur für soziale Perspektiven, einem Verein aus Berlin, der über rechte Jugendkultur aufklärt – Bildungsarbeit, wie sie im Buche steht. Weiss ist Fachmann für rechte Rockmusik. Seit den Neunzigern befasst er sich mit dem Soundtrack der Neonaziszene und was über die Jahre daraus entstanden ist. Er publiziert, informiert, interveniert, debattiert. Aber im Grunde, sagt er am Ende seines Vortrags im Kommunalen Kino in Freiburg, ist das "ein linkes Selbstbespaßungsthema".

Weiss ist im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus zu Gast, um über "Rechtsrock und Grauzonenbands" zu sprechen. Zu einem Publikum, das auf seiner Seite ist – und deshalb ein Stück weit so ratlos ist wie er. Wie mit der anderen Seite ins Gespräch kommen, wie zum Dialog finden in einer Zeit, in der Meinungen mehr denn je in der eigenen Echokammer verstärkt werden, aber nicht mehr konstruktiv aufeinanderprallen? Diskussionsbedarf besteht. Am 28. April spielt in der Freiburger Sick-Arena die Südtiroler Rockband Freiwild. Dagegen regt sich Widerstand. Der Vorwurf: Die Band transportiert rechtes Gedankengut und eine Blut- und Boden-Ästhetik. Tatsächlich war Philipp Burger, Sänger, Texter und Sprachrohr von Freiwild in jungen Jahren Mitglied der Rechtsrockband Kaiserjäger. Von seiner Vergangenheit hat sich Burger wieder und wieder distanziert, seine Band hat wiederholt Stellung dazu bezogen, wo sie sich selbst verortet. "Die Welt ist bunt! Und Freiwild’s Ländereien sind es auch!" – die Losung, mit der die Band sich 2015 gegen Pegida und AfD wandte, zeigt Weiss bei seinem Vortrag genauso wie das Musikvideo zum Song "Wahre Werte".

"Nie mehr Faschismus, Nie mehr Nationalismus und Freiheit für jeden Menschen dieser Welt" heißt es im Vorspann des Clips. Der Song handelt von Freiwilds Kernthemen Patriotismus und Heimatliebe, dem Stolz auf die eigenen Wurzeln, der Bewahrung des Brauchtums und der Sprache Südtirols – denn "ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk". Unterlegt ist das Lied mit Bildern von marschierenden Tiroler Schützen in Tracht und italienischen Gegendemonstranten, die sich gegenseitig vorwerfen, Faschisten zu sein. Lodernde Fackeln, Gipfel und Burgen, am Grab von Rechtsterroristen salutierende Männer und ein Mütterlein im Kittelschurz, das Äpfel pflückt, nahtlos aneinandergeschnitten: Für Freiwild ein Clip, der Tirol und seine Probleme unkommentiert darstellt, ein Plädoyer für Vielfalt – für Weiss ein klarer Fall einer Band, die sich in einer Grauzone eingerichtet hat, in der die Übergänge fließend und die Metaphern doppeldeutig sind. Das Bild von Heimat, Volk und Staat, das in solchen Songs vermittelt wird – für Weiss ist das nichts rechtsradikal, aber eben völkisch und damit gefährlich. Und die Absolutheit, mit der Freiwild ihre Positionen vertreten und als nicht verhandelbar deklarieren? Wie das zusammengehen soll, sagt der Referent, ist und bleibt ihm schleierhaft.

Das weitere Programm der Internationalen Wochen gegen Rassismus, die bis 24. März dauern, unter respect-freiburg.net