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22. Oktober 2016

Leonard Cohens starkes Alterswerk "You Want It Darker"

Leonard Cohens starkes Alterswerk "You Want It Darker".

  1. Konzerte, wie hier 2013 in Montreux, haben derzeit für Leonard Cohen keine Priorität. Er will vor allem Musik schreiben und malen. Foto: AFP

Die meisten von Leonard Cohens Freunden sind schon lange tot. Die einstige Muse Marianne Ihlen, die den Klassiker "So Long Marianne" inspirierte, ist am 29. Juli an Leukämie gestorben. Er selbst – so singt er auf seinem 14. Studioalbum "You Want It Darker" – lebe in einem Tempel, in dem man ihm ständig sage, was er zu tun habe. Was nicht so klingt, als würde der 82-Jährige jeden Moment seines verbleibenden irdischen Daseins genießen.

Der gebürtige Kanadier scheint von einer regelrechten Todessehnsucht befallen und sich mit seinem Ende, wann immer es eintritt, längst abgefunden zu haben. "I’m ready, my Lord", haucht er mit Gänsehaut erzeugender Bassstimme zu Beginn des Titelstücks, um in "Leaving the Table" noch deutlicher zu werden: "I’m out of the game/There is nobody missing/there is no reward."

Die Magie der Kolibris

Das klingt nach Abschied – und genau darum geht es laut Sohn Adam, der diesmal in die Rolle des Produzenten schlüpft, auch. "Mein Vater schreibt aus der Perspektive eines alten Mannes – das schlägt sich nicht nur in den Texten nieder, die alles behandeln, was in ihm vorgeht", sagt der 44-Jährige am Satellitentelefon in Montreal. Dies unterscheide seinen Vater von vielen Kollegen, die nicht so offen und ehrlich seien: "Er setzt sich zum Beispiel explizit mit dem Tod auseinander."

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Eine Einschätzung, die Leonard Cohen vergangenen Freitag bei einer Pressekonferenz in Los Angeles mit breitem Grinsen relativiert: "Ich singe zwar, dass ich bereit wäre zu sterben. Aber ich habe ein bisschen übertrieben – was ja auch mal sein muss. Im Grunde habe ich vor, für immer zu leben. Ich will mindestens 120 werden."

Der Mann ist ein Schelm. Ein humorvoller älterer Herr im eleganten schwarzen Anzug, mit Hut, weißgrauem Haar, stoppeligem Drei-Tage-Bart und glänzenden Lederschuhen. Eine Figur wie aus einem Mafia-Film, aber tatsächlich einer der letzten großen Poeten der Rockmusik, und einer, der das Spiel mit den Medien, den Kritikern und Fans liebt.

Denen serviert er mit "You Want It Darker" ein Werk voller Endzeitstimmung, Drama, Pathos und Schmerz, nur um das letztlich als Laune abzutun – und damit auch die Analyse seiner Kunst zu unterbinden. Denn im Grunde, sagt Cohen, sei alles göttliche Fügung. Und er, wie alle Künstler, nur ausführendes Organ. "Jeder Song basiert auf höherer Eingebung. Das weiß Bob Dylan besser als jeder andere. Und wenn du Glück hast, schaffst du es, deinen Körper über die Jahre halbwegs gesund und ansehnlich zu halten. Aber wie lange du durchhältst, obliegt nicht deiner Entscheidung."

Im Falle von "You Want It Darker" scheint es Gott besonders gut mit Cohen zu meinen. Zwar hat er ihn nicht für einen Nobelpreis auserkoren wie den Kollegen Dylan, aber doch zu neun Stücken inspiriert, die zu den stärksten seiner Karriere zählen. Wie immer mit markigem Gänsehautgesang, spirituellen Texten voller Bibelzitate, sakraler Stimmung, aber erstmals auch mit einem Männerchor – aus seiner jüdischen Gemeinde – sowie Orgel und Streichern.

Eine Instrumentierung, für die Sohn Adam verantwortlich zeichnet. Ein nicht sonderlich erfolgsverwöhnter Musiker, der stets im langen Schatten seines Vaters stand, aber jetzt seine späte Berufung gefunden zu haben scheint. Mit stilvollen Arrangements, die um Klassen besser sind als die nervigen Keyboards der Vergangenheit. "Ich – als der Gefreite Cohen – habe alles getan, um den alten Feldkommandanten ins bestmögliche Licht zu rücken. Ich schätze, das war es, worauf ich mein ganzes Leben hingearbeitet habe."

Die Ironie: Der 82-jährige "Kommandant" redet längst nicht so gerne über sein aktuelles Werk wie über das, was noch in ihm steckt. Etwa Songs über Kolibris, die auf nicht wenigen seiner Plattencovers auftauchen: "Ich liebe diese kleinen Kreaturen. Sie haben etwas Magisches. Und ich habe schon viele Songs über Kolibris geschrieben – nur: Keiner von ihnen ist je erschienen. Erst vergangenen Monat habe ich wieder ein paar Zeilen über sie verfasst."

Cohen sagt, er schreibe bereits für sein nächstes Album und sei derzeit in einer sehr kreativen Phase. Was bedeutet, dass er vorerst nicht auf Tour geht, sondern seine Zeit zum Komponieren und Malen nutzt. Dinge, die er mit beeindruckender Intensität und Tiefe angeht. Hoffentlich noch eine ganze Weile.

Leonard Cohen: You Want It Darker (Columbia/Sony Music).

Autor: Marcel Anders