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16. Juni 2012 00:02 Uhr

70. Geburtstage

McCartney und Brian Wilson: Ganz Große des Pop

Paul McCartney und Brian Wilson sind fast gleich alt. Was den Ex-Beatle und den Wieder-Beach-Boy noch eint: Sie haben der Welt große Songs beschert. Eine Doppel-Würdigung zum 70. Geburtstag.

  1. Bejubelt auf seiner laufenden Welttournee: Paul McCartney Foto: DPA

  2. Er ist sogar mit seiner alten Band unterwegs: Brian Wilson auf der Bühne Foto: dapd

Es war im Frühjahr 1967. Brian Wilson arbeitete in einem kalifornischen Aufnahmestudio an einem neuen Album seiner Band, der Beach Boys. Man war gerade in der zweiten Nachtschicht, so beschreibt es Wilson in seiner Autobiographie, "als wir erfuhren, dass Paul McCartney auf einen Kurzbesuch vorbeikommen würde". Der Beatle war in L. A. eingeflogen, im Privatjet von Frank Sinatra, um seine damalige Freundin zu treffen. "Paul war mein Lieblings-Beatle", schreibt Beach Boy Wilson weiter, "beide spielten wir Bass, und unsere Geburtstage waren nur zwei Tage auseinander. Ich war von den Socken."

45 Jahre später haben die beiden immer noch im Abstand von zwei Tagen Geburtstag, aber sie sind keine genialischen Mittzwanziger mehr: Paul McCartney wird am nächsten Montag 70 Jahre alt, Brian Wilson am Mittwoch darauf. Zwei ganz Große der Popmusik, zwei, die die Popmusik zu dem gemacht haben, als das wir sie heute kennen, zwei, die Konkurrenten waren, aber die Größe des anderen neidlos anerkannten.

Die Beatles waren die größte Band nicht nur der 60er Jahre, die Beach Boys waren die einzigen Amerikaner, die den vier Briten Konkurrenz machen konnten, kommerziell wie künstlerisch. Allerdings auch nicht ganz: Als die Beach Boys im März 1964 ihre Single "Fun, Fun, Fun" veröffentlichten, einen ihrer Markenzeichen-Songs, kam er auf Platz fünf der US-Charts. Höher hinaus ging es nicht – auf den ersten vier Plätzen standen die Beatles mit "She Loves You", "I Want to Hold Your Hand", "Twist and Shout" und "Please Please Me". "Unsere Nemesis von der anderen Seite des Atlantiks", kommentierte Brian Wilson später ironisch.

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Bis heute rangieren die Beach Boys hinter den Beatles, aber die historische Leistung der Bands ist dieselbe. Beide waren erst fröhliche Jungstrupps, die einen aus dem Kellerclub, die anderen vom Sandstrand. Binnen weniger Jahre machten sie aus Jugendkultur Kunst, aus rohem Rock ’n’ Roll gekonnten Pop, aus Musik für kleine Singles Musik für große Alben.

Als Brian Wilson 1966 "Rubber Soul" von den Beatles hörte, war er hin und weg. Jeder Song ein eigenes Kunstwerk. Seine Antwort hieß "Pet Sounds". Diese Sammlung introvertierter Songs, die wie "Rubber Soul" mit den Teenager-Liebesdramen Schluss machte und deren Arrangements mit Fahrradklingeln und Kirchenorgeln denkbar weit von Surf- und Beat-Gitarren war, stieß damals nicht nur die Plattenfirma Capitol vor den Kopf, ist heute aber ein unumstrittener Klassiker. Paul McCartney hielt es gleich für ein brillantes Album und lobte es ständig. Ihrerseits angespornt machten er und John Lennon "Revolver", das psychedelische Beatles-Album über gierige Steuereintreiber, fröhliche U-Boot-Fahrer und einsame Alte.

Brian Wilson wollte es dann noch besser machen – mit dem Album "Smile". Doch es gab Konflikte mit der Band, die an der Beach-Boys-Formel "Surfen plus Mädchen plus Autos" lieber nichts ändern wollte, mit sich selber. Brian Wilson, einer von drei Brüdern bei den Beach Boys, hatte unter ihrem gewalttätigen Vater am meisten gelitten. Seine ständige Angst verlor er nur, wenn er am Klavier saß, doch nun half auch das nicht mehr. Genauso wenig wie Drogen. Die "Smile"-Sessions wurden abgebrochen, die Fragmente erst 2011 veröffentlicht.

So haben nicht die Beach Boys den heiligen Gral der Popmusik geschaffen sondern die Beatles: "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band", dieses Kaleidoskop aus großartigen Melodien, experimentellen Klangeffekten und nostalgischen Texten. Das Album mit einer Alias-Band zum Konzeptkunstwerk zu machen, war McCartneys Idee gewesen. In der Studiophase der Beatles fühlte er sich berufen als Kopf der Beatles zu fungieren, so wie Wilson der Kopf der Beach Boys war. Ihre Rollen ähnelten sich noch mehr: Beide waren die Bassisten ihrer Bands, beide emanzipierten ihr Instrument, spielten nicht nur stützende Grundtöne sondern kontrapunktische Melodien. Beide waren begnadete Sänger mit Charakterstimmen. Beide waren auch Naturtalente ohne formale Ausbildung, die sich mit dem Notenlesen schwer taten: McCartney hatte ein paar Klavierstunden bei einer müffelnden alten Dame, Wilson einige Wochen lang Akkordeonunterricht. Beide Male waren es die Väter, die Klavier spielten und ihren Söhnen die ersten Akkorde zeigten.

Vor allem aber waren beide großartige Liedkomponisten. Paul McCartneys "Yesterday" und "Let It Be" sind Klassiker des 20. Jahrhunderts, ebenso wie Brian Wilsons "Good Vibrations" und "God Only Knows". Und dahinter kommt eine lange Liste an Songs, die zum unumstrittenen Kanon des Pop zählen.

Die Glanztaten sind natürlich alle lange her. Aber bejubelt werden die beiden immer noch – oder wieder. McCartney ist als Solokünstler dieses Jahr einmal mehr auf Welttournee gegangen, Wilson hat sich mit den Beach Boys wieder zusammengetan. Gerade haben sie eine richtig schöne, altmodische Platte zusammen gemacht namens "That’s Why God Made the Radio", bald spielen sie in Deutschland.

Miteinander musiziert haben McCartney und Wilson auch einmal. Nicht beim Besuch 1967. Damals nahm Wilson den Song "Vegetables" fürs "Smile"-Album auf, überall im Studio lag zur Inspiration Gemüse herum. Es gab immer hübsche Gerüchte, unter den Stängel und Knollen Kauenden, die auf der Aufnahme zu hören sind, sei auch der Beatle gewesen. Leider wurden sie nie bestätigt. Dafür lud Wilson McCartney ein, auf seinem Soloalbum "Gettin’ in over My Head" von 2004 auf dem Lied "A Friend Like You" mit ihm im Duett zu singen. Bestimmt schicken sich die beiden nächste Woche gegenseitig Glückwünsche.

Autor: Thomas Steiner