Mit Spatzen auf Kanonen

Ulrich Steinmetzger

Von Ulrich Steinmetzger

Sa, 16. Dezember 2017

Rock & Pop

Brigade Futur III und die Spielvereinigung Sued dekonstruieren und politisieren den Bigband-Sound.

Vom klassischen Bigband-Habitus, der Königsdisziplin des Jazz, haben sie sich das Breitwandformat bewahrt und die Anzüge. Doch da beginnen schon die Abweichungen. Saxofonist Benjamin Weidekamp, Songwriter Michael Haves, Posaunist Jerome Bugnon und Sänger Elia Rediger, die das Berliner Musikerkollektiv Brigade Futur III bilden, tragen Stücke aus der Kollektion von Daniel Kroh. Der Designer verwendet als Grundmaterial abgelegte Arbeitskleidung. Die dekonstruiert und filetiert er, um sie in hochwertige Mode zurückzuverwandeln.

Ein vergleichbares Dekonstruieren und Filetieren bestimmt auch die Herangehensweise der Leipziger Spielvereinigung Sued. Sie ist keine Bigband im herkömmlichen Sinne, auch wenn sie sich bewusst in eine Jazztradition stellt, die von Duke Ellington über Charles Mingus bis zu Sun Ra reicht. Sie ist ein Orchester ganz von heute mit immer wieder anderen Gästen, die zur Spitze des hiesigen Jazz zählen: Nils Wogram, Johannes Enders, Frank Möbus, Claudio Puntin und manche mehr. Auf drei Alben kann man das nachhören und noch besser immer wieder live. Nun ist ihre vierte CD erschienen, diesmal zusammen mit der Brigade Futur III aufgenommen. Die sprengt die bisherigen Maßstäbe nicht nur, weil sie schon mit ihrem Titel dezidiert in die Zukunft verweist: "Alles wird gut gegangen sein werden". Futur III ist das und die Eigendefinition lautet: "Es wird ein Ereignis in der Zukunft geschehen sein, für das die Voraussetzungen noch in der Zukunft geschaffen zu sein werden haben." Kraftvoll verspielte Musik ist das, die von der Startrampe Brecht/Weill abhebt nach vorn. Auch weil die Brigadisten ein Vorleben in anderen Genres haben. Jerome Bugnon zum Beispiel spielt Posaune bei der deutschen Reggae-Pop-Formation Seeed, Elia Rediger ist Sänger der Basler Pop-Band The Bianca Story.

Immer wieder mal wird über Relevanz versus Nabelschau diskutiert, wenn es um den neuen Jazz geht. Hier zerstäubt jede Beckmesserei. Hier geht es um lustvolle Statements, um ein Werfen "mit Spatzen auf Kanonen". Und um mehr. Die Zeit ist reif, die Konflikte wachsen, und diese Großvereinigung reagiert darauf mit Versen, Grooves und mächtigen Bläsersätzen. Das ergibt einen wirklich neuen Wind innerhalb der teutonischen Musik. Die Brigade Futur III hat mit der Bigband einen idealen Geschmacksverstärker für ihre Botschaften gefunden, mit denen sie sich einmischen gegen Ökologieskandale, Gemeinschaftsverdummung, Handels- und Handlungsfatalismus. "Das Handy geht noch, was willst Du mehr." Viel mehr wollen sie: "Besser ausbrennen im Traum, als verschwinden im Heute."

Eine politische Musik des Jetzt entsteht so – provokant, eingängig, subversiv und treibend. Dazu gibt es ein beiliegendes Kampfalphabet von A bis Z, die schönen Texte zum Mitlesen und eine Musik, die das Prinzip Hoffnung stützt. Das ist eine doppelbödige Kampfansage auf unsere bequemen Gewohnheiten als Dada-, Swing-, Rock- und Jazzoffensive. Man reibt sich die Ohren und geht danach mit geschärften Sinnen durch unsere neoliberal pervertierte, kannibalische Konsumwelt.

Brigade Futur III mit der Spielvereinigung Sued: Alles wird gut gegangen sein werden (Why Play Jazz).