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01. September 2008 12:09 Uhr

"The Flock entdeckt man heute noch"

Es war eine Pioniertat: 1973 veröffentlichte Siegfried Schmidt-Joos (zusammen mit Barry Graves) das erste deutschsprachige "Rock-Lexikon". 25 Jahre später hat er jetzt die vierte Neuausgabe veröffentlicht. Thomas Steiner sprach mit dem Ex-Spiegel-Redakteur.

  1. Siegfried Schmidt-Joos veröffentlichte vor 25 Jahren das erste deutschsprachige Rocklexikon.

BZ: Herr Schmidt-Joos, Sie sind jetzt 72 Jahre alt. Wie viel neue Musik hören Sie noch?
Siegfried Schmidt-Joos: Ich höre täglich Musik und kaufe sicherlich für 100 bis 200 Euro Platten im Monat.
BZ: Da muss sich ja eine Menge angehäuft haben. Wie viel Meter sind es denn?

Schmidt-Joos: Ich habe es letzthin mal nachgemessen: rund 65 Meter LPs und 90 Meter CDs.
BZ: Und für Neues haben Sie noch Platz?

Schmidt-Joos: Ich bin gerade dabei, rund ein Drittel meiner LPs an das Blues- und Jazzarchiv in Eisenach zu geben, um neuen Platz zu gewinnen.

BZ: Als Sie 1973 die erste Ausgabe des Rocklexikons schrieben, was waren damals ihre Favoriten unter den Bands?
Schmidt-Joos: Das ist eine schwierige Frage, weil meine Favoriten von Monat zu Monat gewechselt haben. Gerade damals in den späten 60ern, frühen 70ern kamen so viele interessante Sachen auf den Markt, dass ich das nicht mehr rekapitulieren kann.

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BZ: Was für Leser hatte das Lexikon damals?
Schmidt-Joos: Leute, die einsteigen wollten, vielleicht einen Favoriten hatten, aber noch nicht die Breite der Rockmusik abschätzen konnten, aber auch diejenigen, die schon Experten waren.
BZ: Könnte es sein, dass es vor allem junge Männer waren?

Schmidt-Joos: Es ist nie eine Untersuchung gemacht worden, aber meiner Erfahrung nach würde ich sagen, ja.

BZ: Ich war nämlich einer. Im Sommer ’76 habe ich das Lexikon ganz durchgearbeitet und zum Beispiel The Flock entdeckt.
Schmidt-Joos: Das geht den Lesern bei The Flock heute noch so.
BZ: Aber das Durcharbeiten ist schwieriger geworden, damals hatte das Lexikon 350 Seiten, heute hat es 2200.
Schmidt-Joos: Ein Freund hat mir gerade gesagt, er blättert es durch und guckt, was ihn interessiert. Auf diese Weise kommt man im Schnelldurchlauf durch.

BZ: Warum heißt das Buch bis heute Rock-Lexikon? Es sind doch auch Künstler aus anderen Genres drin. Zum Beispiel die Soulpop-Sängerin Whitney Houston oder der Afrobeat-Star Fela Kuti.
Schmidt-Joos: Der war schon lange drin, weil wir gesagt haben, was auf Rock bezogen ist, da sollten wir uns nicht auf England und Amerika beschränken.
BZ: Und Whitney Houston, haben Sie die schweren Herzens reingenommen?
Schmidt-Joos: Gar nicht, sie kommt aus einer renommierten Gospel-Familie, und ihre Musik ist eine erfolgreiche Pop-Spezies, die aus dem Gospel erwachsen ist.
BZ: Sie führen gerne das Heutige auf das Damalige zurück?
Schmidt-Joos: Es war uns wichtig die Historie zu akzentuieren. Deswegen sind wir zurückgegangen bis Blind Lemon Jefferson oder Bessie Smith. In dem Artikel über sie geht es zwei Spalten lang darum, wie sich Janis Joplin und andere Rock-Musiker mit ihr auseinandergesetzt haben. Diese historischen Linien wollten wir deutlich machen.
BZ: Wie stellen Sie sich den heutigen Leser des Rock-Lexikons vor?
Schmidt-Joos: Es weiß keiner, auch der Verlag nicht, wie sich dieses Buch auf dem Markt etablieren wird, bei welcher Generation. Ob nur bei denen, die schon die ersten Ausgaben haben, oder auch bei denen, die vorm Computer sitzen.
BZ: Das Internet ist als Informationsquelle gratis und schneller als Ihr Lexikon.
Schmidt-Joos: Richtig. Aber ich habe gerade eine Mail bekommen von einem der ersten Leser aus Hamburg. Er schrieb: Wir haben auf Arte den Film "Purple Rain" von Prince gesehen, dann haben wir haben wir im Rocklexikon unter Prince nachgeguckt und verglichen mit dem, was das Internet bietet. Solche kompakte Zusammenfassung mit einem Spektrum von Zitaten von positiv bis abwertend gibt es im ganzen Internet nicht.
BZ: Wie sind Sie auf diesen Stil mit den vielen Zitaten damals gekommen ?
Schmidt-Joos: Der ist gewachsen aus meiner damaligen Tätigkeit beim Spiegel mit seinem großen Archiv.
BZ: Haben Sie heute noch Zugriff darauf?
Schmidt-Joos: Nein, ich werte selber die großen deutschen Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Musikzeitschriften aus. Ich lese die New York Times, den Observer und die Sunday Times im Netz, aber wir haben auch nach wie vor eine Mitarbeiterin in London. Und unsere alten Freundinnen in New York und Los Angeles, von denen ich Artikel aus Daily News, New York Post und L.A. Times ausgeschnitten bekomme. Das schmeiße ich alles in große Kartons, und wenn wir wieder drangehen, suchen wir aus, was man verwenden kann.
BZ: Werden Sie denn noch eine fünfte Ausgabe machen?
Schmidt-Joos: Ich weiß noch nicht, ich habe noch andere Dinge vor, zum Beispiel mein Buch über Musicals, das 1965 erschienen ist, neu zu bearbeiten, das ist richtiger Aufwand. Ob ich dann noch mal Lust auf das Lexikon habe, weiß ich nicht. Aber wenn der Verlag es will, mache ich vielleicht wieder mit. Und wenn es nur ist, um die Geschichten über ein paar alte Gruppen, die mir am Herzen liegen, weiterzuschreiben.