E-Werk Freiburg

Wie klingt elektronische Musik von Robotern?

Alexander Schumacher

Von Alexander Schumacher

Fr, 17. Juni 2016 um 00:00 Uhr

Rock & Pop

Als Kopf des Kollektivs "Sonic Robots" produziert Moritz Simon Geist elektronische Musik, die nicht aus einem Computer kommt, sondern von mechanischen Robotern. Ein Interview.

BZ: Herr Geist, wie sind Sie auf die Idee zu den Sonic Robots gekommen?
Geist: Ich bin Musiker, aber auch gleichzeitig Robotik-Ingenieur. Im Grunde mache ich das schon immer: Ich habe mit vierzehn angefangen im Keller meiner Eltern Sachen auseinander zu nehmen, um zu sehen, wie sie funktionieren. Das hat sich dann kombiniert, weil ich aus einer musikalischen Familie komme. Anfangs war es, ehrlich gesagt, eher ein Geldproblem. Ich hatte nicht das Geld, mir die schönen Sachen zu kaufen, die im Laden stehen: Effektgeräte, die ich für meine Rockbands brauchte oder Mini-Synthesizer, als ich mit elektronischer Musik angefangen habe. Da habe ich eben angefangen, sie selbst zu bauen.

BZ: Auf Ihrer Webseite steht folgende Frage, die ich gerne nochmal an Sie stellen würde: Schafft ein Laptop-Künstler die Sounds einer Live-Performance selber, oder checkt er nur seine E-Mails?
Geist: Das ist natürlich eine rhetorische Frage, aber sie wirft genau diese Problematik auf, dass man nicht genau weiß, was ein elektronischer Musiker auf der Bühne macht – im Gegensatz zu jemandem, der zum Beispiel Gitarre spielt. Das war eines der Dinge, die mich gestört haben, als ich elektronische Musik gemacht habe. Deswegen gibt es diese ganze Szene, die versucht, die elektronische Musik mit etwas zu verbinden, was man wieder mehr begreifen kann.

BZ: Dass ein Roboter ein Knallen oder ein Scheppern erzeugen kann, kann ich mir noch vorstellen. Aber wie erzeugen Sie verschiedene Tonhöhen, die dann Melodien ergeben?
Geist: Es gibt natürlich auch tonale Roboter, die Töne spielen, da haben wir verschiedene Systeme entwickelt. Eines davon sind zum Beispiel Relais, das sind metallische Zungen, die sich ganz schnell hin und her bewegen und dadurch Töne erzeugen. Das ist das einzige, was wir an tonalen Robotern nach Freiburg mitnehmen, weil Töne meistens ein bisschen komplizierter sind. Hier im Studio haben wir für unsere nächste Performance zum Beispiel noch große Marimbas, das sind glockenspielartige, große Holzinstrumente, die von den Robotern angeschlagen werden.

BZ: Was unterscheidet Ihre Performance "Robots, Glitch & Bass" von der alten?
Geist: Wir sind ja bekannt geworden mit einer großen Installation namens MR-808, die sich sehr auf diesen Drumcomputer, den Roland TR-808 aus den 80ern, bezogen hat. Das war mehr eine referenzielle Geschichte. Unsere zweite Performance ist kleinen, experimentellen Klängen gewidmet und nähert sich an die Fehlerbehaftetheit der Kunst an. Das bedeutet, dass man keine Klänge hat, die von vorneherein durchdesignt sind. Wir thematisieren im Arbeitsprozess und auch im Klangbild sehr stark Fehler und Störgeräusche.

BZ: Wie kommt dann bei Ihnen der Fehler in die Musik? Ich stelle mir einen Roboter eigentlich recht zuverlässig vor, besonders im Vergleich zu Menschen...
Geist: Das stimmt auf jeden Fall, wenn man so einen Roboter gut baut. Die Installationen, die ich und auch andere Künstler in diesem Bereich bauen, sind aber alle sehr wacklig. Ein Roboter zum Beispiel, der mit einem Trommelstock einen Rhythmus spielt: In Industriequalität würde das wahrscheinlich sehr gut funktionieren, aber mit unseren Hausmitteln läuft da zum Beispiel der Motor nicht richtig rund. Irgendwo hakt es immer ein bisschen. Im Gesamtkontext gibt das dann so einen wackligen Groove, der eigentlich nicht vergleichbar ist mit dem, was aus dem Rechner kommt. Fehler gibt es speziell beim "Glitch Robot" aber auch, weil wir keine fertigen Trommeln, keine Instrumente, die schon da sind, verwendet haben. Wir haben mit vielen Experimenten versucht, neue Klänge zu finden, haben zum Beispiel Miniroboter mit knisterndem Papier gebaut.

BZ: Was ist der Reiz an solchen Fehlern?
Geist: Man kann Fehler in sein kreatives Schaffen einbauen. Wenn man eine Idee aus bestehenden Ideen entwickelt, dann führt einen das meistens in Richtungen, die es schon gibt, oder zu Ideen, die schon jemand hatte. Wenn man versucht, andere Wege zu gehen, dann ist das etwa die Möglichkeit, dass man dem Zufall mehr Raum gibt. Das einfachste Beispiel ist: Man spielt Gitarre, verrutscht bei einem Akkord und denkt: "Oh, das klingt eigentlich ganz cool!" Obwohl es eigentlich nur ein zufälliger Fehler war, gibt das dann vielleicht eine ganz besondere Note. Das bricht die Perfektion, die am Rechner vorherrscht, auf. Deswegen sind vielleicht auch analoge Synthesizer und Vinylschallplatten immer noch so gefragt, weil durch die auch eine Eigenständigkeit erreicht wird. Aufführungen und Performances sind dadurch nicht komplett wiederholbar.

Moritz Simon Geist, Jahrgang 1981, ist Robotik-Ingenieur und Musiker.
Auftritt: Freiburger Zeitverschwendung, E-Werk, Samstag, 18. Juni, 21 Uhr.