Zankapfel Hutgeld

Peter Disch

Von Peter Disch

Mi, 10. Januar 2018

Rock & Pop

Livemusik ohne Eintritt: Das Beispiel Freiburger Blues Association zeigt, wie Veranstalter mit dem umstrittenen Konzept arbeiten.

Erst waren es Einzelfälle, mittlerweile ist es in Südbaden eher die Regel: Immer öfter wird bei Livekonzerten im kleineren Rahmen kein Eintritt mehr verlangt. Stattdessen heißt es: "Der Hut geht rum". In den sollen die Besucher den Obolus werfen, der ihnen angemessen erscheint.

Für die Betreiber von Kneipen, Clubs und kleinen Bühnen ist das Konzept ein Segen. Sie gehen keinerlei finanzielles Risiko ein. In Musikerkreisen ist das Hutgeld dagegen ein Zankapfel. Einer, der das Thema aus beiden Perspektiven kennt, ist Rainer Trendelenburg. Als Musiker spielte der 61-Jährige auch schon auf Spendenbasis. Als Vorsitzender der Freiburger Blues Association verantwortet er die Konzertreihe "Monday Life Club", die montags im Vereinslokal "Schiff" über die Bühne geht – und bei der die Künstler für Hutgeld auftreten. Er sagt: Wird das Konzept seriös umgesetzt, führt kein Weg daran vorbei, um gerade die regionale Szene am Leben zu erhalten und Talente zu fördern. Aber auch für Profis, die durchs Land touren, könne sich das Modell – fair modifiziert – lohnen.

Ausgangspunkt der Entwicklung zum freien Eintritt auf breiter Front war aus Trendelenburgs Sicht die massive Erhöhung der Gema-Gebühren vor einigen Jahren. "Danach wurde es auch für etablierte Bands immer schwieriger, Engagements zu bekommen. Begründung der Wirte: Das rechnet sich nicht mehr", sagt der alte Hase, der in seiner aktivsten Zeit 75 Konzerte im Jahr gespielt hat – in Süddeutschland, aber auch in Italien und der Schweiz. Livebands hätten in der Folge immer größere Probleme gehabt, adäquate Auftrittsmöglichkeiten zu finden, Nachwuchsgruppen demotiviert aufgegeben. Die Gründung der Blues Association im Januar 2012 war daher auch Hilfe zur Selbsthilfe. Fünf Jahre später hat der Verein neben seinem jährlichen Festival ein festes Konzertprogramm etabliert. Zwei bis drei Anfragen von Bands, die beim "Monday Life Club" auftreten wollen, bekomme er am Tag, sagt Trendelenburg.

Vielleicht auch, weil die Musiker im Kellergeschoss des "Schiff" Bedingungen vorfinden, die eher die Ausnahme als die Regel sein dürften. Der Verein macht die Werbung. Licht- und Lautsprecheranlage sowie Instrumente sind vorhanden, den Tontechniker stellt der Verein, der den Gesamtbetrieb mit 8000 Euro im Jahr bezuschusst. Die Summe kommt durch Mitgliedsbeiträge, Sponsoren und "privates Engagement" zusammen. Die Abgaben an die Künstlersozialkasse und die Gema übernimmt der Wirt.

Überregional bekannte Profis – einmal im Monat gehört die Bühne ihnen – erhalten eine garantierte Gage und den Hutinhalt plus Übernachtung im "Schiff", alle anderen das, was das Publikum spendet. Ob sich das für die Musiker lohnt oder nicht, hängt entscheidend vom Veranstalter ab, sagt der Praktiker. "Man muss sein Publikum kennen und es dazu animieren, die Spielregeln einzuhalten" – also gutes Geld für gute Musik zu geben. Trendelenburg gibt auch schon mal vor dem Konzert durch, was er für angemessen hält. Bewährt hat sich, während des letzten Songs vor der Pause zu sammeln – kleine, in der Praxis erprobte Tricks, die dafür sorgen sollen, dass das Wunschziel von wenigstens 200 Euro Hutgeld für eine eingespielte Band erreicht wird.

Aber: "Hut ist nicht gleich Hut", sagt Trendelenburg: "Konzerte zu veranstalten, nur um die Tische zu füllen, das funktioniert nicht. Dem Wirt darf es nicht egal sein, ob die Musiker auf ihre Kosten kommen oder nicht." Im Zweifelsfall sei eine konsequente Haltung der Bands gefragt. Das heißt: Bei Veranstaltern, die sich keine Mühe geben, auch nicht mehr aufzutreten.