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14. April 2010

Einmal rund um die Welt

Karl-Heinz Debacher fasziniert eine andere Art des Reisens.

  1. Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen, findet Karl-Heinz Debacher als Passagier auf einem Frachtschiff genug. Foto: privat

  2. Eine besondere Art des Reisens: Allein mit Ehefrau und einem weiteren Passagier, der Besatzung und tausenden Containern Foto: Karl-Heinz Debacher

RUST. Eine Kreuzfahrt auf der AIDA oder auf der Queen Mary II, Luxus pur, volles Programm, Party rund um die Uhr – wer träumt nicht davon? Einmal mit dem Schiff über den Atlantik, davon hat Karl-Heinz Debacher "ewig und drei Tage" geträumt. Und er hat diesen Traum verwirklicht – allerdings nicht auf einem Luxusliner, sondern auf einem Containerschiff. Drei Schiffsreisen haben er und seine Frau Elke bislang so unternommen.

Die vierte, sie soll von Malta nach Dubai führen, ist für die Sommerferien in Planung. Bis er seinen Traum von einer Reise um die Welt verwirklichen kann, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Die dauert 126 Tage, und so viel Urlaub am Stück hat auch der 55 Jahre alte Rektor der Ruster Schule nicht.

"Viele sehen im Schiff ein Transportmittel, das sie von A nach B bringt. Mir geht es nicht ums Ziel, ich will Schiff fahren", sagt Debacher. 3000 Kilometer vor und hinter dir nur Wasser und auch 2000 Meter unter dir, im Umkreis von 300 Kilometern kein anderes Schiff und von den Azoren bis in die Karibik kein Handyempfang, allein mit Frau und einem weiteren Passagier sowie der Besatzung – Debacher ist klar, dass das nicht jedermanns Sache ist. "Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder du magst diese Art zu reisen und bist infiziert oder du willst es nicht. Ein Zwischending gibt es nicht", sagt er.

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Langeweile? Das gibt es für ihn nicht. Reden, lesen, Musik hören, relaxen am Meerwasserpool zwischen den Containern, den Sonnenuntergang beobachten, völliges Abschalten, den Alltag komplett hinter sich an Land lassen und sich auch viel mit sich selbst beschäftigen, darin findet Debacher die totale Entspannung. "Nach zwei Wochen auf See meint man, es sei ein halbes Jahr vergangen", erzählt er. Sein Lieblingsplatz auf dem Schiff ist am Bug. "Dort hörst du nur die Wellen, vom Schiffsmotor hörst du überhaupt nichts." Delfine hat er auf dem Trip über den Atlantik beobachtet

Die Reise in die Karibik war die dritte der Debachers auf einem Frachtschiff. Als Einstieg sind sie vor fünf Jahren mit einem Feederschiff – das ist ein Schiff, das die Ladung der großen Schiffe von Häfen wie Hamburg oder Rotterdam weiter transportiert – von Hamburg aus nach Oslo, Göteborg und zurück gefahren. "Training" nennt Debacher diese Tour rückblickend.

Ein Jahr später bereits ging’s von Hamburg über Rotterdam, England, durch sie Biscaya ins Mittelmeer bis nach Tarent in Süditalien. Gern wäre Debacher noch ein Stück weiter gefahren, doch der nächste Stopp, an dem er das Schiff hätte verlassen können, wäre in Singapur gewesen. 334 Meter lang war das Containerschiff "Ever Conquest", beladen mit 9000 Containern, die Ladung von 5000 Lastwagen. Debacher hat ausgerechnet, dass das eine Lkw-Kolonne von der Autobahnausfahrt Rust bis zur Ausfahrt Achern gäbe. Vor zwei Jahren dann die dritte Reise von Le Havre aus nach Guadeloupe, der französischen Kolonie in der Karibik.

"Du hörst nur

die Wellen, vom

Schiffsmotor hörst du

überhaupt nichts."

Karl-Heinz Debacher
Weltweit gibt es etwa 250 Handelsschiffe, die Passagiere mitnehmen, meist zwei oder drei. Es gibt eigene Agenturen, über die man die Reisen buchen kann. Doch damit steht nur fest, in welchem Hafen der Passagier aufs Schiff kann und wo er es wieder verlässt. "Wie du zum Ausgangspunkt der Reise und vom Endpunkt wieder zurück kommst, darum musst du dich selbst kümmern", erzählt Debacher. Die Ladung hat Vorrang, sie bestimmt den Fahrplan. Und der stimmt nicht immer auf den Tag genau. "Du sitzt zwei Tage auf gepackten Koffern, dann bekommst du einen Anruf, das Schiff ist jetzt da und da, sowie die Abfahrtszeit im gebuchten Hafen." Im Vorfeld gilt es auch abzuklären, wie man in den Hafen zum Schiff kommt. Nicht in jedem Hafen kann beispielsweise ein Taxi bis an die Anlegestelle fahren. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, ist ein zwei Tage vor dem avisierten Abfahrtsdatum im Abfahrtsort, gibt Debacher einen Tipp. Und: Wenn das Schiff im Hafen zum Be- und Entladen ein paar Stunden hält, ist es besser, ein zwei Stunden vor der angegebenen Abfahrtszeit wieder auf dem Schiff zu sein. Geht das Be- oder Entladen schneller, verlässt das Schiff den Hafen auch früher.

Etwa 80 bis 90 Euro bezahlt der Passagier pro Tag auf einem Handelsschiff. Dafür gibt es Vollpension und auf moderneren Schiffen geräumige Kabinen. Knapp 35 Quadratmeter waren es auf der "Ever Conquest", erzählt Debacher. Und ein Riesenvorteil gegenüber den Kreuzfahrtschiffen: Man kann auf dem Schiff wenig Geld ausgeben. 150 Kilogramm Freigepäck kann der Passagier zudem mitbringen. Genug für die Reiselektüre und CDs. Allerdings: Sollte es mit dem Flugzeug zurückgehen, sollte er zumindest die Lektüre der Schiffsbibliothek spendieren. Sonst wird der Rückflug mit der Menge Gepäck ein teurer Spaß.

Vier Wochen plant Debacher ein, wenn er zwei Wochen auf einem Schiff ist, da die Fahrpläne sich ändern können. Die nächste Reise ist für den Sommer geplant. Von Malta soll es durchs Mittelmeer, den Suezkanal, durch die Straße von Hormus nach Dubai geben. Das passende Schiff hat er bereits ausgesucht. Es ist das größte Containerschiff der Welt, das 12 000 Container befördern kann.

Indes auf die Bestätigung wartet er noch. Schuld ist die Weltwirtschaftskrise. Es gibt weniger Fracht zu befördern, die Fahrpläne der Schiffe ändern sich deshalb. Und für Debacher bleibt für die Reise nur ein Zeitfenster von vier Wochen, da er als Rektor die erste und die letzte Woche der Sommerferien in der Schule sein muss.

Das alles spielt dann keine Rolle mehr, wenn er seinen großen Traum verwirklichen will, auf einem Schiff die Welt zu umrunden. 126 Tage wird er dann unterwegs sein. "Ich verstehe jetzt die Seeleute, es ist einfach faszinierend, auf einem Schiff unterwegs zu sein", schwärmt Debacher. Wesentlich nüchterner fällt allerdings die Antwort auf die Frage aus, ob seine Frau auch so fasziniert ist: "Am Anfang war sie sehr skeptisch, aber sie geht halt mit."

Autor: Theo Weber