Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Januar 2016 10:53 Uhr

Interview

Europa-Park-Chef Mack über Wachstum und seine Grenzen

Nie besuchten mehr Menschen den Europa Park. Park-Chef Roland Mack spricht im Interview darüber, weshalb ein Wachstum des Freizeitparks alternativlos ist – aber auch Grenzen hat.

  1. Roland Mack, auch Herr der Achterbahnen genannt, hat in Rust noch viel vor. Foto: dpa

Mit einem Rekord von 5,5 Millionen Besuchern beendet der Europa-Park in Rust heute die Saison. In den kommenden Jahren will der Freizeitpark weiter wachsen. Europa-Park-Chef Roland Mack sagt, warum es dazu für ihn keine Alternative gibt.

Frage: Herr Mack, Sie haben 2015 erneut einen Besucherrekord aufgestellt. Fällt Ihnen ein Freizeitpark in Europa ein, der ähnlich erfolgreich wie Ihrer ist?

Mack: Gute Frage. 2015 war für Freizeitparks grundsätzlich ein gutes Jahr. Die Wirtschaft läuft gut, das Wetter war gut. Dass wir aber auf unserem Niveau noch einmal zulegen konnten, ist außergewöhnlich. Allein in der Winteröffnung haben wir mehr Besucher als 80 bis 90 Prozent der deutschen Freizeitparks. Was Europa betrifft, hat Disney Paris zwar mit rund zehn Millionen Besuchern die meisten, wir sind aber wirtschaftlicher und haben das größere Wachstum. Disney ist zudem ganzjährig geöffnet. Port Aventura in Spanien mit knapp vier Millionen Besuchern kommt auf Platz drei.

Frage: Gewinnen Sie neue Besucher oder kommen Europa-Park-Kenner häufiger und bleiben länger?

Werbung


Mack: Eine Mischung aus beidem. Wir wachsen in den Märkten Schweiz, Frankreich, Benelux, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. Bayern war 2015 erneut stark. 85 Prozent unserer Besucher sind Wiederholer. Um zu wachsen brauchen wir aber 15 Prozent Erstbesucher. Das ist immerhin eine dreiviertel Million. Die gewinnen wir aus weiter entfernten Märkten. Wir haben auch bei den Übernachtungen nochmal zulegen können – was bei einer Hotelauslastung von 98 Prozent nicht einfach ist. Die Tendenz geht zudem zu längeren Aufenthalten. Wer einmal übernachtet, löst zwei Eintrittskarten.

Frage: Welchen Anteil haben Besucher aus der Region?

Mack: Besonders im Winter ist das ein wichtiger Markt – da nehmen die Menschen nicht mehr so lange Anfahrten auf sich. Besucher aus der Region kommen auch dann, wenn andere Bundesländer keine Ferien haben. Brückentage oder Wetterschwankungen spielen zudem eine Rolle. Wenn der Himmel plötzlich aufklart, entscheiden sich viele in Offenburg oder Freiburg zum spontanen Besuch. Ich schätze, dass Baden unter deutschen Besuchern einen Anteil von bis zu acht Prozent hat.

Frage: Gibt es für Sie so etwas wie eine Wachstumsgrenze?

Mack: Die Zahl der Individualbesucher muss nicht unbedingt weiter steigen, um mehr Besuche zu erzielen. Wir werden mehr und mehr zum Kurzreiseziel mit zwei oder drei Übernachtungen. In diese Philosophie passt unser geplanter Wasserpark: Gäste, die schon im Europa-Park sind, können einen Besuch im Wasserpark dranhängen. Dadurch werden wir für Gäste aus größeren Entfernungen interessanter.

Frage: Was würde passieren, wenn Sie nicht ständig erweiterten?

Mack: Dann würde Stillstand eintreten. Dafür gibt es viele Beispiele. Der Holidaypark in Haßloch hat zu lange mit Investitionen gewartet und musste schließlich verkauft werden. Andere können nicht wachsen, weil es die wirtschaftliche Situation nicht erlaubt. Die erfolgreichen Freizeitparks weltweit zeigen, dass erhebliche Investitionen notwendig sind, um attraktiv zu bleiben.

Frage: Wie kommen Sie auf die Ideen für neue Fahrgeschäfte? Haben Sie eine Art Brainstorminggruppe oder ist das Chefsache?

Mack: Eine Mischung aus allem. Wir sind mit unserem Fahrgeschäftehersteller Mack-Rides in der Branche groß geworden. Wir sind auf internationalen Messen, wir befragen unsere Gäste, wir machen repräsentative Umfragen mit der Universität Freiburg, wir sind im Gespräch mit unseren Mitarbeitern. Und wir haben ein Entwicklungsteam, in dem junge Ingenieure und Designer arbeiten, die den Markt beobachten und eigene Ideen haben. Uns besuchen zudem fast täglich Delegationen aus den USA, Asien und Europa. Da spricht man viel über Trends in der Branche. Am Ende ist es aber dann auch das Bauchgefühl in der siebten Unternehmergeneration, das den Ausschlag gibt.

Frage: Werden lange Wartezeiten für beliebte Fahrgeschäfte zum Problem? Wie viel Wartezeit ist für einen Fahrspaß von wenigen Minuten überhaupt zumutbar?

Mack: Die Kapazitäten von Fahrgeschäften beschäftigen uns Nonstop. Deshalb verlängern wir an starken Tagen die Öffnungszeiten, um unsere Gäste zufrieden zu stellen. Dafür gibt es eine Vereinbarung mit unseren Mitarbeitern. Knappe Kapazitäten sind mit ein Grund für unsere Erweiterungen. Damit wollen wir die Wartezeiten in vernünftigen Größenordnungen halten. 15, 20 oder 30 Minuten Wartezeit sind schon mal zumutbar – das baut ja auch ein Spannungsfeld auf. Die Gäste werden zudem in den Warteschlangen durch Erlebniswelten geführt. Viele Besucher und vertretbare Wartezeiten stehen in einem ständigen Spannungsverhältnis. Wir haben das im Fokus. Wichtig ist, dass das Gesamtangebot passt. An den Kapazitätsgrenzen der sehr beliebten Achterbahnen Silverstar und Bluefire lässt sich nichts ändern. Sie befördern an Spitzentagen jeweils 20 000 bis 23 000 Leute. Unsere Beförderungskapazität ist sogar höher als bei Disney in Paris – obwohl die mehr Besucher haben und doppelt so teure Eintrittskarten.

Frage: Lassen sich die Besucherströme lenken?

Mack: Zum Teil. Wir haben mehrere Studien in Auftrag gegeben, um die Ströme der Besucher zu steuern. Das Ganze hat aber nur bedingt eine Wirkung, weil wir viele Wiederholer haben. Die kennen sich aus und wissen, wo sie hin wollen. Trotzdem kommen wir auf 600 000 Beförderungen pro Tag. Das kann sich sehen lassen.

Frage: Am Sonntagabend geht’s in die Winterpause. Gibt es Überlegungen, diese Lücke zu schließen?

Mack: Unseren Hotels würde es gut tun. Dem Park tut es aber auch gut, zwei, drei Monate zu schließen. Die Natur hilft uns im Januar und Februar nicht wirklich. Im Dezember haben wir als Attraktion die Weihnachtsdekoration. Mit der Beleuchtung wird der Park im Dunkeln sogar noch schöner. Wir brauchen zudem Zeit für Renovierungen und Neubaumaßnahmen. Der Wasserpark soll aber ganzjährig geöffnet sein und schließt diese Lücke: Er trägt somit zur Standortsicherung unseres Unternehmens und der Arbeitsplätze bei.

Frage: Irgendwann werden Sie keine Flächen mehr zum Wachsen haben. Was machen Sie dann?

Mack: Wir haben noch Flächen zwischen Wasserpark und Autobahn, die für die interkommunale touristische Entwicklung zur Verfügung stehen. Auch am Park selbst gibt es Erweiterungsflächen. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass ein Park irgendwann eine passende Fläche hat, die den Besucher nicht erschlägt. Im Vergleich zu internationalen Parks sind wir schon recht groß. Der Tivoli in Kopenhagen hat 8 Hektar – wir haben 40 Hektar. Disneyland in Los Angeles kommt auf etwa 38 Hektar.

Frage: Was machen Sie, wenn trotz aller Anstrengungen die Besucherzahlen abnehmen?

Mack: Den Gedanken weit weg halten (lacht). In diesem Geschäft braucht man Optimismus. Ich vergleiche es gern mit einem offenen Feuer: Wenn man nicht ständig Holz nachlegt, geht die Flamme aus. Viele Investitionen sind nicht einmal darauf ausgelegt, die Besucherzahlen zu steigern, sondern die treuen Gäste auch weiterhin zu begeistern.

Frage: Die zunehmenden internationalen Konflikte und der Terrorismus könnten den Menschen die Lust auf Freizeitparks verleiden. Machen Sie sich Sorgen?

Mack: Man kann sich über vieles Sorgen machen. Über die technische Sicherheit – Unfallfreiheit ist immens wichtig. Sie treibt uns seit 40 Jahren um. Eigentlich gibt es ständig Herausforderungen. Während der Bauzeit vor über 40 Jahren hatten wir wegen der Ölkrise ein Fahrverbot. Vor ein paar Jahren gab es die Vogelgrippe. Jetzt haben wir den internationalen Terrorismus. Ich bleibe aber optimistisch. Wir leben in einem sicheren Land mit intakter Polizeiinfrastruktur. Problematischer sind derzeit Fernreisen in einige Regionen. Vor Zwischenfällen welcher Art auch immer ist keiner gefeit: weder in Fußballstadien noch bei Open- Air-Konzerten oder sogar Innenstädten wie wir leider erfahren mussten. Die Menschen werden sich deshalb nicht zuhause einschließen.

Quelle: Dieser Beitrag ist zuerst am 10. Januar 2016 in unserer Wochenzeitung "Der Sonntag" erschienen.

Autor: Klaus Riexinger (Der Sonntag)