Von Plagegeistern, Frauen und Gotteslob

Christiane Franz

Von Christiane Franz

Mi, 12. Juli 2017

Sasbach

Die A-Capella-Formation "Tonart" aus Kenzingen begeisterte in der Sasbacher Martinskirche .

SASBACH. Dass die Menschen früher schon zu feiern wussten und dass die Probleme von damals uns zumindest teilweise auch heute noch bekannt sind, das machten die zehn Sänger von "Tonart" aus Kenzingen unter der Leitung von Ekkehard Weber bei ihrem Konzert "Musik für Kirche und Kneipe" musikalisch anschaulich. Am Ende gab es vom Publikum in der gut besetzten Kirche St. Martin langanhaltenden Applaus und stehende Ovation, als die Sänger nach der Zugabe durch den Mittelgang auszogen.

Mit viel Informationen und Hintergrundwissen zu den Komponisten ließ Ekkehard Weber, der durchs Programm führte, die einzelnen Lieder für die Zuhörer auch dann verständlich werden, wenn der Text in Latein, Russisch oder Altenglisch gesungen wurde. Die zehn Sänger belegten im Anschluss an die Ausführungen eindrucksvoll, wie man die Lieder aus der frühen Renaissance über den Barock bis in die späte Romantik aufleben lassen kann: Sie präsentierten anspruchsvolle Chormusik auf gesanglich hohem Niveau und ließen den Abend zu einem musikalischen Genuss werden.

Mit den weltlichen Liedern begann der erste Part, um, wie Weber betonte, die Zuhörer danach mit den spirituellen Liedern in die neue Woche gehen zu lassen. Im Gewand geistlicher Melodien kamen humorvolle Texte daher wie zu Beginn die Hohelied-Paraphrase "Pase el agoa" (Anónimo) aus dem Canzionero de Palacio oder später die Geschichte der Frau, die emanzipiert schon in der Renaissance ohne ihren Gatten ins Wirtshaus wollte: "Es wollt ein Fraw zum Weine gahn" von Ludwig Senfl.

Wie lebendig auch die alten Lieder sind, stellte der Chor spätestens mit "Der Floh" von Erasmus Widmann unter Beweis. Temporeich und witzig wurde das Erdulden der Plagegeister in Kleidung und Pelzen der Renaissance so erfolgreich besungen, dass der Zuhörer versucht war, sich selbst wegen eines vermeintlichen Flohs zu kratzen. Zänkische alte Weiber, angebetete Frauen, zirpende Grillen und Martinsgänse thematisierten die heiteren und manchmal durchaus anzüglichen Liedtexte, die vom Chor nuanciert und pointiert umgesetzt wurden.

Mit dem Bach-Schüler Gottfried August Homilius begann der geistliche Teil des Programms. Da gab es beispielsweise das besinnliche "Unser Vater im Himmel" zu hören, dem das vom Russen Nikolaj Andrejewitsch Rimskij-Korsakow komponierte "Pater Noster" auf Latein gegenübergestellt wurde. Kurios das "Ave Maria" von Karl May, berühmt die Lieder des Briten Henry Purcells wie "My soul doth magnify the Lord".

Bravourös ertönten die beiden Lieder aus der barocken Musiker-Familie Bach, die mehrere Texte miteinander verknüpften oder gar übereinander lagerten und so eine besondere Herausforderung für die Sänger, aber auch den Zuhörer darstellten. Mit dem "Abendlied" von Joseph Rheinberger endete der offizielle Programmteil. Eine moderne Komposition aus Norwegen beschloss als Zugabe das knapp eineinhalbstündige Konzert.

Das Sommerkonzert von "Tonart" wird am Sonntag, 23. Juli, um 19 Uhr in der Spitalkirche Breisach noch einmal zu hören sein.