Integration

Syrischer Flüchtling arbeitet als Zahnarzt in Schallstadt

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Mo, 13. August 2018 um 17:17 Uhr

Schallstadt

Als immer mehr arabischsprechende Patienten in die Zahnarztpraxis von Arthur Kramer kamen, suchte er nach einer passenden Unterstützung. Die hat er in einem jungen Syrer gefunden.

Seit Kurzem hat Zahnarzt Arthur Kramer einen neuen Kollegen in seiner Praxis in Schallstadt. Yasser Kridli ist 26 Jahre alt und vor drei Jahren aus seiner Heimat Syrien geflohen. Nun baut er sich in Deutschland eine neue Existenz auf. Bei Arthur Kramer ist er als Zahnarzt in Assistenzzeit tätig. Drei Jahre lang hatte dieser nach einer Unterstützung wie Yasser Kridli gesucht.

"Die Situation war die, dass immer mehr arabischsprechende Patienten in meine Praxis gekommen sind", erzählt Arthur Kramer, dessen Räumlichkeiten neben der Winzergenossenschaft direkt an der Schallstadter Ortsdurchfahrt liegen. Die Übersetzung und der große Behandlungsbedarf dieser Patienten habe ihn aufgerieben, "ich arbeite eh schon am Limit", sagt Kramer. Er wandte sich also mit seiner Suche nach einem arabischsprechenden Zahnarzt an das Arbeitsamt. Zwar meldeten sich daraufhin auch einige Bewerber bei ihm, doch der passende war nicht dabei. Den fand Arthur Kramer kurze Zeit später, als Yasser Kridli ihm seine Initiativbewerbung schickte.

Er floh übers Mittelmeer und die Balkanroute

Yasser Kridli ist Palästinenser, aber in Syrien geboren. Er kommt aus Latakia, einer Stadt am Mittelmeer gegenüber der Insel Zypern gelegen. 2015, im Jahr der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland, floh auch er aus seinem vom Bürgerkrieg gebeutelten Heimatland. Über das Mittelmeer und die Balkanroute machte er sich auf den Weg in die Bundesrepublik. Denn hier lebte bereits sein Bruder und zwei seiner Cousins hatten in Deutschland Medizin studiert. Er kam zunächst in einer Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe unter, anschließend dann in Ehrenkirchen. Mittlerweile wohnt er in Kenzingen.

"Von Anfang an war es mein erstes Ziel, die Sprache zu beherrschen" Yasser Kridli
"Von Anfang an war es mein erstes Ziel, die Sprache zu beherrschen", erzählt der 26-Jährige. Noch in Syrien besuchte er dafür einen Deutschkurs. Darauf aufbauend lernte er hier weiter – nicht nur in Kursen, sondern zusätzlich allein im Flüchtlingswohnheim. Mühe, die sich ausgezahlt hat. Inzwischen spricht Yasser Kridli flüssig und scheinbar mühelos deutsch.

"Mein zweites Ziel war es, dass mein Studium der Zahnmedizin in Deutschland anerkannt wird", erzählt er. In Syrien hatte Yasser Kridli bereits anderthalb Jahre als Zahnarzt gearbeitet. Laut der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg kann ein Zahnarzt mit einer Ausbildung, die im Ausland absolviert wurde, die Zahnheilkunde grundsätzlich auch in Deutschland ausüben. Er muss dafür aber ausreichende Sprachkenntnisse und die Gleichwertigkeit des Ausbildungsstandes nachweisen. Dafür muss Yasser Kridli eine Kenntnisprüfung ablegen. Das wird er vermutlich Anfang kommenden Jahres machen. Bis dahin heißt es für ihn lernen, lernen, lernen.

"Am Anfang hatte ich Angst, dass er nicht genug zu tun haben könnte. Doch es ist genau andersherum" Arthur Kramer
Parallel ist er in Teilzeit bei Arthur Kramer beschäftigt. Und zwar als "Assistent zur Vorbereitung der Durchführung der Kenntnisprüfungen". "Er darf hier unter meiner Aufsicht arbeiten", erklärt Kramer. "So sieht er, mit welchen Techniken in Deutschland gearbeitet wird, lernt unser Kassensystem kennen und die hiesige Praxishygiene." Die Techniken seien im Großen und Ganzen die gleichen wie auch in Syrien, berichtet Yasser Kridli.

Er kümmert sich hauptsächlich um die arabischsprechenden Patienten der Praxis – im Juni waren das beispielsweise 84. Allgemein machen sie einen Anteil von durchschnittlich rund fünf bis zehn Prozent aus, wie Kramer berichtet. "Am Anfang hatte ich Angst, dass er nicht genug zu tun haben könnte. Doch es ist genau andersherum", erzählt Arthur Kramer.

Bei den arabischsprechenden Patienten beobachtet Arthur Kramer einen großen Unterschied zu den deutschen Patienten. "Wenn ein deutscher Patient einen Termin hat, dann kommt er pünktlich. Das ist bei Herrn Kridlis Patienten häufig mal ein bisschen anders", sagt er mit einem Lachen. Yasser Kridli nickt. In seiner Heimat gingen die Menschen ohne Termin zum Zahnarzt. Auch brächten sie gerne gleich die ganze Familie oder Freunde mit, "da ist ein Arzttermin wie ein Ausflug", sagt Kramer.

Kinder mit erhöhtem Kariesbefall

Auch Flüchtlinge kommen zur Behandlung in seine Praxis. Vor allem Kinder und Jugendliche haben einen erhöhten Kariesbefall gegenüber gleichaltrigen Deutschen, wie aus einem Artikel vom Bundesverband der implantologisch tätigen Zahnärzte in Europa hervorgeht. Für Arthur Kramer ist klar, dass hier Abhilfe geschaffen werden muss. Das kann er mit Unterstützung von Yasser Kridli tun.

"Er ist ein sehr angenehmer Mensch und macht seine Arbeit sehr gut", lobt Kramer. Und auch sein junger Kollege findet, "Arthur Kramer ist für mich nicht nur ein Chef, sondern auch eine Vertrauensperson und ein Lehrer." Der 26-Jährige fühlt sich in Deutschland sehr wohl und freut sich, hier seinen "Beitrag leisten" zu können.