Auf dem Boden geblieben

Hannes Selz

Von Hannes Selz

Fr, 02. November 2018

Schießen

Bogenschützin Elisabeth Keßler zählt zu den Teamstützen beim Regionalligisten SG Zell / Saisonauftakt am Samstag in Zell.

BOGENSCHIESSEN. Sie gehört zu den 20 besten deutschen Schützinnen am Recurve-Bogen: Elisabeth Keßler. Wer glaubt, sie sei trotz ihrer Erfolge abgehoben, sieht sich bei einem Gespräch mit ihr schnell eines Besseren belehrt. Keßler hat sich eine glaubwürdige Bescheidenheit bewahrt. Am Samstag startet sie mit der SG Zell mit einem Heimwettkampf in die Hallensaison.

Ist es die Wahrheit oder ein Klischee? Wie in allen Lebensbereichen soll bei Sportlern mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit und Lockerheit aufkommen. Bei Elisabeth Keßler scheint dies jedenfalls nicht ganz zuzutreffen. "Ich bin in den letzten Jahren irgendwie nervöser geworden. Das kannte ich so gar nicht bei mir", gibt die Chemikerin kurz vor dem Saisonstart einen Einblick in ihre Gefühlswelt.

Doch wer mag Keßler die Aufregung verdenken? Aus Erfolgen resultiert eine erhöhte Verantwortung für die eigene Mannschaft, aufgrund dieser lässt sich eine gewisse Nervosität wiederum nachvollziehen. 2015 wurde Keßler bei der Deutschen Meisterschaft Vierte, weitere Top-Zehn-Platzierungen folgten. "Vor dem ersten Wettkampftag mit der Mannschaft sind immer alle besonders nervös. Schließlich will man es den Teamkollegen ja nicht versauen", sagt Keßler und revidiert im gleichen Atemzug einen möglichen Sonderstatus, dem man ihr im Zeller Team zuschreiben könnte. "Wir unterstützen uns gegenseitig immer ganz gut. Deshalb spüre ich nicht mehr Verantwortung als meine Teamkollegen auch."

Die 38-Jährige wuchs nördlich vom Chiemsee in einer Nachbargemeinde von Tacherting auf. Als Sportbegeisterte probierte Keßler viele Sportarten aus, vor allem das Skifahren und die Leichtathletik hatten es ihr angetan. Bis ihr Vater sie im Alter von 15 Jahren in Tacherting zu einem Gaudi-Schießen mitnahm. "Danach bin ich beim Bogenschießen irgendwie hängen geblieben." Zunächst verschlug es Keßler beruflich nach Braunschweig, dann 2012 nach Südbaden. Heute lebt die verheiratete Mutter eines Sohnes in Eichsel. "Mein Sohn wird ausgerechnet am Samstag drei Jahre alt", erzählt Keßler, die dem Kleinen deshalb durch möglichst viele Treffer in die goldene Mitte der Zielscheibe ein Geschenk machen will.

Schweizer Meisterin Fusek verstärkt die SG Zell

Vor zwei Monaten verpasste Kessler bei der DM in Wiesbaden in der Qualifikatio den Einzug ins Einzelfinale knapp, als 18. lediglich um zwei Plätze. "Ich war nicht ganz zufrieden. Das Finale hätte ich schon gern mitgenommen", sagt Keßler, die jedoch kein Trübsal bläst. Denn: Nach der Saison im Freien geht es über die Wintermonate mit der Mannschaft wieder in die gemütliche und warme Halle. "Eigentlich schieße ich lieber draußen. Die Mannschaftswettkämpfe sind aber etwas ganz Besonderes. Da gibt es mehr Action und es kommen mehr Zuschauer."

Für die neue Regionalliga-Saison, die zum zweiten Mal in Folge in Zell startet, ist Keßler zuversichtlich. Die SG konnte sich mit der amtierenden Schweizer Meisterin Olga Fusek verstärken. Und erneut kommt bei Keßler eine gewisse Bescheidenheit zum Vorschein, wenn sie von ihrer neuen Teamkollegin schwärmt: "Da muss ich mich schon ranhalten, dass ich mit ihr mithalten kann."

In der Zeller Stadthalle treten am Samstag alle acht Teams der Regionalliga, der dritthöchsten Klasse Deutschlands, je einmal gegeneinander an, jeweils in vier Duellen parallel. "Ich kann jedem empfehlen, vorbeizukommen. Der Modus ist spannend und auch für den Laien leicht verständlich", sagt Keßler, die in den einzelnen Duellen mit zwei Teamkollegen innerhalb von zwei Minuten jeweils zwei Pfeile im Ziel unterbringen muss. Für das Publikum werden zwei Videoleinwände aufgestellt, welche die Zeller Zielscheibe und die des Gegners im Großbild zeigt. Die strengen Regeln, vor allem das Wechseln zwischen den Schützen betreffend, sowie die Lautstärke in der Halle seien zwar sehr anstrengend für den Kopf der Schützen, "es macht aber großen Spaß".

Den Bogen spannen will Keßler noch so lange, wie es ihr Körper mitmacht: "Man kann auch noch mit 50 mit den jungen Schützen und Schützinnen mithalten. Deren Kraftvorteil kann man durch eine gewisse Erfahrung wettmachen." Geht doch: Der bescheidenen Keßler lässt sich also tatsächlich ein zumindest dezentes Eigenlob entlocken. "Ich schieße jetzt schon sehr lange und habe an vielen deutschen Meisterschaften teilgenommen", betont sie, um jedoch anzufügen: "Ich glaube nicht, dass ich an der Kreismeisterschaft, die einen Tag später in Zell stattfindet, klare Favoritin bin."