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31. August 2009 21:47 Uhr

Wiesental

Warum der Dreyecker zu einer starken Währung wird

Regionalwährungen haben Konjunktur – doch nicht überall läuft der eurolose Geldkreislauf so rund wie im Wiesental mit seinem Dreyecker. BZ-Redakteur André Hönig erläutert das Erfolgsrezept am Beispiel vom vom Demeter-Hof Dinkelberg.

  1. Ein Geben und Nehmen – das ist der Gedanke des Dreyeckers. Mit dem Einkauf vor Ort wird die regionale Wirtschaft unterstützt, in diesem Fall erfreut sich Markus Hurter über diese solidarische Geste. Foto: André Hönig

SCHOPFHEIM. Der Regio-Pfennig muss mehrfach umgedreht werden – nur dann entfaltet er seinen ganzen Nutzen. Bei manchen ist der Groschen gefallen und es gibt erste gute Erfahrungen mit einem fast eurolosen Dreyecker-Geldkreislauf. Vorzeigebeispiel ist Markus Hurter vom Demeter-Hof Dinkelberg. Hier regiert Regio-Geld bereits eine kleine Welt.

Tomaten für Dreyecker: So beginnt an diesem Tag der Regiogeld-Kreislauf. Markus Hurter überreicht der Kundin am Schopfheimer Wochenmarktstand des Biolandbau-Hofs Dinkelberg einen Sack mit sonnengereiftem Gemüse. Hurter bekommt einen Dreyecker-Schein in die Hand gedrückt, die Kundin ihr Wechselgeld. Allzu oft nun würde alsbald ein weiterer Wechsel folgen – der Geschäftsmann tauscht den Dreyecker-Schein zurück in Euro. Nicht so Markus Hurter. "Ich muss kaum noch in Euro wechseln", sagt Hurter. "Wieso sollte ich auch? Das widerspricht doch dem Gedanken einer Regionalwährung!" Hurter hat verstanden, dass Regiogeld sich als "Wechselgeld" versteht – nicht als Umtauschwährung. Wechseln soll nicht die Währung, wechseln soll der Besitzer. So oft wie möglich.

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ÜBERZEUGUNGSARBEIT IM DRITTEN DREYECKER-JAHR

"Nur wenn Geld ausgegeben wird, wird Mehrwert geschaffen – nicht aber wenn es gehortet wird oder angelegt." Gabriele Rellermeier von der Dreyecker-Initiative hat das schon oft erklärt, doch: "Geld ist eine schwierige, eine emotionale Sache, da will man oft nicht gern drüber reden." Immer noch muss Überzeugungsarbeit geleistet werden – auch im dritten Jahr des Dreyeckers. Zwar kommt die Regionalwährung immer mehr in Schwung, Dreyecker im Wert von 100.000 Euro waren vergangenes Jahr im Umlauf, immer mehr Geschäfte akzeptieren Regiogeld. Doch noch bleibt der Dreyecker-Gedanke häufig im Ansatz stecken. Der Gedanke, mit der Regionalwährung einen Wirtschaftskreislauf zu schaffen. Eine Kette. Ein Miteinander nach dem Grundsatz: Nur gemeinsam sind Kleine in Zeiten des Internets und der großen Ketten stark. Auch wenn der Dreyecker zum Euro im Wert von 1:1 steht, soll er ihn ja nicht 1:1 ersetzen. Es geht um mehr. Die Geschäfte sollen nicht aus Sympathie mitmachen – sie sollen Geld machen. "Wenn ich gewillt bin, meine Dreyecker wieder auszugeben, gehe ich nicht nach Lörrach oder Basel, sondern schaue mich zuerst um, wer hier vor Ort Dreyecker annimmt. So kann man als Unternehmer neue Kunden gewinnen. Und sie an sich binden." Gabriele Rellermeier deckt schon einen erheblichen Teil des täglichen, aber auch des besonderen Bedarfs nur noch bei Geschäften, die Dreyecker annehmen. "Da musste man sich teilweise umstellen. Aber das geht – und manchmal war das sogar eine Verbesserung." Richtig optimal läuft es dann, wenn dann auch die Geschäfte die Dreyeckern weitergeben. Sei es an Lieferanten. Oder dass sie ihrerseits als Kunde bei anderen Geschäften die Dreyecker ausgeben.

"DER DREYECKER IST GELEBTE SOLIDARITÄT"

So wie Markus Hurter. Der Betreiber des Demeter-Hofs Kambium nimmt nicht nur Dreyecker an – und hat deshalb auch schon einige Kunden hinzugewonnen, "nicht gerade eine riesige Menge, aber doch eine merkliche Zahl." Vor allem aber hat er sich auch bei seinem eigenen Konsum umgestellt.

"Wir kaufen und bezahlen so viel wie möglich mit unseren eingenommenen Dreyeckern." Das reicht von Lebensmitteln über Bürobedarf und Medikamente bis zur Autoreparatur. Auch bei ihm ging das nicht, ohne Abschied zu nehmen von Einkaufsgewohnheiten. Doch das hat auch Vorteile: "Wir sind beispielsweise große Käseliebhaber. Käse hatten wir bisher aus dem Supermarkt. Jetzt holen wir ihn beim Grünkern-Laden – und was soll ich sagen? Der schmeckt sehr gut." Dem Kreislaufgedanken bereits sehr nahe kommt seine Zusammenarbeit mit der Bäckerei Trefzger. Die nimmt Hof-Kambium-Mehl für Demeter-Brot, Hurter wiederum Brot von der Bäckerei – beide akzeptieren Dreyecker. "Ein sehr schöner Nebeneffekt dabei ist, dass man nicht nur neue Geschäfte austestet, sondern auch mit den Betreibern über den Dreyecker ins Gespräch kommt – manche kennen sich ja gar nicht." Der Dreyecker ist für Hurter "gelebte Solidarität. Es doch darum, dass man sich gegen die großen Ketten gegenseitig hilft und stützt. Dass ich anderen Unternehmern hier die Chance gebe, zu existieren. Das kann ich, wenn ich Dreyecker annehme und wieder hier vor Ort ausgebe. "
  • Weitere Infos zu der Philosophie des Dreyeckers und zu den Annahme- und Ausgabestellen: www.dreyecker.de

Autor: André Hönig