"Die Haie wissen, dass da einer ist"

bex

Von bex

Do, 30. April 2015

Schülertexte

ZISCHUP-INTERVIEW mit André Wiersig, der vergangenes Jahr den Ärmelkanal von Dover nach Calais durchschwommen hat.

André Wiersig aus Paderborn durchschwamm 2014 den Ärmelkanal. Knapp zwei Jahre lang trainierte er im Freibad. Die Idee dazu kam ihm, als er eine Stunde im 13 Grad kalten Meer schwamm. Auf seinem Weg durch den Kanal wurde er von einem Boot begleitet. Die 36 Kilometer zwischen Dover und Calais schaffte er in einer Topzeit von neun Stunden und 43 Minuten. Zischup-Reporterin Marlene Kaupp, Schülerin der Klasse 8c des Kollegs St. Sebastian in Stegen, interviewte Wiersig. Er ist ein Freund ihrer Eltern.

Zischup: Du bist von Dover nach Calais geschwommen. Warum so und nicht anders herum?
Wiersig: Also man schwimmt traditionell immer von England nach Frankreich, wie der erste Mensch, der das damals geschafft hat. Das war der Engländer Matthew Web 1875. Er hatte auch nur eine Badehose an und durfte das Beiboot nicht berühren oder sich von anderen Menschen berühren lassen. Weiter will es die Tradition, dass man sich nicht helfen lässt, wenn man irgendwo in Frankreich ankommt, an Land geht und dabei umkippt.
Zischup: Kanntest du die Geschichte von Matthew Web schon, bevor du dich dazu entschlossen hast, den Ärmelkanal zu durchschwimmen?
Wiersig: Ja, ich hatte als Jugendlicher im Englischunterricht davon gehört. Das hat mich damals auch echt fasziniert, aber ich hätte niemals gedacht, dass ich das irgendwann auch mal selbst machen werde. Das Schwierige am Ärmelkanal ist nämlich nicht die Distanz, sondern die Kälte. Das Wasser hat eine Temperatur von 15 Grad, und man darf keinen Neoprenanzug anziehen, sondern nur eine Badehose. Man kann sich zwar mit einer dicken Fettcreme einreiben, mit Vaseline oder Melkfett, aber das ist alles völliger Käse.
Zischup: Hast du beim Schwimmen auch deine Umgebung wahrgenommen?
Wiersig: Ja, ich hatte mal einen Makrelenschwarm unter mir. Ich kannte Makrelen bis dahin eigentlich nur aus der Fischtheke (lacht)! Aber die sind echt groß und sehen auch toll aus, ganz silbern und schnell. Hunderte sind da unter mir durchgeschwommen.
Zischup: Bekommt man da nicht Angst?
Wiersig: Also das ist schon seltsam, da im Dunkeln auf dem Meer zu schwimmen. Ich würde nicht sagen, man hat Angst, aber man ist schon angespannt. Also es ist schon sehr speziell.
Zischup: Und was war es für ein Gefühl, von Containerschiffen überholt zu werden?
Wiersig: Ja, das ist unheimlich. Man hört die Schiffe auch unter Wasser. Der Schiffsmotor ist sogar so laut, dass man ihn richtig spürt. Das ist schon ein bisschen gespenstisch.
Zischup: Warum musste es unbedingt der Ärmelkanal sein?
Wiersig: Schwimmwettbewerbe – das reizt mich irgendwie nicht mehr. Ich wollte halt dieses Spezielle. Das ist genauso, wie wenn sich jemand vornimmt, den Mount Everest zu besteigen. Dann hat der auch keine Lust, eine Gruppenwanderung durch den Schwarzwald zu machen, sondern denkt natürlich nur über den Mount Everest nach.
Zischup: Hast du dir wieder neue Ziele gesetzt?
Wiersig: Ja, ich schwimme jetzt im Oktober durch den Kaiwi-Channel. Das ist eine Meerenge zwischen den Hawaii-Inseln Molokai und Oahu.
Zischup: Und warum hast du dir diese Meerenge ausgesucht?
Wiersig: Ich wollte natürlich endlich mal mit meiner Familie nach Hawaii (lacht). Aber es gibt noch einen anderen Grund: Es gibt auf der Welt sieben Meerengen, die besonders schwer zu durchschwimmen sind. Der Ärmelkanal ist eine davon. Und dazu gehört auch der Kaiwi-Channel auf Hawaii. Ich finde einfach den Gedanken, im offenen Pazifik zu schwimmen, toll. Andererseits ist es natürlich auch ein bisschen aufwühlend, vielleicht kommt man ja auch in Kontakt mit Haien.
Zischup: Ist diese Meerenge größer als der Ärmelkanal?
Wiersig: Ja, das sind 41 Kilometer Luftlinie, und die durchschnittliche Wellenhöhe liegt auf dem offenen Meer bei rund sieben Metern.
Zischup: Hast du keine Angst vor den Haien?
Wiersig: Damit beschäftige ich mich auch gerade. Ich habe mich zum Beispiel kürzlich mit einem Haiforscher getroffen, um einfach mal von ihm zu erfahren, wie man sich auf dem offenen Meer Haien gegenüber verhält.Der konnte mir dann ein paar Tipps geben. Er hat auch ganz klar gesagt, dass die Haie wissen, dass da ein einer schwimmt. Die Frage ist also: Gucken die Haie sich alles so an, dass man es nicht mitbekommt, oder kommen sie nah heran? Man muss sich mit allen Möglichkeiten beschäftigen, bevor man ins Wasser steigt. Man muss wissen, dass das Wasser eiskalt ist, dass da Containerschiffe sind, dass da Wellen sind, dass man ganz alleine ist und und und. So ist es auch mit den Haien.
Zischup: Es wird auf Hawaii aber bestimmt wärmer sein, oder?
Wiersig: Ja, das Wasser ist wärmer, aber draußen auf dem Pazifik ist es auch nicht wie in der Badewanne. Aber es ist schon knapp über 20 Grad warm.
Zischup: Du hattest beim Ärmelkanal auch einen Kapitän, der dich begleitet hat. Hast du so etwas auf Hawaii auch wieder? Jemanden, der dich notfalls retten könnte?
Wiersig: Ja, ein Boot ist auch dabei. Aber auf Hawaii sind die Wellen so hoch, dass das Begleitboot nicht neben mir her schippern kann, sondern 100 Meter vor mir entfernt fährt. Aber damit auch einer bei mir ist, begleitet mich ein Kanufahrer. Als Navigation, weil man nicht die ganze Zeit nach vorne gucken kann, da die Wellen so hoch sind und man immer wieder in einem Wellental ist.
Zischup: Sieben Meter hohe Wellen sind schon ziemlich groß. Kannst du dich auch darauf vorbereiten?
Wiersig: Die Wellen sind sehr massig und ganz breit, also man merkt, es geht rauf und runter, aber es geht langsam rauf und runter. Das ist nicht so wie in der Nordsee. Üben konnte ich das, ja. Ich hatte im Ärmelkanal auch ziemlich hohen und starken Wellengang. Damit bin ich ganz gut zurechtgekommen. Ich werde als Vorbereitung von Formentera nach Ibiza schwimmen, an einem Tag, an dem auch wirklich hohe Wellen sind, also an einem Tag, an dem man so eigentlich nicht mit dem Boot rausfahren würde oder geschweige denn schwimmen geht.
Zischup: Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück auf Hawaii!