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28. Januar 2016

Seelandschaft mit Mutanten

Neue Arbeiten von Petra Blocksdorf im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch.

Die Farben herunter gedimmt bis an die Reizgrenze, als zöge die Welt sich aus sich selbst zurück. Aus einer solchen Perspektive scheint Petra Blocksdorf ihre Landschaften zu entwickeln. Trotz aller malerischen Zurückhaltung ist farblich alles da, was Landschaft ausmacht. Authentische Grün- und Brauntöne, manchmal sogar ein lichtes Blau, das sich über einer klar definierten Horizontlinie aufspannt, um von Seeflächen beantwortet zu werden. Diese Spiegelspiele verleihen dem Bildraum eine zusätzliche Dimension, wenngleich sie der Horizontalen des Bodens die Standsicherheit entziehen.

Unter dem nüchternen Titel "Malerei auf Leinwand und Papier" präsentiert das Georg-Scholz-Haus in Waldkirch eine anspruchsvoll gehängte Ausstellung, in der Arbeiten aus dem Zyklus "Tier" sich mit den neueren Landschaftsbildern vergesellschaften. So artifiziell diese auf den ersten Blick auch wirken mögen, so referieren sie doch auf eine reale Landschaft. Mecklenburg-Vorpommern, wohin die Künstlerin der übersteuerten Konsumherrlichkeit von Zeit zu Zeit entfliehen muss, bietet mit seinen Naturschutzgebieten ideales Refugium.

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Diese Haltung setzt sich fort im Gebrauch der altmeisterlichen Eitempera, mit der sich nicht nur das ganze Register der malerischen, sondern auch materiellen Nuancen entfalten lässt. Abgeschlossene Bildpartien lassen sich nachträglich wegschaben, so dass die feinen Kratzspuren sich mit dem stets sichtbaren Pinselduktus zu einer stimmigen Textur verschleifen. Die unversiegelt belassene Bildoberfläche mit ihrer sanften Haptik suggeriert eine den Sinnen zugewandte Offenheit, die die Aufmerksamkeit auch auf den Malprozess und den Objektcharakter der Bilder lenkt.

Der jüngsten Werkgruppe "Landschaften" steht eine zweite mit dem Titel "Tier" zur Seite. Wenngleich es für Petra Blocksdorf Programm ist, Aufsehenerregendes von ihrer Staffelei fernzuhalten, sind diese Tiere nicht anders als spektakulär zu nennen. Weißliche Kreaturen, die keinen Blick erwidern, weil ihnen schlichtweg die Augen fehlen. Mag sein, dass sie noch nicht einmal geboren sind, es handelt sich jedenfalls um von der Evolution verworfene Kreaturen. Imaginäre Antiphysiognomien, kanonisch dargestellt in der Tradition der Porträtmalerei, spuren sie unruhige Assoziationsketten in ein nur auf den ersten Blick bekanntes Bestiarium. Eisbär, Pitbull und Tapir bis hin zum blinden Saurier-Baby. Geschöpfe, die zwar weitgehend den Körperbau von Pelztieren aufweisen, jedoch nichts als nackte Hautwesen sind und unter ihrer transparenten Membrane völlig ungeschützt wären, verfügten sie nicht über spitzige Reißzähne. Als fiktive Nachkommen einer ausgestorbenen Spezies – des australischen Beutelwolfs – könnten sie entstellte Wiedergänger aus dem Schattenreich ausgerotteter Tierarten sein, ebenso auch gengestörte Mutanten.

Die Tierporträts werfen ein fatales Licht auf die Natur selbst. Der Effekt ist gewollt, um das Dargestellte von jeder Wirklichkeit abzukoppeln und den Touch des Imaginären zu verstärken. Es bleibt zu hoffen, dass diese Ästhetik des Verschwindens, der Petra Blocksdorf nicht nur malerisch, sondern auch expressis verbis das Wort redet, nicht zu buchstäblich zu nehmen ist. Der unbestechliche Ernst dieses Werkes hält den Glauben lebendig, dass die überdrehte Bilderkultur, der jedes Gefühl für das reale Grauen verloren zu gehen scheint, nicht alles ist.

Georg-Scholz-Haus, Waldkirch. Bis 21.2. Do 17–20, Fr, Sa 15–18, So 10–13 Uhr.

Autor: Herbert M. Hurka