Soundmaler einer besseren Zukunft

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Mo, 16. April 2018

Rock & Pop

Andreas Spechtl und sein Mitspieler Saba Alizadeh treten im Freiburger Slow Club auf.

Wenn man über die Zukunft nachdenkt und darüber, wie man sie gestalten kann, muss man das dort tun, wo angeblich der Feind sitzt, der uns die Zukunft stehlen will. Das mag ein Gedanke von Andreas Spechtl gewesen sein, als er sich im Winter 2016/17 nach Teheran begab, um da zwei Monate zu leben. Nun ist Spechtl kein Sozialpsychologe, sondern Musiker. Bekannt geworden ist der Österreicher, der in Berlin lebt, mit der Formation Ja, Panik, die 2014 mit "Libertatia" eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre aufgenommen hat. Definiert er sich als Sänger einer Rockband, mutiert der mit seinen Soloalben "Sleep" und mehr mit dem aktuellen Werk "Thinking about tomorrow and how to build it" zum Klangforscher und Alchemisten. Zum Soundmaler einer besseren Zukunft.

Mag so ein Albumtitel wie Nachdenken über die Zukunft und wie man sie baut etwas hochtrabend klingen, aber wer sonst kann ein Zusammenwirken, -leben und -spielen unterschiedlicher Kulturen besser darstellen als Musiker – vorausgesetzt natürlich, der Versuch ist geglückt. Spechtls Musik profitiert zum einen von den heutigen technischen Möglichkeiten, dem Aufnehmen und Verarbeiten mit dem Computer, ist aber auch einem besonderen Umstand geschuldet. Das öffentliche und künstlerische Leben von Teheran spielt sich im Verborgenen ab. In Wohnzimmern, hinter verschlossenen Türen, im Geheimen.

In Spechtls Studio fanden in der Zeit zwölf Konzerte statt. Die Klänge wurden mitgeschnitten und wieder bearbeitet, zitiert, eingefügt, verfremdet, verschmolzen. Field Recordings – Umweltaufnahmen ergänzen das Spektrum. Die meisten Stücke sind instrumental – auf der Suche nach einer universellen Sprache. Vor der Dunkelheit muss niemand Angst haben, mach halt das Licht an, heißt es sinngemäß in "Future Memories". "Africa Blvd" dagegen thematisiert die Fremdheit und das Rätselhafte der Umgebung. Tatsächlich wirkt gerade das Verhuschte, Unerwartete und Ungewohnte spannend in dieser Musik, die erzählt, dass die Zukunft womöglich gerade dort stattfindet, wo man es am wenigsten erwartet. Und dabei verzaubert mit faszinierenden, ungehörten Klängen, Rhythmen und Harmonien, jenseits von Exotik und Kitsch.

Dass Orientalisches mehr als Beiwerk und Dekoration ist, dafür sorgt auch auf der Bühne sein Mitspieler Saba Alizadeh, der sich auch als Fotograf schon einen Namen gemacht hat. Als Musiker fährt er zweigleisig. So spielt er ein altes Instrument. Die Kamantsche, eine Stachelfiddel, existiert in Vorderasien schon 1000 Jahre, das Streichinstrument ist fester Bestandteil eines klassischen iranischen Orchesters. Komponisten wie Sabas Vater Hossein Alizadeh lassen die Kamantsche mit einem europäischen Streichquartett in Dialog treten. Doch Saba Alizadeh geht noch einen Schritt weiter: 2014 gründete er die Plattform "Noise Works" die ihren Fokus auf experimentellen elektronischen Klängen hat. Auch das gibt es in Teheran. Und auf der Bühne des Slow Clubs in Freiburg.

Konzert: Andreas Spechtl (Ja, Panik) und Saba Alizadeh am Dienstag, 17. April, Einlass 20 Uhr im Slow Club, Freiburg.