Eine Schinderei der Glückseligen

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Mo, 13. Februar 2017

Skilanglauf

Der Rucksacklauf fasziniert auch auf "nur" 50 Kilometern /Manuel Sieber gewinnt in 3:03 Stunden / Barbara Beckert schnellste Frau.

SKILANGLAUF. Als Schwarzwälder mit Neigung zum Ausdauersport im Freien, speziell auf Ski, musste einem am Samstag das Herz aufgehen. Schon unterwegs hoch zum Feldberg, dann weiter im gleißenden Sonnenschein, spätestens aber im Ziel in Belchen-Multen beim überschwänglichen Lob aus berufenem Munde für den Schwarzwälder Klassiker "Rucksacklauf".

Doch der Reihe nach. Beim Start um 8.30 Uhr in Hinterzarten drängt sich die Wahrnehmung "Wintermärchen" noch nicht auf. Ein kleiner "Bohnen"-Schauer begleitet die 219 Langläufer und -läuferinnen, die neben- und hintereinander dicht an dicht aus dem Startbereich gleiten. Manch einer mag da bangen, ob er sich beim Wachsen nicht vergriffen hat und was ihm in den kommenden Stunden bevorsteht. Doch der Niederschlag erweist sich als kurze Episode und auch Niedergeschlagenheit ist harte 50 Kilometer später erst mal keinem Finisher anzusehen – im Gegenteil.

Zunächst wartet am Notschrei der Begleittross auf die Läufer. Die haben vom höchsten Streckenpunkt auf dem Seebuck (1425 Meter) auf elf Kilometern Länge Abfahrten mit mehr als 300 Höhenmetern hinter sich gebracht, unterbrochen von kleineren Anstiegen wie auf den Stübenwasen. Um 10.02 Uhr taucht als Erster Manuel Sieber aus dem Wald auf, dicht gefolgt von Tobias Rath. Der 26-jährige Vöhrenbacher und der fünf Jahre ältere Pfälzer aus Speyer starten beide für das Adidas-Langlauf-Rennteam. Beide haben sich vom Start weg an die Spitze gesetzt, wobei Rath "diese straffen 600 Höhenmeter" gleich zu Rennbeginn beeindrucken, wie er später sagt. Den härtesten Verfolger Benjamin Waidelich (Enzklösterle) schüttelt das Duo schon kurz vor dem Rinken ab, er wird am Ende Elfter. Am Notschrei, wo alle Teilnehmer von Streckenposten kontrolliert werden und eine von zwei Teestellen eingerichtet ist, haben die Läufer knapp die halbe Distanz geschafft. Vier Minuten nach dem Führungsduo trägt Sönke Wegner (Freiburg) als Dritter seine Ski über die Straße an der Passhöhe. In einigem Abstand folgen gemeinsam der in der Schweiz lebende Finne Antti Peltonen und Ulrich Zipfel (Kirchzarten).

Matthias Bettinger bester Hochschwarzwälder

Matthias Bettinger von der Skizunft Breitnau hat als Sechster rund acht Minuten Rückstand auf die Spitze. Zwei Minuten später lassen Peter Schlickenrieder (Schliersee) und Wolfgang Angst (Schömberg) Löcher in ihre Karten an der Startnummer knipsen. Die Reihenfolge dieser acht Läufer wird bis ins Ziel Bestand haben. Mit einer Laufzeit unter drei Stunden, wie von Optimisten prognostiziert, wird es nichts. Doch das schmälert die Leistung des Siegers nicht: Nach 3:03:47,2 Stunden passiert Manuel Sieber mit emporgereckten Armen die Ziellinie beim Gasthaus in Belchen-Multen, 1020 Meter über Meereshöhe. Seinem Kollegen Rath lief er auf der Kostloipe, einer der beiden Zusatzschleifen auf der Hohtann davon, bis ins Ziel distanzierte er ihn um 33,6 Sekunden. "Es war extrem hart", gibt Rath zu. Der Pfälzer betonte, beide hätten "sehr lange gut zusammengearbeitet". Vor einer Woche gewann er das Skatingrennen über 38 Kilometer in Oberammergau, in dem Sieber Dritter wurde. "Die Höhenmeter darf man nicht unterschätzen", sagt Sieber. Allerdings habe er unterschätzt, dass der Schnee "extrem stumpf" war. Dennoch kamen beide ohne Nachwachsen durch. "Super Wetter, super Veranstaltung", lobte Sieber. "Das ist eine Perle im Schwarzwald, die muss man bewahren", sagte der drittplatzierte Sönke Wegner. Der 34-Jährige lief 7:35 Minuten hinter dem Sieger ins Ziel.

Matthias Bettinger, der beste Hochschwarzwälder, lag 14:11 Minuten zurück und war als Mountainbiker mit Rang sechs "super zufrieden". Und er hatte rund eineinhalb Minuten Vorsprung auf "Promi" Peter Schlickenrieder. Der Bayer, der 2002 bei Olympia in Salt Lake City (USA) zu Sprint-Silber gestürmt war, glühte fast vor Begeisterung. Weil er dachte, "die halbe Strecke kann nicht so schwierig sein", sei er "etwas schnell gestartet". Doch unterwegs kam die Erkenntnis: "Ich kenne keine Langlaufstrecke, die annähernd so anspruchsvoll ist", sagte der Langlaufexperte der ARD, Unternehmer, Buchautor und Vizepräsident des Deutschen Skiverbands (DSV). Seine weite Anfahrt "hat sich mehr als gelohnt, auch für 50 Kilometer". Denn unterwegs erlebte Schlickenrieder, der in dieser Woche 47 wird, "Langlauf vom Feinsten".

Die meisten Volksläufe verliefen ja flach in Tälern, ganz anders das Relief hier im Schwarzwald: "wie man sich ein Langlaufgelände erträumt", außerdem "tief verschneit, mit Alpensicht auf dem Feldberg, manchmal ganz weg vom Zivilisationslärm". Auch das Drumherum beim Rucksacklauf gefällt dem Naturburschen: "Schlicht, nicht überorganisiert, des is a Lebensstil." Für Peter Schlickenrieder, der mit Fellstreifen an den Ski lief, steht seit Samstag "hundertprozentig" fest, dass er mal den kompletten Rucksacklauf über 100 Kilometer laufen wird.

Auf Schuppenski und nach einer Erkältung ohne Ambitionen war Barbara Beckert (Kirchzarten) in ihren ersten Rucksacklauf gestartet. "Ganz hinten", wie die Skatingspezialistin sagt. Doch dann drehte die aus Aitern stammende 54-Jährige im klassischen Stil auf, durchquerte "ein Stück alte Heimat" und gewann nach 3:45:36,2 Stunden die Frauenwertung vor der 15 Jahre jüngeren Diana Geiger (Müllheim/3:57:43,0) und Claudia Waidelich (Bad Wildbad/3:58:08,3).

"Gefühlte 100 Kilometer" hatten mindestens zwei Finisher in den Beinen, wie sie beim Blutwurzelschnaps im Zielraum sagten. Oder wie der neuntplazierte Sebastian Ringwald (Mühlenbach) in schönstem Alemannisch preisgab: "S het ein’ blangert". Und trotzdem wollen sie sich der ganzen Schinderei in einem Jahr erneut aussetzen – die meisten dann wieder über 100 Kilometer.