BZ-Interview

Warum sind die Polen beim Skispringen wieder so gut?

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Do, 26. Januar 2017 um 08:27 Uhr

Wintersport

Das Skispringen ist seine Welt, der Schwarzwald sein Zuhause. Stefan Horngacher, der neue Cheftrainer der polnischen Skispringer aus Titisee-Neustadt, führt sein Team in diesem Winter zu herausragenden Erfolgen.

Kamil Stoch, sein bester Athlet, gewann die 65. Vierschanzentournee und steht an der Spitze des Gesamtweltcups. Warum sind die Polen plötzlich wieder so gut? Wieso ist das Skispringen in Polen so beliebt wie die Fußball-Bundesliga in Deutschland? Und worauf freut sich der gebürtige Tiroler am meisten, wenn die Saison endlich zu Ende ist und er im Schwarzwald ausspannen kann? Das wollte die BZ von dem 47-Jährigen wissen.

BZ: Herr Horngacher, wie geht es Ihnen?
Horngacher: Gut (lacht). Mir geht’s sehr gut, danke.

BZ: Sie sind gerade aus Polen zurück gekehrt von den beiden Heim-Weltcups in Wisla und Zakopane. Wie haben Sie die drei Siege Ihres besten Skispringers Kamil Stoch erlebt?
Horngacher: Ich war zwei Wochen in Polen, es lief hervorragend. Kamil gewann zunächst souverän die beiden Weltcups in Wisla. In Zakopane war es ein bisschen schwieriger. Am Sonntag konnte er im zweiten Durchgang aber noch aufholen vom sechsten auf den ersten Platz. Damit bin ich natürlich sehr zufrieden.

BZ: Sie coachen das polnische Team seit zehn Monaten. Was macht Stoch in diesem Winter wieder so gut?
Horngacher: Er war ja immer schon ein guter Springer. Er wurde schon Olympiasieger, Weltmeister, Weltcup-Gesamtsieger. Dann kam eine kleine Krise. Seine Verletzung am Sprunggelenk hat ihn gebremst. In der Folge hatte er noch einmal ein schlechtes Jahr, wo einfach gewisse Dinge nicht funktioniert haben. Wir haben im Sommer 2016 versucht, ihn wieder in die Spur zu bringen mit Maßnahmen, die für ihn neu waren. Das ist Gott sei Dank gut geglückt.
BZ: Was genau haben Sie verändert?
Horngacher: Wir wählten einen anderen physiologischen Weg im Training. Die Technik-Idee, wie man springen soll, hat sich ein bisschen verändert, und im Materialbereich haben wir natürlich auch einiges gemacht.

BZ: Stoch selbst sagte zum Auftakt der Vierschanzentournee Ende Dezember in Oberstdorf: "Wir haben jetzt einen sehr guten Teamgeist. Jeder glaubt an sich selbst. Das ist vielleicht die größte Veränderung, die unserem neuen Trainer Stefan Horngacher glückte." Ein neuer Teamgeist – wie haben Sie das geschafft?
Horngacher: Für mich ist es immer wichtig, dass nicht nur einer vorne an der Spitze steht, sondern dass das gesamte Team gut zusammenarbeitet. Dass jeder seine speziellen Aufgaben hat und diese auch gut erfüllt. Ich glaube, mit dieser Taktik fühlt sich jeder sehr wohl in der Mannschaft und weiß genau, dass er ein wichtiges Glied ist. Über dieses Denken und dieses Gefühl entsteht ein Super-Zusammenhalt und Teamgeist auch bei den Trainern, der sich dann auf die Athleten überträgt. Das ist uns ziemlich gut gelungen. Wir haben ein gutes Klima in der Mannschaft. Aber natürlich ist auch der Erfolg sehr wichtig. Den hatten wir ja schon im Sommer-Grandprix. So schaukelt sich das dann hoch bis zum Winter, bis zur Vierschanzentournee und bis jetzt. Das funktioniert nach wie vor sehr gut.

BZ: Neben dem aktuellen Vierschanzentournee-Sieger und Weltcup-Führenden Kamil Stoch haben Sie einen zweiten Spitzenathleten im Team: Maciej Kot. Was trauen Sie dem 25-jährigen Kot noch zu?
Horngacher: Er ist definitiv ein sehr guter Springer. Er hat den Sommer-Grandprix auf Matten gewonnen, war heuer schon auf dem Podest, ist momentan an fünfter Stelle im Gesamtweltcup. Ich denke, dass er im Laufe der Zeit jetzt sicher noch besser wird und in Form kommt. Für die Nordische Ski-Weltmeisterschaft in Lahti Ende Februar hat er sicher noch große Ziele. Er kann es in Lahti vielleicht sogar wieder aufs Podest schaffen.

BZ: Kot steht im Gesamtweltcup auf Rang fünf, als dritter Pole folgt Piotr Zyla auf Platz neun. Drei polnische Skispringer unter den besten Zehn der Welt: Hat es das überhaupt schon einmal gegeben?
Horngacher: Das weiß ich nicht genau. Da müssten Sie die Statistik fragen.

BZ: Oh je. Es müsste auf jeden Fall sehr lange her sein...
Horngacher (lacht): Ja, wahrscheinlich gab es das noch nicht. Auch Zyla ist ein extrem guter Skispringer. Es war ein bisschen schwierig bei ihm im Sommer, die Dinge zu verändern. Inzwischen ist es uns aber gut gelungen und er springt stabil unter der besten Zehn der Welt mit. Er hat dabei immer noch Luft nach oben. Auch er wird im Laufe der Zeit das Podest wieder anvisieren – besonders natürlich auch bei der WM in Lahti.

BZ: Welchen Stellenwert hat das Skispringen als Sport in Polen?
Horngacher: Das Skispringen in Polen kann man vergleichen mit der Fußball-Bundesliga in Deutschland. Es steht ganz oben auf der Liste.
BZ: Die Skispringer sind also Helden und Stars...
Horngacher: Ja, so kann man es vergleichen. Es ist wirklich extrem. Wenn man sieht, wie groß das Medieninteresse in Polen ist und wie fanatisch die Fans sind – es ist eigentlich unglaublich.

BZ: Sie begleiten das Team allein in diesem Winter zu 20 verschiedenen Weltcup-Orten. Anfang Februar geht’s wieder nach Oberstdorf, dann nach Sapporo in Japan und anschließend nach Pyeongchang in Südkorea. Dort finden nächstes Jahr die Olympischen Winterspiele statt. Wie viele Reisekilometer kommen bei Ihnen im Jahr zusammen?
Horngacher: Tja (lacht). Sehr, sehr viele. Aber das ist ja nicht nur bei mir der Fall. Der gesamte Weltcup-Tross reist zu allen Orten. Das ist für alle gleich. Aber es sind schon sehr viele Kilometer, die wir abspulen im Jahr.

BZ: Sie coachen das polnische Team, haben aber hier im Schwarzwald Ihre Frau und Ihre beiden Kinder. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für Ihre Familie in Titisee-Neustadt?
Horngacher: Ich habe mir das alles vorher gut eingeteilt und überlegt, wie ich das alles organisieren kann. Ich bin nicht immer in Polen. Ich habe sehr gute Trainer, die mich dort vertreten. Der Reiseaufwand hält sich alles in allem in Grenzen. Mein Aufwand ist nicht viel größer als früher. Als Co-Trainer für den Deutschen Ski-Verband war ich auch schon viel unterwegs.

BZ: Ihre Kinder heißen Dana und Amadeus. Dana ist elf Jahre alt, Amadeus neun. Die beiden sind sportlich schon ganz schön aktiv.
Horngacher: Dana macht Biathlon und Skilanglauf bei der Skizunft Breitnau. Der Junior fährt alpin Ski in Neustadt und springt in Hinterzarten von der Schanze.

BZ: Amadeus kommt also eher nach Ihnen.
Horngacher: Er kommt im Augenblick eher noch nach der Mama. Meine Frau Nicole fuhr ja früher ebenfalls alpin Ski. Amadeus springt aber auch gern. In welche Richtung es geht, kann man natürlich noch nicht sagen. Er ist in beiden Disziplinen fanatisch. Aber er ist auch erst neun Jahre alt. Da müssen wir jetzt noch nicht entscheiden, was er später machen will (lacht).

BZ: Wenn die Saison Ende März vorbei ist und Sie endlich wieder eine Weile in Titisee-Neustadt bleiben können: Worauf freuen Sie sich dann am meisten?
Horngacher: Auf meine Familie natürlich. Und aufs Mountainbiken. Das ist meine Leidenschaft. Einfach zu Hause zu sein und Zeit zu haben – das ist das Schönste.
Stefan Horngacher

Der Chefcoach der polnischen Skispringer wurde 1969 in Kufstein (Österreich) geboren. Als aktiver Skispringer gewann er mit dem österreichischen Team Olympia-Bronze 1994 in Lillehammer und 1998 in Nagano. Bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 1991 in Val di Fiemme und 2001 in Lahti holte er Gold – ebenfalls mit der Mannschaft. Als Nachwuchstrainer kam er über Österreich und Polen im Jahr 2006 nach Hinterzarten. Als Stützpunktleiter coachte er dort den deutschen Nachwuchs. Zeitweise half er Martin Schmitt, dem einstigen Vierfach-Weltmeister vom SC Furtwangen, mit einem Spezialtraining am Schanzenzentrum Hinterzarten über Schwächephasen hinweg. Im Jahr 2008 übernahm er den B-Kader des Deutschen Ski-Verbands. 2011 machte ihn Bundestrainer Werner Schuster zum Co-Trainer des deutschen Weltcup-Teams. Seit März 2016 coacht er die polnischen Athleten. In den Schwarzwald zog er vor einem Jahrzehnt der Liebe wegen. Er ist verheiratet mit Nicole Hoffmeyer, der ehemaligen Chef-Physiotherapeutin der einstigen Schwarzwald-Adler Sven Hannawald und Martin Schmitt.

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