Porträt

Achim Stocker – ein Mann schwimmt gegen den Strom

Hans-Joachim Kästle, Artikel vom 21. Mai 2004

Von Hans-Joachim Kästle & Artikel vom 21. Mai 2004

So, 01. November 2009 um 18:23 Uhr

SC Freiburg

Achim Stocker und sein (nicht ganz freiwilliges) Prinzip: Er ist nie im Dreisamstadion zu finden - zumindest nicht, wenn der SC kickt.

Rund 25 000 Fans kämpfen sich Richtung Dreisamstadion vor - ein Mann fährt einsam gegen den Strom. Zu einem Amateurspiel. Ein Herz für die Kleinen - nichts dagegen einzuwenden. Die können auch Fußball spielen. Der Mann allerdings heißt Achim Stocker, ist seit 1972 Erster Vorsitzender des Sportclubs Freiburg und sollte sich eigentlich telegen auf der Tribüne breit machen.

Aber das ist nicht die Welt des Achim Stocker. Rummel um seine Person, auf ihn gerichtete Kameras - das mag er nicht. Und außerdem: das Herz, die Nerven. Ganz offen gibt der 69-Jährige zu, dass er unter "Herzflimmern" leidet. Ein aufregendes Bundesligaspiel ist da nicht gerade förderlich. Also lässt er's weniger aufregend angehen - bei einem Amateurspiel. Oder er geht mit seinem Terrier Tommie im Sternwald spazieren, abseits vom (Tor-)Schuss. Wenn er ganz gut drauf ist, gönnt er sich doch ein Spiel - via Videotext.

Aber bloß nicht live im Stadion. Dabei wohnt der gern als "Präsident" titulierte Vorsitzende kaum 100 Meter vom Stadion entfernt. Wenn er weiß, wie's gelaufen ist, sieht sich Stocker auf Premiere die Bundesliga-Zusammenfassung an. Am nächsten Morgen führt er sich dann in der Trainerkabine ganz entspannt die Videokassette zu Gemüte. Manchmal ist auch Trainer Finke ein viertel oder halbes Stündchen dabei, bevor er seine Mannen zum Auslauftraining bittet. Früher war alles anders, wie so oft. Da war Stocker gnadenlos immer mittendrin. "Cholerisch", so sagt er selbst, sei er damals gewesen, immer bereit, aus der Haut zu fahren. Vor 20, 30 Jahren wusste man nie genau, wer oder was mehr dampfte: Stocker oder sein Zigarillo. Wenn einer der "Seinen" mal wieder einem arglosen Besucher im benachbarten Strandbad den Ball auf die Pelle gekickt hat, hat wahrscheinlich auch die Gegengerade Stockers Poltern gehört. Und der Trainer ist zusammengezuckt. Denn damals saß der Vereinschef oft mit auf der Bank.

Beim FC Konstanz hat er immerhin in der ersten Amateurliga gekickt. Mit 23 Jahren war der Mittelfeldspieler zum Jurastudium nach Freiburg gekommen - Finanzbeamter ist er dann geworden - und hat sich lieber dem kleinen, ebenfalls in der Amateurliga spielenden SC angeschlossen als dem seinerzeit äußerst populären FFC. "Wir waren weit vom FFC entfernt. Kaum einer hat uns wahrgenommen", erinnert sich Stocker.

Was sich gewaltig geändert hat. Dank Stocker. Der musste als 28-Jähriger in den sechziger Jahren seine Laufbahn wegen einer schweren Knöchelverletzung beenden, zugezogen bei einem Spiel in Oberkirch. Was seine Tatkraft vom Spielfeld auf außerhalb desselben verlagerte: Ein paar Jahre später wurde er Vorsitzender. Ein Mann mit Elan, Leidenschaft, dem einen oder anderen Wutausbruch - und mit Leidensfähigkeit, wenn er wieder einmal irgendwo wegen ein paar Mark für die klamme Kasse vorstellig wurde. Aber auch mit Sachverstand und wachem Auge.

Stocker zog über die Fußballplätze, immer auf der Suche nach guten (und billigen) Spielern, die den Sportclub nach vorn bringen sollten - und brachten: in der Saison 1977/78 unerwartet in Liga zwei, in der Runde 92/93 gar sensationell in die Bundesliga. Heute hat der SC für Spiel(er)- beobachtungen ein "Funktionsteam", das in erster Linie aus Trainer Finke und dessen "Co" Achim Sarstedt besteht. "Da bin ich nun völlig außen vor", sagt Stocker - es klingt nicht so, als fehle ihm etwas. "Schließlich", so sagt er, "wird man älter." Boubacar Diarra war einer der Letzten, die Stocker nach einem Hinweis beobachtet hat. Eine Empfehlung an Finke, ein Probetraining - und der Malier war verpflichtet. Levan Kobiashvili hat er mit Achim Sarstedt in Portugal unter die Lupe genommen.

Auch in anderer Beziehung haben sich die Zeiten geändert. Rigoros. Geht's um Geld, putzt Stocker keine Klinken mehr. Wofür hat der SC eine Marketingabteilung? Erst bei Vertragsgesprächen, bei Unterschriften ist der Mann an der Spitze des Vereins wieder gefragt. An den teuersten Einkauf, den der SC bis jetzt getätigt hat, kann sich Stocker noch gut erinnern: Zoubaier Baya war's, der Tunesier.

"Aus dem operativen Geschäft bin ich raus", sagt Stocker. Immerhin hat er selbst den Managerposten installiert - auch wenn er sich das einst partout nicht vorstellen konnte. Aber ohne Manager - erst Andreas Rettig, nun Andreas Bornemann - läuft heute nichts mehr. Doch das alles hat auch seine guten Seiten. "Ich hab' mehr Zeit", sagt Stocker, der inzwischen längst das Rentnerdasein genießt. Aber ein Vorsitzender nur so zum Repräsentieren, zum Herumreichen - was ihm eh gegen den Strich geht - zum ab und an mal ein Schriftstück unterzeichnen, das ist er deshalb noch lange nicht.

Jeden Tag arbeitet er auf der Geschäftsstelle. Arbeitet, wohl-gemerkt, drei Stunden lang - nicht etwa nur Zigarillos paffen, Kaffee trinken und andere von nützlichem Tun abhalten: "Ich arbeite im Finanzbereich mit, prüfe Rechnungen, führe Gespräche. Es gibt immer etwas zu besprechen. Es ist ja nicht so, dass einfach Verträge abgeschlossen werden können, ohne mit dem Vorstand zu reden. Zu tun ist immer was." Für ihn mindestens ein weiteres Jahr. Denn so lange ist er noch gewählt. "Wenn's gesundheitlich geht und die wollen mich noch, dann mache ich auch weiter." Irgendwelche Zweifel?