SC Freiburg

Christian Streichs Appell für Offenheit gegenüber Flüchtlingen im Wortlaut

Matthias Maier

Von Matthias Maier

Mo, 21. September 2015 um 16:34 Uhr

SC Freiburg

Ein Fußball-Trainer, der über den Tellerrand hinausschaut: Christian Streichs spontane Rede zum Thema Flüchtlinge hat in Deutschland viel Beachtung gefunden. Streichs Ansprache im Wortlaut.

"Es gibt Wichtigeres als Fußball" – mit diesen Worten hat SC-Trainer Christian Streich begründet, warum er bei der Pressekonferenz vor dem 2:2 gegen Arminia Bielefeld ausführlich zur aktuellen Flüchtlingssituation Stellung nahm. Nach seiner Meinung gefragt, hob der 50-jährige Coach zu einer fast zehnminütigen, ebenso emotionalen wie nachdenklichen Rede an. Streichs Aussagen im Wortlaut:

"Grundsätzlich finde ich, dass von Ländern, die die finanziellen Mittel haben – nicht nur von europäischen Ländern – vor Ort in erheblich höherem Maße humanitäre Hilfe geleistet werden müsste, damit so viele Menschen wie möglich dort bleiben könnten, wo sie ihre Familie haben und wo ihre tatsächliche Heimat ist – und wo die Verbindungen sind, die emotionalen und familiären Verbindungen. Ich glaube, da sind entscheidende Fehler gemacht worden in den letzten Monaten, weil es zur Seite geschoben wurde und dann sogar noch Gelder reduziert wurden, von Ländern wie von uns und anderen Ländern in der Europäischen Union, aber auch von Katar und Saudi-Arabien – also Ländern, denen es wahrlich nicht an Geld mangelt. Ich glaube, das ist der entscheidende Fehler gewesen.

"Es geht immer um die Angst vor dem Anderen und dem Fremden."
Jetzt geht es darum, dass man sich diesen Menschen gegenüber öffnet, dass man sie empfängt, dass man Ängste abbaut. Denn oft geht es in ganz vielen Dingen einfach um Angst. Es geht immer um die Angst vor dem Anderen und die Angst vor dem Fremden. Das kann man bei sich selbst ja beobachten: Geht man in irgendein Land – ich war mal in Jemen mit der A-Jugend vom SC Freiburg. Gut ich war vorher schon viel gereist und ich habe einfach viel Interesse daran gehabt. Ich fand immer das Andere spannend und habe immer um die Ecke herumgeschaut und bin überall – in Jakarta und überall – in die Hinterhöfe hineingegangen. Mich hat es einfach interessiert. Ich wollte wissen: Was passiert da?

Aber es geht einfach darum, andere Sachen zu sehen, andere Denkweisen kennenzulernen. Es ist halt so, dass in anderen Kulturen anders gedacht wird. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Es wird anders gesprochen, es gibt eine völlig andere Herangehensweise an Dinge, die man sich hier, weil man so sozialisiert ist, gar nicht vorstellen kann. So – und jetzt geht es darum, sich da zu begegnen und kurzfristig vielleicht sogar auf einen gewissen Wohlstand in einer gewissen Weise ein bisschen – nicht zu verzichten – aber gewisse Dinge umzuverteilen, von vielen Menschen, die viel mehr haben, zu diesen Menschen, die wenig haben.

"Es gibt keine Alternative zu Sprache. Und dann arbeiten lassen."
Und dann kommt natürlich auch noch dazu, dass alle Leute in der Wirtschaft, die sich dezidiert damit auseinandersetzen, sagen: Wir brauchen Arbeitskräfte. Wir brauchen Fachkräfte. Wenn Sie ins Handwerk schauen – da zähle ich jetzt mal Metzger und Köche dazu – da gibt es dann Gaststätten, die einen Stern haben, und große, bekannte Hotels, nicht so weit von hier weg – die machen dann zu an einem Tag, weil sie keinen Koch mehr haben. Die Leute ankommen lassen, ihnen ein anständiges Umfeld bieten, natürlich unbedingt sofort die Sprache lernen, verpflichtend – außer Frage. Es gibt keine Alternative zu Sprache. Und dann arbeiten lassen.

Wenn du junge Menschen nicht arbeiten lässt – ob das jemand aus Syrien ist oder jemand aus Deutschland – wenn man mich mit 30 Jahren nicht hätte arbeiten lassen, und mich irgendwo eingesperrt hätte in ein Haus, und ich mit ganz vielen anderen Menschen zusammengewohnt hätte, und ich hätte über Jahre nicht arbeiten dürfen, dann wüsste ich nicht, was ich gemacht hätte. Ich will es jetzt nicht weiter ausführen. Auf jeden Fall wäre der Aggressionspegel gestiegen, es wäre zu Auseinandersetzungen gekommen und ich hätte mich geschämt, weil ich meinen Kindern nicht irgendwie noch einen kleinen Roller oder irgendwas besorgen könnte. Das ist dann beschämend für dich, als Mensch. Deshalb: arbeiten lassen, Programme entwickeln, alles dafür tun, dass man diese Menschen integrieren kann. Weil wir brauchen diese Menschen unbedingt.

"Wir alle sind eigentlich irgendwann Flüchtlinge gewesen."
Und dann will ich noch einen Satz dazu sagen: All die, die diese Ängste schüren, sind wahrscheinlich zu 80 bis 90 Prozent Menschen, die eine Generation vorher, zwei Generationen vorher oder maximal drei Generationen vorher Flüchtlinge oder Vertriebene waren, die aus irgendwelchen Gegenden – aus Osteuropa oder aus anderen Gegenden – hierher gekommen sind aufgrund von Krieg, aufgrund von Arbeitslosigkeit, aufgrund von Not. Wenn jeder hier drin in diesem Raum mehrere Generationen zurückgeht, hat er zu 80 bis 90 Prozent einen Migrationshintergrund – von der Mutter, vom Vater, vom Urgroßvater. Irgendwoher sind die Leute irgendwann an diesen Ort gekommen. Man war nicht immer dort, wo man ist. Ich glaube, da muss man die Menschen aufklären.

Wir alle sind eigentlich irgendwann Flüchtlinge gewesen. Es gibt immer eine Bewegung von Menschen. Es ist nie ein Stillstand. Das was jetzt passiert, war immer so. Es war nach dem Ersten Weltkrieg so, es war nach dem Zweiten Weltkrieg so. Aus Bremerhaven sind acht Millionen Menschen verschifft worden. Acht Millionen – in Hamburg fünf Millionen. Die hatten nichts dabei. Die sind nach Amerika, Australien, Südamerika. Das muss man den Menschen bewusst machen, dass wir eigentlich alle selbst Menschen sind, die irgendwann da gelandet sind und irgendwoher kamen, aus Hungersnot, aus Kriegsnot und aus anderen (Gründen). Und genau das passiert jetzt. Und genau das ist das.

Vielleicht noch als abschließenden Satz: Der Außenminister von England – mir fällt der Name gerade nicht ein – hat nach dem Ersten Weltkrieg gesagt, als vieles in Trümmern lag: Europa sei – sinngemäß – der verlorene Kontinent und er habe größte Bedenken, ob in den nächsten Jahrzehnten auf diesem Kontinent noch ein Leben lebenswert wäre. Er hat Recht gehabt: Es war nicht lebenswert, es kam dann der Zweite Weltkrieg. Also er hat ein Stück weit Recht gehabt. So, das war die Aussage vom britischen Außenminister nach dem Ersten Weltkrieg. Europa war über Jahrzehnte ein verlorener Kontinent. Mit Millionen von Toten, mit furchtbarsten Ereignissen. Das muss man sich bewusst machen, das ist noch nicht so lange her.

Jetzt ist es schwierig in Afrika – schwierig in Afrika, schwierig im Nahen Osten. Da gibt es Gründe: dass sie dort viele Fehler gemacht haben und ein anderer Grund ist natürlich, dass Europa – man kann sagen über Jahrhunderte – diese Kontinente ausgebeutet hat. Ich glaube, diese Aufklärung ist wichtig, dass das dargestellt wird. Und dann ist vielleicht die Haltung eine andere.

"Ich freue mich im Moment über vieles, was in Deutschland passiert."
Aber ich bin sehr glücklich, dass ich in Deutschland bin und als Deutscher – ich gehöre halt der deutschen Nation an, es ist halt so, ich bin zwar an der Schweizer Grenze geboren, aber ich habe einen deutschen Pass – freue ich mich im Moment sehr über vieles, was so passiert, auch in Deutschland. Weil doch irgendwie etwas gelernt wurde. Und andere Dinge natürlich sind wieder schlimm. Aber ein großer Teil von den Menschen hat eine große Solidarität, und da bin ich sehr glücklich darüber.

Jetzt haben wir wenig über Fußball geredet, gell? Aber es gibt wichtigere Themen."

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