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28. Juli 2010 06:25 Uhr
BZ-Interview mit den SC -Neuzugängen
"Jan und ich wollen uns hier beweisen"
Die beiden Neuzugänge des SC Freiburg, Jan Rosenthal und Maximilian Nicu, sprechen im Interview mit René Kübler offen über die Probleme, die sie in ihren Ex-Klubs Hannover und Berlin hatten und was beim Sportclub anders ist.
Mit ihren bisherigen Vereinen waren Jan Rosenthal (Hannover 96) und Maximilian Nicu (Hertha BSC Berlin) vergangene Saison direkte Konkurrenten des SC Freiburg im Abstiegskampf. Nun spielen sie für die Breisgauer. Im Interview mit René Kübler sprechen beide offen über die Probleme, die sie in ihren Ex-Klubs hatten, über Robert Enkes Tod, die Zuschauerattacken in Berlin, das Freiburger Wohlfühlgefühl und über ihre Bewunderung für den spanischen Fußball.
BZ: Herr Rosenthal, Herr Nicu, entschuldigen Sie, aber haben Sie eine masochistische Ader?Nicu (lacht). Hat die Frage einen Hintergrund?
BZ: Natürlich. Sie haben gerade mit Ihren bisherigen Vereinen ein Jahr Abstiegskampf hinter sich – und nun wechseln Sie zu einem Verein, bei dem alle Beteiligten von vornherein sagen, dass er wieder im Abstiegskampf stecken wird.
Rosenthal: Da gibt es aber einen Unterschied: In unseren bisherigen Vereinen wurde nicht damit gerechnet, da unten drin zu stecken. Deshalb konnten alle nicht gut damit umgehen und haben die Nerven verloren. In Freiburg wissen alle, was auf sie zukommt, daher ist der Druck deutlich geringer.
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BZ: Trotzdem feiert man als Fußball-Profi doch lieber Erfolge als im Tabellenkeller festzustecken.
Nicu: Auch Abstiegskampf ist eine Herausforderung. Und warum sollten wir die Leute nicht widerlegen, die denken, dass wir automatisch da unten rumgurken müssen. Gerade wir beide haben vergangene Saison die Erfahrung gemacht, dass alles ganz anders laufen kann als man vorher denkt.
Rosenthal: Das sehe ich ähnlich. Wir starten hier einen Neuanfang in einer für uns neuen Mannschaft. Und wir sind bereit dazu, uns in diese totale Geschlossenheit einzubringen, die den SC Freiburg auszeichnet. Wir wollen hier den Spaß am Fußball zurückgewinnen, an Abstiegskampf denke ich deswegen überhaupt nicht.
BZ: Sie haben vergangene Saison sehr unterschiedliche Negativ-Erfahrungen gemacht. Was ist davon in Ihren Köpfen hängengeblieben?
Nicu: Die gute Saison davor, in der wir mit der Hertha Tabellenvierter wurden, hat sicher eine Rolle gespielt. Da haben viele gedacht, mit einem Schritt weniger da und ein bisschen weniger hier funktioniert es auch. Dann haben wir die Situation nicht realistisch eingeschätzt, immer gedacht: Am nächsten Spieltag wird es schon klappen. Von meiner Seite aus war auch der Trainerwechsel (Friedhelm Funkel für Lucien Favre, Anm. d. Red.) unnötig. Das hat uns nichts gebracht. Und am Ende haben sich alle gegenseitig die Schuld zugeschoben, jeder hat nur noch auf sich selbst geschaut.
BZ: . . . und dann sind die Zuschauer ausgerastet, haben nach dem Nürnberg-Spiel den Rasen gestürmt und die Ersatzbank demoliert.
Nicu: In einer Stadt wie Berlin hat so ein Abstieg natürlich eine ganz andere Tragweite als anderswo, da wird auch durch die Medien draufgehauen, das Feuer angeheizt.
BZ: Herr Rosenthal, in Hannover war die Situation etwas anders. Welche Rolle spielte der Tod von Robert Enke?
Rosenthal: Für die Mannschaft war es ein sehr emotionales Jahr. Es begann mit der ersten Trainerentlassung, dann kam die Geschichte mit Robert. Danach ist alles auseinandergefallen. Es fehlte eine starke Persönlichkeit. Gerade bei Rückständen war das Team hilflos. Wir haben trainiert und getan, aber es kam nichts dabei rum. Dann kam der nächste Trainerwechsel, es wurde nochmal umgepackt, quasi jeder Stein umgedreht. Mit dieser Situation konnten die meisten nicht umgehen. Auch in Hannover haben die Medien eine Rolle gespielt, besonders bei den Trainerwechseln.
Jan Rosenthal
Rosenthal: Durch Roberts Tod sind zwei unglaublich große Bausteine weggefallen. Da ist zum einen sein sportlicher Stellenwert: Ich habe die Diskussion um die Nummer eins in der Nationalmannschaft nie verstanden. René Adler und Manuel Neuer wurden von den Medien immer gepusht, obwohl sie alle zehn Spiele einen Patzer drin hatten, während Robert drei Jahre lang auf Top-Niveau gespielt hat. Außerdem war er ein überragender Mensch. Er war unser Kapitän, ist trotz guter Angebote in Hannover geblieben, hat sich mit dem Verein identifiziert. Diese Führungsfigur hat nach seinem Tod gefehlt.
BZ: Konnte kein anderer die Rolle ausfüllen?
Rosenthal: Andere erfahrene Spieler wie Altin Lala, der verletzt war, und Michael Tarnat, der nicht mehr da war, konnten ja nicht.
BZ: Aber ein Team besteht aus deutlich mehr Akteuren.
Rosenthal: Es gab leider auch einige divenhafte ältere Spieler, die sich nicht mehr so quälen wollten. Wenn sie an ihre Leistungsgrenze gestoßen sind, wurden sie schnell mal pampig und haben dann dem Trainer oder anderen die Schuld gegeben. Dieses Genörgle war schlimm. Es wurden immer Nebenkriegsschauplätze eröffnet, um von den eigenen Problemen abzulenken. Das erlebe ich beim SC Freiburg überhaupt nicht. Hier sind alle mit Spaß bei der Sache. Wenn es anstrengend wird, halten alle die Klappe.
Nicu: Auch bei uns in Berlin hat die Führung gefehlt. Am meisten enttäuscht war ich von Trainer und Manager, aber auch unseren Kapitän Arne Friedrich muss ich nennen. Er hat bei der WM überragend gespielt und ich bin auch sicher, er wollte seine Rolle bei uns ausfüllen. Aber das hat er nicht geschafft. Letztlich haben innerhalb der Mannschaft zu viele Spieler gegen andere gearbeitet.
BZ: Dann muss Freiburg für Sie beide eine völlig andere Welt sein.
Rosenthal: Mich erinnert es ein bisschen an meine A-Jugend-Zeit. Da war der Teamgedanke groß geschrieben, alle wollten sich weiterentwickeln, gemeinsam etwas schaffen. Es gibt innerhalb der Mannschaft keine Lager, so wie das in Hannover durch die vielen Verpflichtungen der Fall war. In Freiburg sind alle gleich. Es sind ideale Bedingungen, um sich wieder auf Fußball zu konzentrieren.
BZ: Herr Nicu, diese Traumbedingungen hätten Sie schon viel früher haben können. Sie standen schon einmal mit dem SC in Kontakt, sind dann aber nach Berlin gegangen.
Nicu: Das stimmt. Bevor ich zur Hertha gegangen bin, hatte ich Kontakt mit Robin Dutt und Dirk Dufner. Aber Hertha spielte in der ersten Liga, Freiburg in der zweiten. Das war eine einmalige Chance für mich, die ich nicht auslassen konnte.
BZ: Bereuen Sie Ihre Entscheidung von damals?
Nicu: Nein. Ich hatte trotz allem eine schöne Zeit in Berlin, besonders, als Lucien Favre Trainer war. Mein erstes Jahr in Berlin lief sensationell. Das hat mir sehr weitergeholfen, genau wie das vergangene übrigens auch – das eine positiv, das andere eben negativ.
BZ: Herr Rosenthal, bei Ihnen wäre da noch die Sache mit dem ewigen Talent. Sind Sie eins?
Rosenthal: Ich habe mit 19 Jahren in meinem ersten Profijahr 30 Spiele gemacht, sieben Tore geschossen, vier oder fünf Vorlagen gegeben, war mittendrin, U-21-Nationalspieler und Kapitän. Wenn man so früh so viel erreicht, ist es eine Bürde, wenn man das danach bestätigen muss. Wenn einen erfahrene Spieler dann oft wie den kleinen Jungen aus der eigenen Jugend behandeln, dann ist es schwierig, fußballerisch erwachsen zu werden. Talent hat man einmal und muss für immer damit spielen.
Nicu: Genau. Talent hat man oder man hat keins.
Rosenthal: Ich bin natürlich oft mit dieser Hätte-wäre-wenn-Nummer konfrontiert worden. Es war ja auch immer wieder so, dass nach zwei, drei guten Monaten große Vereine Interesse an mir bekundet haben, es wurden auch immer wieder Gespräche geführt. Und dann kam eine Verletzung und alle waren wieder weg. Sich ein ums andere Mal damit abzufinden, in die Rolle des Talents zurückzukehren, einen neuen Anlauf in Hannover zu nehmen, das war schwierig.
BZ: Ist Freiburg ein Neustart für Sie beide?
Nicu: Ein kompletter Neuanfang ist es nicht, denn wir haben beide unsere Erfahrungen gemacht, bereits bewiesen, dass wir in der ersten Liga spielen können. Es ist eher eine zweite Chance.
BZ: Beim SC Freiburg sind Sie, Herr Rosenthal, mit 80 Bundesligaspielen auch kein Talent mehr, sondern ein erfahrener Spieler. Spüren Sie, dass Ihr Standing ein anderes ist als früher?
Rosenthal: Auf jeden Fall. Ich werde hier ganz anders wahrgenommen. Wenn ich in Hannover mal eine Woche verletzt war, dann wieder ins Training eingestiegen bin und Dinge angesprochen habe, die fußballerisch wichtig waren, dann hieß es gleich: Jetzt überdreh nicht und sei erstmal still. Diese Hierarchiespielchen sind schwierig für einen wie mich, der im zentralen Mittelfeld spielt und es gewohnt ist, auf dem Platz Kommandos zu geben. In Freiburg habe ich das Gefühl, respektiert zu werden. Ich weiß aber auch, dass ich für diesen Respekt weiter hart arbeiten muss.
Nicu: Ich wurde in Freiburg ganz anders in der Mannschaft aufgenommen als beispielsweise in Berlin. Man spürt die Anerkennung. Dennoch darf man sich auf keinen Fall darauf ausruhen. Ich weiß auch, dass viel von mir erwartet wird. Aber damit komme ich klar. Jan und ich wollen uns hier beweisen.
BZ: Sie haben beide schon in Auswahlmannschaften gespielt. Sie, Herr Nicu, in der rumänischen Nationalelf, Jan Rosenthal in der deutschen U 21. Haben Sie solche Ziele noch im Auge?
Nicu: Auf jeden Fall. Ich habe noch Kontakt zur rumänischen Nationalmannschaft und stehe auch noch auf deren Liste. Aber um dorthin zu kommen, muss ich in Freiburg erstmal regelmäßig spielen und Leistung bringen.
Rosenthal: Ich sehe nicht ein, mit 24 Jahren meine Ziele aufzugeben.
BZ: Da ist es vielleicht ein guter Anfang, dass Sie mit Freiburg derzeit in einem Hotel sind, in dem Weltmeister Spanien vor dem Turnier in Südafrika logiert hat.
Rosenthal: Bilder von den Trainingseinheiten der Spanier laufen im örtlichen TV-Sender ja in der Rundumschleife. Es macht schon Spaß, da zuzuschauen.
BZ: Die Dominanz dürfte für den SC Freiburg schwierig zu kopieren sein. Dennoch ist der Sportclub eine Mannschaft, die auch im Abstiegskampf stets mit spielerischen Mitteln bestehen will. Das dürfte Ihnen entgegenkommen, oder?
Rosenthal: So ist es. Wir sind Mittelfeldspieler und wollen mittendrin sein im Spiel. Wenn der Ball immer über einen drüber fliegt, mit diesem Fußball kann ich nichts anfangen. In Freiburg wird Wert darauf gelegt, auch unter Druck fußballerische Lösungen zu finden. Das ist mein Ding.
Nicu: Es steht ja auch nirgends geschrieben, dass man als SC Freiburg keinen schönen Fußball spielen darf, nur weil man nicht ganz oben steht in der Tabelle.
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