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22. März 2012

SC Freiburg

Porträt Christian Streich: Erfrischend anders

Christian Streich, der neue Cheftrainer des SC Freiburg, wollte den Job zunächst gar nicht. Inzwischen fühlt er sich wohl, weil er bleiben kann, wie er ist.

  1. Christian Streich Foto: dapd

Seine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Wieder macht es "ssssssmmmmmm". Die Jalousie im verglasten Eckzimmer mit Blick auf den Rasen des Stadions lässt ihm keine Ruhe. Christian Streich will die Sonne sehen, aber die Lamellen surren unbarmherzig nach unten – ausgelöst von "irgend so einem Sensor", wie er genervt feststellt. Abermals macht er sich auf zu den Schaltern neben der Tür, um der Technik Einhalt zu gebieten. Dem Mann ist bewusst, dass es nicht immer laufen kann, wie er es sich vorstellt. Doch es fällt ihm schwer, das zu akzeptieren. "Ich versuche schon lange, auch mal loszulassen", sagt Streich. "Vielleicht lerne ich es nie."

Die, die ihn kennen, wissen um das Dilemma, zumal Streichs engster Freundeskreis. Der hat das besonders intensiv erlebt in der Zeit, als Streich nur Co-Trainer beim SC Freiburg war und nicht konnte, wie er wollte. Öffentlich würde er nie zugeben, dass er bei so mancher Entscheidung des damaligen Chefcoachs Marcus Sorg innerlich verzweifelte. Streich hat alles mitgetragen. Weil er anständig ist. Und loyal. Doch loyal zu sein kostet Kraft, kann auch zermürben. Deswegen haben ihm die Freunde nach Sorgs Entlassung geraten, den Job zu übernehmen. Die Runde, mit der sich der 46-Jährige intensiv besprach, war mehrheitlich dafür. Am Morgen nach der Zusammenkunft sagte Streich ab.

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Jene entscheidenden Minuten im Büro von Sportdirektor Dirk Dufner werde er wohl nie vergessen, glaubt Streich. Als er zu erzählen beginnt, schüttelt er den Kopf, stützt ihn auf beide Hände. Die Last von damals wird sichtbar. Eine Flut von Gedanken sei ihm durch den Kopf geschossen. "Zusagen ist einfach", habe Dufner gesagt, "Absagen ist schwierig." Doch die Verlockung des Traumberufs Bundesligatrainer ist für Streich keine. Nicht in diesem Moment. Da ist immer noch das Gefühl, Marcus Sorg zu verraten. Vor allem aber drückt ihn die gewaltige Verantwortung, die er da schon spürt. "Es hängt so viel dran, die Arbeitsplätze, die Menschen. Was passiert mit uns, wenn es schiefgeht?", fragt sich Streich. "Bin ich dann schuld?"

17 Jahre ist er zu diesem Zeitpunkt beim SC Freiburg. "Ihm braucht man den SC nicht zu erklären", sagt Vereinspräsident Fritz Keller. Dort, wo heute VIP-Parkplätze sind, hat Streich begonnen, die A-Junioren zu trainieren – auf einem Hartplatz, zerfurcht von Autoreifen und nicht selten zugemüllt. Später wurde er sportlicher Leiter der Fußballschule, zuletzt Assistenzcoach bei den Profis. Die mutigen Entscheidungen Robin Dutts, eines pragmatischen Ergebnistrainers, seien Streichs Ideenreichtum entsprungen, heißt es. Im Verein kennen ihn alle. Und er kennt sie: die Funktionäre, die Trainer, die Pädagogen, die Geschäftsstellenmitarbeiter, die Putzfrauen und die Busfahrer der Fußballschule, die mit dem Nebenjob ihr Studium finanzieren. Sie alle sind in diesem Entscheidungsprozess sein Problem. "Auf der einen Seite ist es hilfreich, zu wissen, dass ich mich auf diese Leute verlassen kann", erklärt er. Andererseits könne Distanz helfen. "Die Hürde war mir einfach zu hoch", sagt Streich.

Warum hat er es dann doch gemacht? Das kann er nicht mehr so genau sagen. An Achim Stocker habe er gedacht, den verstorbenen Präsidenten, mit dem ihn viel verband. "Herr Stocker hat immer gesagt: Irgendwann musst du Verantwortung übernehmen." Auch Keller habe das gefordert.

"Maschinen können
nicht Fußball spielen."
Christian Streich, Trainer
Wahrscheinlicher aber bringen den Chefcoach-Kandidaten in diesem Moment die Namen jener Trainer ins Grübeln, die als Alternativen im Spiel sind: Ralf Rangnick, der wegen eines Burnouts gerade pausiert. Murat Yakin, Coach des Schweizer Erstligisten FC Luzern. Und Falko Götz, früher in Diensten von 1860 München und Hertha BSC Berlin, zuletzt Nationaltrainer Vietnams. Die Vorstellungen lösen bei Streich ein Umdenken aus. "Was bedeutet es, wenn du es nicht machst?", hat er sich gefragt. "Enttäusche ich dann alle?" Als Keller ihm die letzten zwei Minuten Bedenkzeit einräumt, willigt Streich ein. Zwischen Nein und Ja liegt keine Stunde.

Jetzt sieht sich Christian Streich wöchentlich im Fernsehen. Gewöhnt hat sich der Vater zweier Kinder nicht daran. Oft denke er: "Wie siehst du denn aus?" Oder: "Fuchtel nicht so mit der Hand herum. Mach keine Grimassen. Und sprich weniger Dialekt, damit dich auch die Leute in Flensburg verstehen." Schließlich wolle er als ehemaliger Germanistikstudent dem gesamten deutschen Sprachraum gerecht werden. Streich muss jetzt schmunzeln, findet sein Akademiker-Bonmot selber lustig. Dann winkt er ab, zuckt mit den Schultern und meint in gewohntem Alemannisch: "Ich kann’s au nit hebe."

Das muss er auch nicht. So wie er ist, kommt Streich an. Bundesweit wächst die Neugier auf diesen kauzigen Typ aus Südbaden zusehends, die Liste der Interviewanfragen wächst ebenfalls. Der Erfolg verstärkt den Effekt. Das aufsehenerregende Remis gegen die Bayern, der Sieg gegen Schalke, zwölf Punkte aus neun Spielen, die direkten Abstiegsplätze verlassen – Streichs Bilanz kann sich sehen lassen.

Doch es ist mehr als das. Mit seiner Emotionalität kann Streich begeistern, vor allem seine Spieler. Dennis Aogo, ehemaliger Freiburger Fußballschüler und heute Nationalspieler, bezeichnet Streich als Fußballbesessenen mit unglaublichem Fachwissen. "Er war mein Trainer in der A-Jugend, und ich war der Chaot schlechthin", erinnert sich Aogo. "Aber er hat mir die Augen geöffnet." Streich könne durchaus mal ausflippen. In erster Linie, das sagen auch seine jetzigen Spieler, ist er jedoch einer, der viel erklärt, viel mit ihnen spricht – verständnisvoll, aber wenn es sein muss, auch schonungslos offen.

Streichs Direktheit wirkt. Nicht nur auf Fußballer. Der Metzgersohn aus Eimeldingen bei Weil am Rhein befriedigt unbewusst viele Sehnsüchte – vor allem wohl die nach Ehrlichkeit in Zeiten staatstragender Halbwahrheiten. Streich sagt, was er denkt. Einfach so. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, für andere im floskelreichen Fußballgeschäft eine Offenbarung. "Ist der immer so?", fragte kürzlich eine Journalistin, um dann erstaunt festzustellen: "Der ist ja total anders." Streichs Team hat in Stuttgart gerade 1 : 4 verloren – und er selbst schwärmt mit kindlicher Freude vom Üben mit seinen Jungs. Der Kontrast zu Vorgänger Sorg, der sich hinter Worthülsen verkroch, aus Angst etwas Falsches zu sagen, ist gewaltig.

Streich gehören die Sympathien der Fans, obwohl er sich beharrlich weigert, ihnen endlich den Klassenerhalt zu versprechen. Die Zustimmung freut ihn, er fühlt sich geschmeichelt. Natürlich sei auch er eitel, sagt Streich. Noch so ein ehrliches Geständnis. In erster Linie ist er aber froh, sich nicht verstellen zu müssen. "Dadurch ist es für mich lebbar, anders wäre es nicht möglich", gesteht Streich: "Ich bin mit Sicherheit kein Vermarktungsprodukt." Fritz Keller, der Vereinspräsident, sieht das anders: "Er verkörpert unseren Laden." Streich, schwärmt er, sei bereits jetzt Kult in der Bundesliga. "Weil er so erfrischend anders ist." Bisweilen, verrät Keller, stelle er selbst sich die Frage: "Warum bist du nicht schon früher auf diese Idee gekommen?" Beantworten will er sie nicht. Keller kannte Streichs Bedenken schon im Sommer. Vielleicht hat er sich deshalb zunächst für Sorg entschieden. "Jetzt bin ich einfach nur glücklich, dass es so gut funktioniert", sagt der SC-Boss.

Im Winter war dem SC Freiburg die Identität abhanden gekommen. Die Mannschaft war entzweit, ihr Trainer Sorg nicht nur sprach-, sondern auch hilflos. Zumindest hatte es den Anschein. Einer für diesen Verein untypischen Entlassungswelle fielen erst fünf Spieler zum Opfer, dann der Coach. Der Sportclub – er wirkte nicht mehr "besonders", war nicht mehr anders als die anderen. Nun ist er es wieder. Auch, weil Streich die Philosophie des Klubs konsequent umsetzt. Die Gemeinschaft steht über allem. Er nennt sie "das Heilige". Mit extremen Charakteren hat Streich kein Problem, sofern sie sich – wie er selbst – als Teil des Ganzen verstehen. Und die Regeln akzeptieren. Internes muss intern bleiben, das ist Pflicht. "Wir brauchen diesen Schutzraum, in dem man Fehler machen darf und reden kann", erklärt Streich. "Denn wir müssen reden. Sonst werden wir zu Maschinen. Und die können nicht Fußball spielen." Die Zahl der ehemaligen Fußballschüler im Profikader hat Streich auf neun erhöht, sechs von ihnen traut er regelmäßig die Startformation zu. Nicht um etwas zu beweisen oder den branchenüblichen Transferirrsinn zu bekämpfen. Streich ist lediglich überzeugt, dass der SC nur so überleben kann im Profifußball.

Gelungene Imagepflege ist ein angenehmer Nebeneffekt. Streich will sie am Ganzen festmachen, "nicht an mir". Dennoch ist er sich seiner Rolle bewusst. "Man steht halt für irgendwas. Das weiß ich schon. Ich bin ja nicht naiv. Ich kann es auch nicht beeinflussen." Dass er in einem Fußballmagazin als verrückt bezeichnet wurde, weil er mit dem Fahrrad zum Training fährt, amüsiert ihn. "Ich fahre Fahrrad, weil ich nur 300 Meter entfernt vom Stadion wohne", lacht er. "Manchmal bin ich sogar so verrückt, die 300 Meter mit dem Auto zu fahren." Und wenn einer ihn auf die unbändige Frisur anspricht, versichert er achselzuckend: "Ich kämme mich jeden Morgen."

"Er verkörpert unseren Laden."

Fritz Keller, SC-Präsident
Derart entwaffnende Bekenntnisse können Streich aber nicht vor dem schützen, was er am meisten fürchtet. Da sei dieses Unbehagen, gesteht er. "Ich will keine Projektionsfläche für Wünsche werden, die ich nicht erfüllen kann." Diese Vergleiche mit Volker Finke zum Beispiel. Die selbstgedrehte Zigarette, die unangepassten Haare, die auffälligen Gesten – in Anflügen von Fußballsentimentalität wird gerne der Finke im Streich heraufbeschworen. Dabei hatten sie sich am Ende ihrer gemeinsamen Freiburger Zeit nichts mehr zu sagen. Auseinandergelebt. "Volker Finke und ich sind ganz unterschiedliche Menschen", sagt Streich. "Das würde er auch sagen."

Wer versucht, Streich in eine Schublade zu stecken, scheitert. Zu unangepasst ist er, zu vielschichtig sein Leben. Da ist die Zeit auf der Hauptschule. Unmittelbarkeit und Direktheit habe er dort gelernt. Als Fußballprofi in Homburg lebte Streich zunächst mit einer 80-jährigen Großmutter Tür an Tür, dann in einer WG mit Medizinstudenten. Irgendwann holte er das Abitur nach und begann zu studieren, neben Germanistik auch Geschichte und Sport. Wahnsinnig fremd habe er sich anfangs gefühlt. "Der Gedanke, dass ich jetzt an die Uni gehe, war für mich fern", erzählt Streich. Doch da war diese Neugier, die ihn antrieb. Die Neugier, Zusammenhänge zu verstehen, vor allem die Neugier auf Menschen. Und da war diese Offenheit. "Wenn früher in unserer Metzgerei jemand nach Ladenschluss kam, hat er von meiner Mutter trotzdem noch Fleisch oder Wurst bekommen, zur Not auch von unserem eigenen Brot", erinnert sich Streich. "Das war prägend. Diese Haltung zum Umgang mit anderen. Die stets offene Tür."

Das Bild von der offenen Tür begleitet Christian Streich bis heute. "Ich hoffe, dass ich mir das bewahren kann", sagt er. Wohl wissend, dass die Welt, in der er nun unterwegs ist, ihn beeinflussen und verändern kann. "Wenn ich das alles, was um mich herum passiert, erlebe, ist es für mich unvorstellbar, dass man diesen Job zehn Jahre oder gar länger machen kann."

Momentan sei er froh, behauptet Streich, wenn er es bis Mai schaffe. Natürlich weiß er, dass sie im Verein viel länger mit ihm planen. Er wird auch weitermachen. "Aber nur so lange ich ich selbst bleiben kann. Wenn ich merken sollte, dass ich fremdbestimmt bin, ist sofort Schluss."

ZUR PERSON: Christian Streich

wird am 11. Juni 1965 in Weil am Rhein geboren. Als Jugendfußballer kickt er in Eimeldingen und beim FV Lörrach. Als Aktiver spielt er für den Freiburger FC, die Stuttgarter Kickers, den SC Freiburg und den FC Homburg (Saar), für den er auch zehn Einsätze in der ersten Liga absolviert (1989/90). Als Trainer betreut er von 1995 bis 2011 die A-Junioren des SC Freiburg, mit denen er 2006, 2009 und 2011 Pokalsieger und 2008 deutscher Meister wird. Am 29. Dezember 2011 gibt der Sportclub Freiburg bekannt, dass Streich neuer Cheftrainer des Erstligateams wird.  

Autor: BZ

Autor: René Kübler