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03. Februar 2011 16:20 Uhr

Scouting

Wie der SC Freiburg nach Talenten sucht – auf der ganzen Welt

Wie findet der SC Freiburg eigentlich all die neuen Spieler, die aus Südbaden und aus der ganzen Welt in den Breisgau kommen? Ganz einfach: Er hat eine kleine, aber feine Scoutingabteilung. BZ-Redakteur René Kübler hat hinter die Kulissen geschaut.

  1. Ein Scouting-Volltreffer: Felix Bastians Foto: keller/heuberger

  2. Klemens Hartenbach beim DVD-Studium Foto: Achim Keller

FREIBURG. Hinter Klemens Hartenbach hängt eine große Magnet-Tafel, an der kleine Schildchen mit den Namen der Fußball-Profis des SC Freiburg haften. Es sieht aus wie eine Mannschaftsaufstellung, vom Torwart bis zum Angreifer ist jede Position zu finden – im Idealfall zumindest doppelt besetzt. Doch in der Formation klaffen Lücken. Spieler, die den Verein nach der Saison vermutlich verlassen werden, tauchen in Hartenbachs Elf bereits nicht mehr auf. Sein Geschäft ist die Zukunft. Es ist seine Aufgabe, die Lücken zu füllen.

Seit drei Jahren sucht Hartenbach hauptberuflich nach Talenten – regional für die Mannschaften der Freiburger Fußballschule (ab U 16) , aber auch weltweit für das Profiteam. Ein Job, den es davor in dieser Form nicht gab. Erst als Robin Dutt das Amt des Cheftrainers übernahm und Dirk Dufner das des Sportdirektors, wurde Hartenbachs heutiger Arbeitsbereich 2008 professionalisiert. "Damals musste noch vieles über die persönlichen Netzwerke des Trainers und des Sportdirektors laufen", erinnert sich Dutt. Doch gerade als Coach habe man nicht die Zeit, sich intensiv mit der Suche nach neuen Spielern zu beschäftigen. "Darunter leidet die Trainingsarbeit mit der Mannschaft", erklärt Dutt. Das entscheidende Argument für den Aufbau einer Scoutingabteilung sei jedoch ein anderes: "In jedem Unternehmen ist das Personal der wichtigste Baustein, deswegen sollte es auch von Spezialisten sorgfältig ausgesucht werden."

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Inzwischen ist zwei Stockwerke über Dutts Büro eine kleine, aber feine Spezialabteilung entstanden. Zweieinhalb Stellen gibt es, neben Hartenbach fahnden seine Kollegen Gerd Schwickert und Babacar Wane nach begabten Nachwuchskräften für die SC-Jugendteams und nach Verstärkungen für den Bundesliga-Kader. Spitzenvereine investieren jährlich siebenstellige Beträge in die professionelle Suche nach neuen Spielern, Bayer Leverkusen hat acht hauptamtliche Scouts unter Vertrag. Die Scouting-Ausgaben des Sportclubs dürften lediglich im unteren sechsstelligen Bereich liegen. "Wir haben inzwischen aber trotzdem einen guten Standard erreicht", findet Dutt.

"40 Prozent sind klare Struktur, 40 Prozent Kreativität und Innovation, 20 Prozent glückliche Fügung."

Robin Dutt zum Scouting
Hartenbach, Schwickert, Wane sowie drei 400-Euro-Kräfte sehen im Jahr immerhin an die 500 Spiele. Dazu ist inzwischen ein beachtliches Netzwerk entstanden – mit ganz Freiburg typischen Lösungen wie beispielsweise einem ehemaligen SC-Jugendspieler, der in Peking studiert und für Hartenbach den chinesischen Markt im Auge behält. Mittlerweile weist die Scouting-Datenbank die Namen von 1500 Spielern auf, die während der Beobachtungen aufgefallen sind. "In den Jahrgängen 90/91/92 haben wir einen weltweiten Überblick", sagt Hartenbach nicht ohne Stolz. Eingeteilt sind sie in insgesamt neun Kategorien – von der höchsten Prioritätsstufe bis hin zu der Rubrik "Aus der Rangliste gefallen". Mit Blick auf die Profis führt der Chefscout in seinem Computer eine Art Schattenmannschaft, hat in den einzelnen Kategorien für jede Position mehrere Kandidaten aufgelistet, die im Bedarfsfall kontaktiert werden. "Wir haben eine Art Pool, auf den wir jederzeit zugreifen können", berichtet Hartenbach. Wobei der SC Freiburg als kleiner und finanzschwacher Verein stets reichlich Überzeugungsarbeit leisten und nicht selten auch einen langen Atem haben muss. "Manchmal haben wir Spieler über Jahre hinweg in der Liste, halten den Kontakt zu ihnen und ihren Beratern, auch wenn sie zunächst irgendwo anders unterschrieben haben", beschreibt Hartenbach die Vorgehensweise. "Und falls dann irgendwann doch noch der richtige Moment kommt, sollten wir da sein."

Kollegentreffen bei der U-20-Südamerika-Meisterschaft

Zweifellos gilt der Sportclub gerade für Nachwuchsspieler als eine der besten Adressen im Profifußball. "Von der Karriereplanung her müsste ein junger Spieler eigentlich immer nach Freiburg gehen", sagt Hartenbach. Doch muss er sich auf einem Markt behaupten, "in dem zu 90 Prozent das Geld entscheidet". Und die zahlungskräftige Konkurrenz ist überall. "Den unentdeckten, sehr guten 19-jährigen Spieler gibt es nicht mehr", lautet Hartenbachs realistische Einschätzung. Gerade ist er von der U-20-Südamerika-Meisterschaft in Peru zurückgekehrt. Halb Europa sei dort vertreten gewesen, erzählt der Ex-Profi, um die 200 Scouts, unter anderem Kollegen von acht Bundesligisten. So ergeht es Hartenbach, wo immer er unterwegs ist in der Welt – ob in Europa, Asien, Afrika oder Südamerika. "Wenn ich dann neben dem Scout von Bayer Leverkusen oder dem des Hamburger SC auf der Tribüne sitze und ein Spieler fällt besonders auf, dann weiß ich, dass ich mich in der Regel gar nicht um ihn bemühen muss." Dennoch versucht er es immer wieder, setzt auf den schnellen persönlichen Kontakt und nervt die Berater der Spieler nach eigenem Bekunden mit den Argumenten des Vorzeige-Entwicklungsvereins SC Freiburg.

"40 Prozent sind klare Struktur, 40 Prozent Kreativität und Innovation, 20 Prozent glückliche Fügung", beschreibt Robin Dutt das Scouting-Geschäft. Wobei der Sportclub in vielen Fällen schlicht schneller sein muss als die zahlungskräftige Konkurrenz. "Sonst sind die anderen da und schnappen uns den Spieler weg." Um das Risiko eines Fehlgriffs zu minimieren, ist für schnelle Entscheidungen neben der sportlichen Einschätzung vor allem die Bewertung des Charakters wichtig. "Da geht es um Intelligenz, der Spieler muss die Philosophie des SC Freiburg begreifen", sagt Hartenbach. Bevor Felix Bastians seinerzeit endgültig verpflichtet wurde, setzte sich Hartenbach eigens in ein Flugzeug, um nach Italien zu fliegen, wo der Abwehrspieler mit seinem damaligen Verein Young Boys Bern im Trainingslager weilte. Das Gespräch dauerte nur zehn Minuten, doch das genügte Hartenbach, um Robin Dutt und Dirk Dufner das Okay-Signal zu geben. "Wir vertrauen unserer Scoutingabteilung voll und ganz", sagt Sportdirektor Dufner. Die Verpflichtung von Bastians ist laut Robin Dutt "allein Klemens Harten-bachs Baby". Und Bastians ist inzwischen ein Vielfaches dessen wert, was er den SC einst gekostet hat. Allein dieses Beispiel zeige laut Dutt, dass sich die Investition ins Scouting rentiert habe.

"Uns werden jeden Tag 15 bis 20 Spieler angeboten"

Klemens Hartenbach selbst bezeichnet seine Kollegen und sich als letzten Filter vor der sportlichen Leitung. Dabei gehe es nicht nur darum, Spieler aktiv zu suchen. Es gelte auch, die zahlreichen Angebote, die täglich beim Sportclub hereinflattern, vorzusortieren. "Uns werden jeden Tag 15 bis 20 Spieler angeboten", verrät Hartenbach. Der SC sei eben attraktiv geworden. Bisweilen sind auch prominente Akteure dabei, mit denen man im Zusammenhang mit Freiburg nicht rechnen würde. Vor nicht all zu langer Zeit tauchte plötzlich der Name Sol Campbell – immerhin früherer englischer Nationalspieler – unter den Bewerbern auf. Doch für derlei Ex-Star-Kandidaten wird der Sportclub nicht zum Fußball-Dschungelcamp. "In 80 Prozent der Fälle macht es keinen Sinn, überhaupt nur darüber nachzudenken", stellt Hartenbach klar. "Scouting heißt nicht nur, Spieler zu finden, sondern auch jene, die nicht zu uns passen, auszuschließen." Das gelang zuletzt ausgesprochen gut. "In 60 bis 70 Prozent der Fälle liegen wir richtig", sagt Robin Dutt. "Eine gute Quote", urteilt Dirk Dufner. Und ein Zeichen dafür, dass der Filter funktioniert.

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Autor: René Kübler