Sportgeschichte

Wie Volker Finke den Freiburger Fußball zum Leben erweckt hat

Jens Kitzler (Der Sonntag)

Von Jens Kitzler (Der Sonntag)

Mo, 04. Juli 2016 um 07:50 Uhr

SC Freiburg

Vor 25 Jahren hat Volker Finke einen Job als Fußballtrainer angetreten: Aus Havelse kam er nach Freiburg, wo Fußball bis dahin ein Randphänomen war. Ein Blick zurück in eine Zeit des Wandels.

Er sollte die Stadt ein wenig und den Freiburger Fußball vollkommen verändern. Doch als vor einem Vierteljahrhundert Volker Finke seinen Dienst beim Sport-Club begann, lag der Aufbruch nicht gerade in der Luft. Eine Zeitreise in den Sommer 1991.

"Ist Profisport hier überhaupt möglich?"

Den Wunsch nach einer zeitgemäßen Spielstätte, den kennt man vom Sportclub, der derzeit einen Stadionneubau im Freiburger Westen plant. Als Volker Finke am 1. Juli 1991 seinen Dienst im Dreisamstadion antrat, hatte das andere Dimensionen. Mit schöner Regelmäßigkeit ging die SC-Spitze im Rathaus betteln. "Die Verantwortlichen äußerten gegenüber der Stadt den Wunsch, dass im Dreisamstadion eine Flutlichtanlage errichtet wird", notierte der Berichterstatter in einer Gemeinderatsvorlage, als habe man von solcher Technik noch nie etwas gehört. "Diese Anlage würde es ermöglichen, dass auch in den Abendstunden Fußballspiele ausgetragen werden können."

Aber nein, dafür habe die Stadt wirklich kein Geld, hieß die Antwort regelmäßig. Noch gar nicht so lange her war es, als man im Rathaus überlegt hatte, den SC und den Lokalrivalen FFC zu fusionieren. Gleich zwei Fußballvereine musste man sich in Freiburg ja wirklich nicht leisten. Bei einer Bürgerschaft, die nur ins Stadion ging, wenn man nichts anderes zu tun wusste, wie die Badische Zeitung nicht lange vor Finkes Dienstantritt bedauerte. "Ist Profisport hier überhaupt möglich?"

"Sonderlich gespannt auf diesen neuen Trainer war man in der Stadt nicht." Reinhard Leßner
Warum sollte dieser Unbekannte aus dem Norden, der im Juli 1991 seinen Vorgänger Eckart Krautzun beerbte, etwas daran ändern können? Gemessen an dem Umbruch, den Volker Finke erwirken und der aus der grauen Maus SC Freiburg einen etablierten Profiverein im Oberhaus der Liga machen sollte, waren die Anfänge recht illusionslos. "Sonderlich gespannt auf diesen neuen Trainer war man in der Stadt nicht", erinnert sich Reinhard Leßner, damals Redakteur bei der Badischen Zeitung, an den Sommer 1991, "so richtig viel erwartet hat erstmal keiner." Außer Präsident Achim Stocker vielleicht, der den damals 43-Jährigen im September 1990 beim Spiel gegen dessen damaligen Verein, den TSV Havelse, in eindrücklicher Erinnerung behalten hatte – ungeachtet der Tatsache, dass Finke der Ruf vorauseilte, er werde überall dort, wo er arbeitete, sämtliche Kompetenzen an sich ziehen, so dass Vereinsbosse nichts mehr zu sagen hätten. Der beurlaubte Geschichtslehrer Finke deutete das vor Reportern von der anderen Seite: "Weil ich jederzeit wieder am Gymnasium unterrichten kann, brauche ich mich nirgends von eitlen Menschen im intriganten Umfeld einer Vereinsführung unter Druck setzen zu lassen."

80er-Jahre-Version eines alternativen Intellektuellen

Finke, Verein und Stadt beschnupperten sich. "Er sieht auf den ersten Blick nicht so aus, wie man sich einen Studienrat vorstellt", schrieb BZ-Sportredakteur Robert Kauer über den beurlaubten Lehrer, der Zigaretten drehend und in Jeans daherkam. Die 80er-Jahre-Version eines alternativen Intellektuellen, der selbst nach einigen Ausflügen ins Freiburger Nacht- und Kulturleben der südbadischen Provinz einiges an Rückständigkeit attestierte, weil sich hier ein "Zeitgeist der 70er Jahre beharrlich festgesetzt hatte".
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 3. Juli 2016 in der Wochenzeitung "Der Sonntag".

Genau in diesem Millieu weckte er dann schneller Begeisterung für sich als im zwischen Weinfest, CDU und dem alten Freiburger FC oszillierenden Alt-Freiburger Establishment, das noch verdauen musste, dass Finke als erste Amtshandlung Publikumsliebling Charly Schulz aus dem Team gestrichen hatte. Die linksalternative Stadtzeitung freute sich und interviewte Finke zu den Auswirkungen der Studentenbewegung auf das Bildungssystem, Wohngemeinschaften und Kino mit Anspruch. Und über linken Fußball. Doch die großen Entwürfe, die gebe es auch im Fußball nicht mehr, erklärte Finke der Stadtzeitung – bevor er sich aufmachte, von Jugendförderung bis Spielsystem einen nicht gerade kleinen Entwurf im deutschen Profifußball zu platzieren.

Als plötzlich SC-Freiburg-Aufkleber auf Autos prangten

Als der Niedersachse im Juli 1991 anfing zu arbeiten, gab es noch keine funktionsfähige Trainerkabine – und auch weiter kein Flutlicht –, doch immerhin ein Team, das er schon mitgeformt hatte. "Das war schon ein Umbruch in der Mannschaft", erinnert sich Ralf Kohl, der damals, noch von Achim Stocker entdeckt, als Außenverteidiger frisch ins Team gekommen war. Ja, man habe gemerkt, dass eine andere Zeit der Mannschaftsführung anbrach, sagt Kohl. "Allein, dass ein Trainer plötzlich auf das Zwischenmenschliche bei den Spielern geachtet hat, das kannte ich so noch nicht."

Mit einem Spiel gegen 1860 München begann Volker Finkes erste Saison in Freiburg. Das Stadion füllte sich nach und nach. Im Herbst sah man erstmals SC-Freiburg-Aufkleber auf Autos, "Jetzt geht’s los", stand darauf. Das tat es dann tatsächlich.
Infobox: Der Rest ist Geschichte

In der Saison 1993/94 spielte der SC Freiburg erstmals in der ersten Bundesliga, in Freiburg entstand für mehrere Jahre stadtweite SC-Begeisterung. Die Saison 94/95 beendete der SC sensationell auf dem 3. Platz, die Bayern hatte man im Dreisamstadion mit 5:1 abgefertigt. Es folgten zwei Teilnahmen am Uefa-Cup, seit Finkes Amtszeit spielte der Verein neun Saisons in der zweiten und sechzehn in der ersten Bundesliga. Die Zeit, da Finke und Freiburg zueinander passten, endete nach 16 Jahren in der Spielzeit 2006/07. Nach Misserfolgen und zunehmender Kritik am Trainer beschloss der Verein, ohne Finke weitermachen zu wollen – was eine halbjährige, bisweilen bizarre Schlammschlacht zwischen Vereinsführung, Trainer, Kritikern und Sympathisanten nach sich zog. Im Sommer 2007 begann Robin Dutt als Finkes Nachfolger.

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