Reise in die Zeit der boomenden Gattung des Streichquartetts

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mo, 05. März 2018

St. Blasien

Das Casal-Quartett mit Felix Froschhammer, Rachel Späth, Markus und Andreas Fleck begeistert sein Publikum im gut besuchten Festsaal des Kollegs St. Blasien.

ST. BLASIEN. Sozusagen einen Themenabend auf das Jahr 1799 bot das Casal-Quartett in seinem Preisträgerkonzert am Donnerstagabend im Kollegsfestsaal. Das kleine Jubiläum von 30 Jahren Volksbank Hochrhein-Stiftung, das Peter König als Mitglied des Stiftungsvorstandes bei seiner Begrüßung angekündigt und mit der Nennung der stolzen Zahlen von bislang 49 Förderpreisträgern, zehn Musikpreisträgern und neun Stipendiaten belegt hatte, erhielt durch dieses exquisite Konzertprogramm seine überaus würdige Anerkennung.

Das Casal-Quartett mit Felix Froschhammer und Rachel Späth, Violine, sowie Markus und Andreas Fleck Viola und Violoncello, war als Musikpreisträger im Jahr 2004 gekürt worden und hat seitdem bereits mehrere Auszeichnungen erhalten, wie etwa den Echo Klassik-Preis 2017.

Mit vier auf jeweils ein Kompositionsjahr bezogenen Konzertprogrammen, so Markus Fleck in seinen einleitenden Worten, möchte sich das Casal-Quartett an den 250. Geburtstag Beethovens im Jahr 2020 und damit an "das" große Jubiläumsjahr der Musikgeschichte herantasten. Zugleich aber sollen diese Konzertprogramme auch Entdeckungsreisen sein zu Vertretern der in der Zeit Beethovens boomenden Gattung des Streichquartetts, die heute nahezu vergessen sind. So beinhaltet das erste, dem Jahr 1799 gewidmete Programm dieser kleinen Serie neben Beethoven und Joseph Haydn auch den Komponisten Adalbert Gyrowetz, mit dem der Konzertabend im Kollegsfestsaal begann.

Der Böhme Gyrowetz, der sich mit seinen Kompositionen auf eine siebenjährige Europareise begab und darüber eine Autobiographie verfasste, die einen spannenden Einblick in die Zeit um 1800 gestattet, hat einen ganz eigenen Quartettstil entwickelt, der den Instrumenten ein für seine Zeit ungewöhnlich ausgeprägtes Eigenleben gestattet. So werfen die vier Instrumente einander gleich zu Beginn des op. 47/3 in fliegender Eile und mit ausdrucksstarker Gestik flinke Läufe zu. Scharfe Kontraste prägen den ersten Satz, die vom Gemüthaft-Liebenswürdigen bis zum Zupackend-Fordernden reichen. Der langsame zweite Satz beginnt mit der typischen sich aussingenden Kantilene der ersten Geige, zart unterfedert durch die einfühlsam abgestimmte Begleitung der übrigen drei Streicher. Mit der Übernahme der Melodiestimme durch das Cello erfährt der Satz zugleich auch harmonisch eine Eintrübung, die sprechenden Pausen zwischen kurzen, voneinander abgesetzten Akkorden sorgen für Dramatik, bevor die erste Geige ihre Sanglichkeit zurückgewinnt. Dem quicklebendigen, scherzohaft anmutenden dritten folgt ein Schlusssatz mit neckisch zwitscherndem Thema, das in Rondomanier die teils rasanten, teils dramatisch anschwellenden Zwischenpassagen immer wieder auf den Boden munterer Aufgeräumtheit zurückholt, um dann selbst in einen triumphierenden Schluss zu münden.

Auch Haydn, der als Vorbild der Streichquartettkomposition galt, beginnt sein op. 77 bereits mit spielerisch einander ins Wort fallenden Stimmen und präsentiert im ersten Satz eine führende erste Geige, der anzuhören ist, dass sie sich zum Primus inter Pares wandeln wird, zum Anführer unter Gleichgestellten. Das Adagio ist mit seinem vollkommenen Gleichklang der Instrumente zu Beginn, dem Zwiegespräch von Cello und erster Geige, den kleinen Seufzern und zarten Echos, die zum intensivierten Beginn zurückleiten, sehr innig und gefühlsbetont. Als starker Kontrast hierzu wirkt der drauflosstürmende Beginn des dritten Satzes, der im stark bewegten, mitunter beinahe vorlauten Finale gestisch seine Fortsetzung erfährt.

War das op. 77 Haydns letztes Streichquartettwerk, so begann Beethoven mit dem op. 18/1 sein Quartettschaffen und öffnete damit, so Markus Fleck, das Tor in eine ganz neue Welt persönlichsten Ausdrucks, mithin die Bühne der Romantik. Und so ausdrucksgewaltig, wie man sich Beethovens Musik gemeinhin vorstellt, so widerborstig, extrovertiert, ja launisch spielt das Casal-Quartett nicht nur Beethovens ersten Quartettsatz, sondern sein gesamtes Programm, im einen Moment voller Anmut und Gefühlsinnigkeit, im nächsten stürmisch aufbrausend, nachdenklich zurückgenommen oder voll gespannter Erwartung – voll sprühenden Lebens eben. Dabei leben diese Instrumentalisten ihre Musik, in Haltung und Gestik bis zum Gleichklang der sich bewegenden Oberkörper, im steten Blickkontakt und der quasi innigen Zuwendung bei korrespondierenden Phrasen.

So schleicht sich die erste Geige zu Beginn des zweiten Satzes zart ins Miteinander der übrigen Drei, die Stimmen bekräftigen einander gegenseitig, und ebenso wie sie ihr verhaltenes Leiden teilen, so schmettern sie ihren dramatisch von dreimaliger Generalpause unterbrochenen Ausbruch gemeinsam heraus. Der kurze dritte Satz exponiert aus dem Stand gespannte Erwartung, während der vierte entspannt in fröhlichem Grundton daherwuselt, mit spritzigen Akzenten durchsetzt, wobei die vier Musiker beinahe den Eindruck eines einzigen Körpers mit geheimer Schaltzentrale erwecken, die die vier optimal aufeinander abgestimmten und dennoch völlig unabhängig agierenden Extremitäten bewegt.

Dem restlos begeisterten Publikum im gut besuchten Festsaal gönnte das Ensemble als Zugabe noch eine beschauliche und doch akzentdurchzogene Zugabe aus der Feder Franz Xaver Richters , und das zweite Programm seiner vierteiligen Serie über Beethoven und seine Zeitgenossen wird am 13. Mai im Tiengener Schloss zu hören sein. Dann geht es um das Jahr 1806 .