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19. November 2009

"Das Wichtigste ist immer die Freiheit"

Das Kolleg St. Blasien erinnert an den Mauerfall vor 20 Jahren und befragt Zeitzeugen: 100 Kollegianer lauschten gebannt Katharina und Matthias Rüger

  1. Gebannte Zuhörer im Habsburgersaal des Kollegs: Katharina und Matthias Rüger (am Tisch hinten in der Mitte) berichten als Zeitzeugen über den Mauerfall am 9. November 1989. Foto: Amelie Schönfeld

ST. BLASIEN. Als die Mauer fiel – das Kolleg erinnerte sich: Im Rahmen des Gedenkens an den Fall der Mauer vor 20 Jahren fand am Dienstagnachmittag in der vergangenen Woche ein Zeitzeugenbericht und eine Diskussion mit dem Ehepaar Rüger aus St. Blasien im Habsburgersaal im Kolleg St. Blasien statt.

"Vermissen Sie etwas aus der DDR?" – "Nichts!" Das war eine sehr eindeutige Antwort von Matthias Rüger auf die Frage eines Kollegianers. Seine Ehefrau Katharina Rüger und er erlebten den Mauerfall bei Freunden im Westen. Doch wie sie in den Westen kamen, was sie dazu bewogen hat, ihre Kinder und Eltern in der DDR zurückzulassen, selbst auf die Gefahr hin, sie lange nicht mehr sehen zu können, all das erzählten sie der Oberstufe des Kolleg St. Blasien genau 20 Jahre und einen Tag nach dem Mauerfall am 9. November 1989.

Etwa 100 interessierte Kollegianer lauschten in gebannter Atmosphäre den Schilderungen des Ehepaares, das seit 20 Jahren in St. Blasien lebt. Auf die Antwort "Nichts", was er denn vermissen würde, folgte Gemurmel unter den Zuhörern und zeitnah die nächste Frage aus dem Auditorium: "War also alles schlecht in der DDR?" Es habe auch gute Ansatzpunkte in der DDR wie beispielsweise die Kinderbetreuung gegeben, räumte Rüger ein. Doch diese Ansätze gab nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern einzig und allein unter dem Aspekt der Stabilisierung der Macht im System. "Dementsprechend kann man die Diskussion ,was war gut?’ überhaupt gar nicht führen", so Matthias Rüger.

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Um die Ausmaße der Ungerechtigkeiten vor Augen zu führen, wie sehr der Staat das Leben seiner Bürger bestimmte, machte das Ehepaar Rüger anhand eines Beispieles klar: Die Stimmung, in der DDR, sei, wem auch immer man begegnete, von Misstrauen geprägt gewesen. Das Ehepaar erzählte den Fall eines Bekannten, der sich nach dem Mauerfall aus nachvollziehbarem Interesse heraus erkundigt habe, von wem er bespitzelt worden sei – wie groß muss der Schock für ihn gewesen sein, als er erfuhr, es war seine eigene Mutter. Dieser Fall stimmte doch sehr nachdenklich und es breitete sich unter uns Zuhörern betroffenes Schweigen aus.

Die Schüler begannen wohl besser zu verstehen, wie groß die Verzweiflung des Ehepaars Rüger gewesen sein musste, dass sie bei ihrer Flucht selbst ihre Kinder zurückgelassen hatten. "Ich fand die DDR gar nicht so schlimm wie mein Mann, bis ich ein Schlüsselerlebnis hatte, meinen erster Besuch im Westen 1986", erzählt Katharina Rüger. Da sei ihr bewusst geworden, irgendetwas könne nicht stimmen in der DDR. Damals wollte sie schon in der Bundesrepublik bleiben, doch als man ihr in der Vertretung der DDR in Bonn sagt, sie müsse mindestens zwei Jahre auf eine Familienzusammenführung warten, entschied sie sich in die DDR zurückzukehren. Währenddessen legte die Staatssicherheit bereits eine Akte über "die R." an, mit dem Ziel der "Rückgewinnung der Rüger" und schaltete dazu auch ihre Eltern ein.

Als das ZDF im September 1989 über Aussagen von DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel berichtete, dass alle Flüchtlinge in der Prager Botschaft innerhalb eines halben Jahres ausreisen dürfen, wenn sie vorher in die DDR zurückkämen, machten sich die Rügers unverzüglich auf den Weg nach Prag. Nach drei nervenaufreibenden Tagen in der Botschaft kam dann die "Erlösung" durch Bundesaußenminister Hans-Dietrich Gentscher: "Ausreise genehmigt." Obwohl die Rügers eigentlich nicht vorgehabt hatten, ihrer Kinder wegen gleich in die Bundesrepublik einzureisen, setzten sie sich doch auf zuraten eines Mitarbeiters der Botschaft am 1. Oktober 1989 in einen Zug der von Prag über Hof nach Stuttgart fuhr.

Am 9. November 1989 verfolgen die Rügers, bereits in St.Blasien, den Mauerfall im Fernsehen. Eine Woche später folgten die Kinder nach. Und heute? "Niemand soll vergessen was es heißt, in Unfreiheit zu leben", so Rüger. Jedem müsse bewusst werden, wie gut er es eigentlich im freiheitlichen System der Bundesrepublik Deutschland habe. Niemand sollte den Mauerfall vergessen, denn er sei eine große Stunde des friedlichen Aufbegehrens gegenüber Ungerechtigkeit und ein Plädoyer für die Freiheit des Menschen gewesen. Das Fazit dieses informationsreichen Nachmittags: "Das Wichtigste ist die Freiheit", so Matthias Rüger "jeder Mensch, der bereits einmal in Unfreiheit gelebt hat, wird das bestätigen."

Autor: Melanie Schönfeld