Meisterhafte Spannungsbögen

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mi, 04. Oktober 2017

St. Blasien

Ilona Then-Bergh, Michael Schäfer, und Wen-Sinn Yang treten bei den Klosterkonzerten auf.

ST. BLASIEN. Das Trio mit Ilona Then-Bergh, Geige, Michael Schäfer, Klavier und Wen-Sinn Yang, Cello, riss die Besucher des Klosterkonzertes im Kollegsfestsaal mit Franz Schuberts Klaviertrio Es-Dur op. 100 und Tschaikowskys Klaviertrio a-Moll op. 50 zu wahren Begeisterungsstürmen hin.

Die drei Musiker bedankten sich mit einer ausdrucksstarken, gefühlsgeladenen Zugabe des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Russland geborenen Komponisten und Musikwissenschaftlers Joel Engel.

Im ersten Programmteil bewies das Trio seine grandiose Meisterschaft im Aufbau von ausgedehnten Spannungsbögen. Mit zupackender Spiellaune begannen die drei Musiker ihren Schubert-Vortrag, in dessen erstem Satz die weitgehend gleichberechtigt agierenden Instrumente unermüdlich immer wieder aufs Neue den großen Bogen vom geheimnisvoll dräuenden Ansatz bis zum gewaltigen Ausbruch inszenierten, wobei sie die jeweils führende Stimme organisch aus dem Ensembleklang emporwachsen ließen. Dabei vernachlässigten sie indes die zarte Kantilene, das anmutige Zwiegespräch, das brillante Laufwerk keineswegs, ließen im Gegenteil den Streichern Zeit, sich behaglich auszusingen, um schließlich mit markanten Strichen dem hochdramatisch-virtuosen Schluss entgegenzueilen, dessen angehängter kurzer Abgesang als gelungenes Überraschungsmoment wirkte.

Hochdramatisch-virtuos und ausdrucksvoll

Ausdrucksvoll gestaltete das Cello seine Solokantilene zu Beginn des zweiten Satzes, abgelöst vom Klavier und in der Folge wiederum verdichtet zum heftig aufbrausenden Sturm, einem Sturm, der nach dem zweiten großen Anlauf erneut die Cellokantilene gebar, die diesmal den losbrechenden Sturm in einen Sturm des Frohlockens zu verwandeln schien. Der Jubel wich indes am Ende doch wieder traurigem Verlöschen.

Ausgelassene Heiterkeit prägte den hurtigen Einsatz des Scherzos. Flink jagten die Stimmen im fröhlichen Spiel einander nach. Das Trio präsentierte eine rustikal deftige Variante, das, sich quasi seiner Derbheit wegen entschuldigend, nochmals einen weicheren Mittelteil hervorbrachte. Die Wiederholung des Scherzos schließlich schien etwas von dem Triogestus in sich aufgenommen zu haben, wirkte akzentreicher, um eine Spur burschikoser als zu Beginn.

Ganz klassisch erklang das Solo des Klaviers am Anfang des vierten Satzes, von den Streichern aufgenommen und von allen drei Instrumenten gemeinsam ausgebaut. Auch den Neuansatz der Geige mit einem Tonrepetitionen in den Vordergrund rückenden Thema nahmen die beiden Mitstreiter hurtig in emsigem Huschen auf, ohne indes gehetzt zu wirken. Erst die Überführung in die Mollvariante brachte einen eher schicksalsbetonten Anklang.

Wen-Sinn Yang hatte nach der Pause darauf hingewiesen, dass Tschaikowsky sein Trio op. 50 aus Anlass des Todes seines Lehrers Nikolaj Rubinstein verfasst hat, wobei die vom Cellisten angekündigte Trauermusik sich deutlich mit einer vom Schwelgerischen bis zum Majestätischen sich erstreckenden Würdigung des verehrten Lehrers verband. Nicht umsonst gab der Komponist seinem Werk in der französischen Widmung den Hinweis "Zur Erinnerung an einen großen Künstler" mit auf den Weg. Hingebungsvoll weinte das Cello, die drei Instrumente promenierten aber durchaus auch in intensiv ausgesungenen Akkordfortschreitungen hoheitsvoll durch die weite russische Seelenlandschaft.

Der zweite Teil des Trios, ein ausgedehnter Variationensatz, glitzerte in allen nur denkbaren Klangfarben, und hatte bereits der erste Teil den Eindruck erweckt, hier sei ein ganzes Orchester am Werk, so faszinierte neben der überwältigenden Farbpalette nun auch der immense Formenreichtum. Da stand ein Hymnus neben einem raffinierten Elfentanz, da sang sich die russische Seele melancholisch in die Herzen der Zuhörer, um im nächsten Moment einem lustigen Glockenspiel Platz zu machen, das wiederum abgelöst wurde von einem brillanten Walzer. Sehnsüchtig erhoben sich gedämpfte Streicherklänge in die Lüfte, während das Soloklavier eine eigene brillante Szene beisteuerte. In die furiose, berauschende Fülle, die dieses geradezu sinfonische Werk immer deutlicher ausprägte, mischten sich nach und nach melancholische Töne, verdichteten sich, bis das Ganze unversehens umkippte, zur Trauerode geriet. Der letzte Ton Tschaikowskys für den großen Pianisten Rubinstein gehörte – wie könnte es anders sein – dem verlöschenden Klavier.