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28. Mai 2011
Mit etwas Hilfe vom Enkel klappt’s
Einkäufe tätigen, Musik hören, Informationen sammeln: Senioren, die das Internet nutzen, sind begeistert von den Möglichkeiten.
ST. BLASIEN. Wenn Senioren das Internet nutzen wollen, sind sie häufig auf ihre Enkel angewiesen – oder müssen sich die nötigen Kenntnisse selbst aneignen. Spezielle Kurse für Rentner gibt es in der Region kaum, obwohl sogar das Land Baden-Württemberg entsprechende Initiativen unterstützt und viele Online-Senioren begeistert sind von den Möglichkeiten, die ihnen die vernetzte Welt bietet.
"Gib ein Küsschen", fordert Hans Rogge sein Gegenüber auf. Der Plüschpapagei gehorcht und lässt ein Schmatzen vernehmen. Der batteriebetriebene, 30 Zentimeter große Gefährte des Seniorenheimbewohners kann sprechen, zwinkern und sich bewegen. "Den hab’ ich im Internet bestellt", berichtet Hans Rogge stolz. Ansonsten nutzt er das Internet hauptsächlich, um sich zu informieren. "Gerade will ich herausfinden, wie viele Abgeordnete aller Parlamente es in Deutschland gibt." Die würden doch alle Rente wollen und hätten nie eingezahlt in die Kasse, schimpft er.Mit 65 Jahren – in einem Alter, in dem andere froh sind, dass sie nichts Neues mehr lernen müssen, hat Hans Rogge beschlossen, sich mit Computern zu befassen. Er habe sich die Grundlagen selbst erarbeitet, ab und zu gab der Enkel Tipps.
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Heute ist er 76 Jahre alt und froh, sich mit dem Computer die Zeit vertreiben zu können. "Wenn’s regnet und ich nicht raus kann, ist es nicht so langweilig." In den vergangenen Tagen hat er Glückwunschkarten entworfen. Die druckt er aus und schickt sie seinen Lieben.
Durch das Internet ist Hans Rogge, der aus Kaliningrad stammt und vor seinem Einzug ins St. Blasier Luisenheim in Gurtweil wohnte, auch durch das unsichtbare Netz mit seinem Enkel und seinem Bruder verbunden, denen er E-Mails schreibt. Und er kann ganz unblutig Moorhühner schießen, verrät er grinsend. Das sei sinnvoller, als im Wirtshaus zu sitzen, denn: "Das kostet nur Geld und am Ende wackelt das Gehirn."
Wenn ein Bewohner des Luisenheims einen Internetanschluss will, müssen die Techniker anrücken, denn der gehört nicht zur Standardausstattung der Zimmer. "Nur wenige unserer Senioren nutzen das Internet", informiert Pflegedienstleiterin Ivonne Graff. "Aber wenn das jemand möchte, unterstützen wir das natürlich nach Kräften."
Auch Franz Berg, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist online. Wie ein Mobiltelefon funktioniert ließ sich der 84-Jährige von seinem Sohn und seinen Enkeln erklären. Um zu wissen, welche Möglichkeiten das Internet bietet, hat er einen Kurs besucht. "Anfangs hatte ich Bedenken, dass ich da nicht mitkomme und verspottet werde", erinnert er sich. Doch seine Befürchtungen waren unbegründet. Vor sieben Jahren belegte er einen Kurs der Waldshuter Volkshochschule speziell für Senioren. Von den anfangs zwölf Teilnehmern sind nach den zehn Doppelstunden nur noch Wenige übrig geblieben. Franz Berg aber hat den Kurs durchgezogen und sogar noch einen für Fortgeschrittene drangehängt.
Nicht alle Senioren haben diese Möglichkeit. "Ohne Auto wäre ich nicht nach Waldshut gekommen", räumt Franz Berg ein. Und selbst in der Kreisstadt ist ein solches Angebot eher die Ausnahme. "Kurse im EDV-Bereich für Senioren kommen nur selten zustande, deshalb bieten wir aktuell nichts mehr an, was speziell diese Zielgruppe anspricht, sondern halten die Ausschreibungen allgemein", erklärt Brigitte Reichmann, die bei der Stadt Waldshut-Tiengen für die Volkshochschule zuständig ist.
"Für mich hat sich der Kurs auf jeden Fall gelohnt", bilanziert Franz Berg. Seine Ausrüstung ist mittlerweile beachtlich. Auf dem Schreibtisch in seinem Wohnheimzimmer reihen sich Rechner, Bildschirm, Drucker, Scanner und Lautsprecher aneinander.
Und nicht nur das: Hinter der modernen Hardware verbergen sich riesige Datenberge: Der Rentner pflegt ein ansehnliches Bildarchiv mit historischen Aufnahmen St. Blasiens, etwa vom Hochwasser 1990 oder dem Kollegsbrand. Jede Woche erstellt Franz Berg einen Plan, in dem er seine Termine notiert. Etwa, wann er wo sein muss oder jemanden trifft. Diese Pläne verziert er mit verschiedenen Motiven, etwa Blumen, die er sich herunterlädt.
Franz Berg verbringt jeden Tag mehrere Stunden am Computer, und findet: "Das ist interessanter als fernsehen." Gelegentlich hört er auch Musik im Netz. "Da findet man Lieder, die schon lange nicht mehr im Radio gespielt werden, und die einen an alte Zeiten erinnern", meint er schmunzelnd. Aber auch für Nachrichtenseiten interessiert er sich, schließlich will er auf dem Laufenden bleiben.
Damit weitere Senioren, vor allem in ländlichen Gebieten, Zugang zum Internet bekommen, hat das Land Baden-Württemberg das Projekt "Internet goes Ländle" ins Leben gerufen. Es soll Initiativen unterstützen, die die Internetkompetenz von älteren Menschen fördern. Eine solche gibt es in St. Blasien und den umliegenden Gemeinden nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Autor: Kathrin Blum


