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13. September 2011
"Zugehört und reagiert"
BZ-INTERVIEW mit dem neuen St. Blasier Kollegsdirektor Pater Klaus Mertes.
ST. BLASIEN. Mit Pater Klaus Mertes kommt nicht nur ein prominenter Jesuit nach St. Blasien, sondern auch großes öffentliches Interesse. Seit er vor eineinhalb Jahren Missbrauchsfälle in den 80er Jahren aufgedeckt hat, ist der 57-Jährige ein gefragter Mann, dem Anerkennung zuteil wird, der aber auch Kritik aushalten muss. BZ-Redakteurin Kathrin Blum hat sich mit dem neuen Direktor des Kollegs unterhalten.
BZ: Pater Mertes, von der pulsierenden Bundeshauptstadt ins provinzielle Blasien – ist das für Sie ein Kulturschock?Pater Klaus Mertes: Nein, so würde ich es nicht nennen. Ich bin in der Eifel aufgewachsen, die Gegend dort ist dem Schwarzwald ähnlich. Ich mag die Natur und freue mich auf lange Wanderungen.
BZ: Trotzdem ist Ihnen der Wechsel sicher nicht leichtgefallen.
Mertes: Natürlich spüre ich noch Abschiedsschmerz. Berlin ist eine wunderbare Stadt, ich habe viele Freunde dort. Der Kontakt wird also bleiben. Außerdem habe ich zwei Brücken in die Hauptstadt: Ich bleibe Mitglied im Vorstand der Stiftung 20. Juli 1944 und im wissenschaftlichen Beirat der katholischen Akademie.
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Mertes: Die missionarische Situation war in Berlin spannend. Hier erlebe ich allerdings einen breiteren innerkatholischen Diskurs als im Berliner Katholizismus, den ich sehr anregend finde. Von Berlin nach St. Blasien zu kommen hat etwas von Entsäkularisierung.
BZ: Sie haben mit dem Aufdecken der Missbrauchsfälle einen großen Stein ins Rollen gebracht – und sich nicht nur Freunde gemacht. Fürchten Sie sich davor, hier als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden?
Mertes: Nein, weil ich keiner bin. Ohnehin kommt dieser Vorwurf meistens hintenrum. Ich höre, dass es da ekelhafte Netzwerke gibt, die hetzen, aber die lese ich nicht. Schlimmer finde ich es, wenn Menschen, die mir nahe stehen, da hineingezogen werden und darunter leiden müssen. Und von wegen Nestbeschmutzer – dazu kann ich nur sagen: Der Schmutz kommt nicht von mir.
BZ: Verletzt es Sie, wenn Sie als eitel und pressegeil bezeichnet werden?
Mertes: Ehrverletzende Vorwürfe muss man einfach aushalten. Die Öffentlichkeit hat ein legitimes Interesse an den Missbrauchsfällen und ihrer Aufklärung. Würde ich mauern, wäre genau das Gegenstand der Berichterstattung. Nach meiner Selbsteinschätzung spreche ich gezielt und eher zurückhaltend mit der Presse. Mit einer Ausnahme habe ich zum Beispiel bis heute alle Talkshowanfragen abgelehnt.
BZ: Neben Kritikern haben Sie in den vergangenen Monaten auch Unterstützer gefunden. In der Öffentlichkeit werden Sie oft als Aufklärer bezeichnet.
Mertes: Für die Unterstützung bin ich sehr dankbar. Aber ich verstehe mich weder als ein Aufklärer noch als ein Held und überhaupt möchte ich meinerseits in dieser Diskussion gar nicht im Fokus stehen. Die Initiative zur Aufdeckung der Missbrauchsfälle ging nicht von mir aus, sondern von Opfern, die mit mir gesprochen haben. Ich habe zugehört und dann reagiert.
BZ: Seit eineinhalb Jahren sprechen alle mit Ihnen über das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. Ärgert es Sie, darauf reduziert zu werden?
Mertes: Nein. Ich akzeptiere es. Und ich versuche zu verstehen, warum es so ist. Prinzipiell finde ich es gut, dass grundlegende Themen der Pädagogik und des kirchlichen Selbstverständnisses angesprochen werden, denn sie sind ja auch tatsächlich durch die Missbräuche und das Weghören tangiert. Die ganze Debatte hat Türen zu Themen geöffnet, über die wir sonst heute nicht sprechen würden.
für katholische Events."
Mertes: Etwa Prävention von Machtmissbrauch in Schule, Heimen oder auch in der Kirche. Früher war es schwieriger, dieses Thema anzusprechen, weil allein schon die Möglichkeit von so etwas eher verleugnet wurde. Oder die Frage: Was machen wir in katholischen Schulen im Bereich der Sexualpädagogik? Da müssen wir ran. Genauso ist die Debatte ein Türöffner für die Bereitschaft, Evaluation von außen zuzulassen. Darin liegt eine große Chance. Und das hat nichts mit Instrumentalisierung von Missbrauch zu tun.
BZ: Wo wir von Chancen sprechen – sehen Sie eine solche auch im nahenden Papstbesuch?
Mertes: Selbstverständlich. Ich verstehe mich allerdings nicht als öffentlicher Oberkommentator des Papstbesuches.
BZ: Wer will Sie zu dem machen?
Mertes: Ich bin in den letzten Wochen sehr oft angefragt worden, zum Beispiel die Rolle eines Live-Kommentators während der Tage des Papstbesuches zu übernehmen. Ich habe das abgesagt. Ich bin kein Günter Netzer für katholische Events.
BZ: Ihr letzter Satz wäre eine schöne Schlagzeile. Welche würden Sie denn selbst gerne über sich lesen?
Mertes: Ich will eigentlich nicht darüber nachdenken, wie ich wirken will. Ich weiß aber, was ich nicht lesen möchte.
BZ: Das da wäre?
Mertes: Klaus Mertes, der Aufklärer. Oder: Klaus Mertes, der Kirchenkritiker.
BZ: Von "pöbelnden Dunkelkatholiken" zu sprechen, wie Sie es kürzlich im Spiegel-Interview gemacht haben, ist ja nun nicht gerade unkritisch.
Mertes: Unter Dunkelkatholiken verstehe ich Menschen, die nicht begreifen, dass Loyalität etwas Tieferes sein kann, als passgenaues Übereinstimmen mit dem, was gerade von oben verlangt wird.
BZ: Apropos verlangt – warum hat der Ordenschef von Ihnen verlangt, nach St. Blasien zu gehen – und nicht etwa ans Aloisius-Kolleg nach Bad Godesberg?
Mertes: Zuerst einmal: Rochaden sind bei uns Jesuiten normal. Ich war 17 Jahre am Canisius-Kolleg in Berlin, elf davon als Rektor. Es war sinnvoll, das abzuschließen. Am Aloisius-Kolleg war ich selbst Schüler und hatte dort eine wunderbare Schulzeit, für die ich bis heute dankbar bin. Zurückkehren kann aber manchmal schwieriger sein als Weggehen. Ich komme jedenfalls gerne nach St. Blasien.
BZ: Weil mit dem Direktorenwechsel auch ein gleichzeitiger Schulleiterwechsel verbunden ist, wird es in St. Blasien aber vermutlich nicht ganz leicht.
Mertes: Eine ähnliche Situation findet Pater Siebner ja jetzt auch in Bad Godesberg vor. Ich habe in den vergangenen Jahren intensiv mit ihm und Herrn Schmidle zusammengearbeitet. Wir haben beispielsweise ein Evaluationskonzept entwickelt für jesuitische Schulen. Und uns natürlich mit Prävention beschäftigt. Allerdings ist es mit Papieren allein nicht getan. Das gilt für alle unsere Kollegien, egal ob in Berlin, Bonn oder St. Blasien. Außerdem beschäftigt mich das Thema Finanzierung von Stipendien, damit der Besuch unserer Schule unabhängig bleibt vom Geldbeutel der Eltern. Mein Ziel ist es auch, Lehrern und Erziehern Raum zu geben für Gespräche mit den Jugendlichen.
Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich finde es interessant, dass es auch einen Schulleiterwechsel gibt. Das birgt sicherlich eine Chance. Und ich bin gespannt, was wir daraus machen werden.
Autor: kbl
