Als ein Stück Spirzen zu Buchenbach kam

Vor 40 Jahren: Langes Warten auf die Wählerin

Heinrich Fehrenbach

Von Heinrich Fehrenbach

Di, 08. November 2016 um 11:59 Uhr

St. Märgen

Vor genau 40 Jahren wurden die im Ortsteil Spirzen gelegenen Anwesen Molz-Glavas und St. Barbara im Rahmen der Feinabgrenzung der Nachbargemeinde Buchenbach zugeschlagen. Vier Betroffene hatten zuvor die Wahl.

In St. Märgen musste darüber zunächst eine Anhörung der Beteiligten erfolgen. Vier Abstimmungsberechtigte in zwei Stimmbezirken hatten deshalb darüber zu entscheiden, ob ihre bislang in der Gemeinde St. Märgen liegenden Gebietsteile an die Gemeinde Buchenbach ausgegliedert werden sollten oder nicht. Mit 3:1 Stimmen sprachen sich die Betroffenen für die Angliederung nach Buchenbach aus.

Bei der Abstimmung machten drei der vier Stimmberechtigten von der Briefwahl Gebrauch. So musste lediglich die Verwalterin des Ferienheims St. Barbara persönlich ihre Stimme abgeben und zur Urne schreiten. Im Rathaus St. Märgen hatte man alles getreu den Buchstaben des Gesetzes ordentlich vorbereitet und die Abstimmung abgewickelt. Es wurden Wählerverzeichnisse erstellt, eine Wahlbenachrichtigung verschickt und ein einziger Stimmzettel gedruckt.

Das Ferienheim St. Barbara bildete einen eigenen Stimmbezirk. Deshalb war auch die damalige Verwalterin des Anwesens stimmberechtigt, da sie dort auch wohnlich gemeldet war.

Über diese besondere Abstimmung in St. Märgen berichteten Zeitungen, Radio und Fernsehen in ganz Deutschland. Etwa 80 Zeitungen haben eine Agenturmeldung über das kuriose Ereignis abgedruckt, eine große Hamburger Illustrierte berichtete über den "Fall St. Märgen" und für den Wahltag hatten sich zwei Kamerateams im Rathaus angemeldet.

Für diesen "höchst komplizierten Wahlvorgang" hatte die einzige Wählerin volle sechs Stunden Zeit. Der Gemeinderat hatte die Abstimmungszeit großzügig von 10 Uhr bis 16 Uhr festgelegt.

Der siebenköpfige Wahlausschuss hatte deshalb rechtzeitig um 10 Uhr im Wahllokal Platz genommen, und über Stunden geduldig auf das Erscheinen der Wählerin gewartet. Um 15.08 Uhr, fast eine Stunde vor der Schließung des Wahllokals, betrat dann die Wählerin den ehrwürdigen Kapitelsaal im Rathaus in St. Märgen. Unter dem Surren der Fernsehkameras und im gleißenden Scheinwerferlicht wurde der damals 42-jährigen Verwaltungsleiterin und Bewohnerin des Grundstücks St. Barbara, der eigens für sie gedruckte Stimmzettel überreicht und ihr ein amtlicher Wahlumschlag in die Hand gedrückt, den sie dann in der Wahlkabine ausfüllte, und anschließend in die eigens für sie aufgestellte Wahlurne warf. Alle Augen und die Kameras stürzten sich auf den einzigen Umschlag. Fünfeinhalb Stunden warteten bereits die Kamerateams von ARD und ZDF, Fotografen und Redakteure von der schreibenden Zunft. Unter den Kameramännern war damals auch Reporter Jörg Armbruster, der spätere ARD-Fernsehkorrespondent für den arabischen Raum und Nahen Osten. "Abstimmung unter Scheinwerfern", lautete am folgenden Tag die Schlagzeile in mehreren Zeitungen.

Als der Gemeindewahlausschuss dann mit dem Gemeindeoberhaupt Kurt Hartwich und seinem Stellvertreter Karl Löffler an der Spitze, Alfred Stratz und Josef Faller als Beisitzer, Ernst Hermann und Klaus Simon als Beisitzerstellvertreter sowie Heinrich Fehrenbach als Schriftführer schließlich Punkt 16 Uhr die Wahlurne öffnete, gab es keine Überraschungen mehr. Es gab ein 100-prozentiges Ergebnis für Buchenbach, sowie eine 100-prozentige Wahlbeteiligung bei der Feinabstimmung in St. Märgen.

Die drei Briefwähler waren sich jedoch nicht einig. Hier lautete das Ergebnis 2:1 für Buchenbach. Der Südwestfunk Baden-Baden hatte noch am Wahlabend im Abendjournal eine Reportage über den kuriosen Wahlakt von St. Märgen gesendet, während das Zweite Deutsche Fernsehen in Mainz, im Länderspiegel über die "Mini-Abstimmung" von St. Märgen berichtet hat.