"S’ Muul uff" für die Mundart

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Do, 22. März 2018

Stegen

Uli Führe hält und singt ein Plädoyer für das alemannische Idiom in Eschbach / Der Dialekt war lange Zeit verpönt.

STEGEN. Uli Führe im Dreisamtal vorzustellen, heißt Weißtannen in den Schwarzwald tragen. Erstens wohnt der ruhelose Musiker, Sänger, Stimmpädagoge, Chorleiter, Liedermacher und Mundartforscher in Buchenbach, vielmehr jedoch kennen ihn die meisten als unermüdlichen Verfechter eines lebendigen und selbstbewussten Gebrauchs der alemannischen Muedersproch und meisterhaften Interpreten ihres reichen Liederschatzes. So auch in Eschbach.

Zu Beginn fragte er die Besucher, wie hoch sie die Zahl der Menschen schätzten, die alemannisch sprechen. Die Antworten schwankten zwischen einer und drei Millionen. Verblüffung machte sich breit, als Führe die richtige Zahl von zehn Millionen nannte, die sich auf Süddeutschland ohne Bayern, Elsass, die Schweiz, Vorarlberg und Liechtenstein verteilten. Viele hatten zum Beispiel vorher nicht realisiert, dass auch die in Baden zumindest reserviert behandelten "Schwoba" zur alemannischen Sprachfamilie zählen und in puncto Bevölkerungszahlen den badischen Landesteil deutlich übertreffen. Die Vielfalt der regionalen Dialektausprägungen innerhalb des Alemannischen zeigte Uli Führe anhand des Liedes "In Mueders Stübeli" auf. In der badischen Version verhalten sich die auf Bettelei angewiesenen Kumpane solidarisch, im Elsass versuchen sie, neben der Verwendung einer anderen Melodie, den jeweils eigenen Vorteil zu suchen und in Vorarlberg wird eine ganz andere Geschichte erzählt.

In Baden seien Spottgeschichten und eine rebellische Grundhaltung weit verbreitet. Beispiele: Das Lied vom Bauern, der in der Kirche seinen Dreispitz auch beim Segen "Nit ra dued" und dem Pfarrer auf dessen harsche Kritik antwortet: "Wann dr Sege gued, goht ’r au durch de Hued". Oder das Lied von "Dr Vereinsfahne". Darin werden allzu ernst genommene Vereinsaufmärsche auf die Schippe genommen: "Schön isch’s, wenn me e Vereinsfähne het, schön isch s, wenn me einer henge het. Hänner gsähne, wie si wackle mit dr Fähne? Dreckige Fieß, die kriegt ma uf dr Stadtparkwies".

Im Elsass sei die große Zahl von Dialogliedern, oft zwischen Mutter und Tochter nicht zu übersehen. In "Müeder, i will a Ding" lehnt die Mutter alle Wünsche der Tochter, ob es sich um einen Reifrock, einen Hut oder einen Sonnenschirm handelt, brüsk ab und die Tochter fragt sich, was sie denn für eine Mutter hätte, "wo jo garnix rote ka". Erst in der letzten Strophe, in der es um ein "Mannela" geht, zeigt sie Einsicht und erlangt wieder die Zuneigung der Tochter. Bei unsern Nachbarn "überm Rhii" geht es auch mitunter sehr direkt zu: "S’Gretel het gsait, jetzt kummt de Fruehling. Kumm in de Nacht, mach m’r ke Zwilling. Mit dinem Dingeldängeldo, Dingeldängeldo...!"

Führe räumte auch mit der Vorstellung auf, Volkslieder hätten sich spontan aus dem Volk entwickelt. In ihrer übergroßen Mehrheit stammen sie von Autoren – Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Organisten – die schreiben konnten. Der Dialekt war lange Zeit verpönt, in der Schweiz sogar verboten und fand erst spät Eingang in die Volksliedtradition.

Als Beispiele nannte und sang er Johann Peter Hebels "Mann im Mond" und aus der Schweiz das Lied "Dr Eskimo" von Mani Matter, eine kunstvolle Nonsens-Ballade mit dem in allen Zeilen vorkommenden Endreim auf den Buchstaben o.

Im zweiten Teil trug Führe eigene Lieder vor. Er persiflierte die "Sekte mit de gsenkte Chöpf", die am Leben vorbeigingen, weil sie immer in Trance aufs Handy starrten und empfahl das garantierte Öko-Exemplar aus Holz, erhältlich im Sägwerk Dold, denn "des schwätzt wenigschtens kai Saich". Köstlich sein Lied von den Fake News, in dem nachgefragt wird, wie das Jesulein "ganz ohni Ma in’d Maria kunnt cho", oder ob jemand schon mal den Nachtkrapp gesehen hätte, dessen Erscheinen bei Fehlverhalten den Kindern immer angedroht würde.

Bei seinen Eigenkompositionen konnte Führe sein ganzes Können ausbreiten, mal bluesig-jazzig, mal klassisch-balladesk und immer mit exzellenter Gitarrenbegleitung. Alle Texte kommen leicht daher, bergen jedoch immer Hinter- und Abgründiges und scheuen sich nicht, Denkanstöße zu liefern oder sich auf Aktuelles zu beziehen. Mehr davon gibt es auf der Ende des Monats erscheinenden neuen CD " Die Sekte mit de gsenkte Chöpf" zu hören. Zum Schluss appellierte er an alle, den Dialekt als Kulturgut zu begreifen mit den Worten: "Liebe Lütt, seid bloss nit fuul, Wörder ghere hald ins Muul, sin scho uf dr rode Lischde, ghere bald zu di Vermissde, schwätzed uf dr Schdross und au am Disch, wia dr Schnabel gwachse isch".