"Ich habe mir einiges mehr zugetraut"

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Sa, 14. Juni 2014

Steinen

BZ-GESPRÄCH mit Weltumradlerin Dorothee Fleck über ihre zweite Tour rund um den Globus / Die größere Erfahrung half.

STEINEN. Nach rund zwei Jahren ist die im Wiesental lebende Radreisende Dorothee Fleck (51) vor kurzem wieder nach Deutschland zurückgekehrt. 48 000 geradelte Kilometer liegen hinter ihr. Ihre zweite Weltreise führte die gebürtige Stuttgarterin erneut durch zahlreiche Staaten der ehemaligen Sowjetunion, nach China, Australien, nach Neuseeland und zuletzt nach Südamerika. BZ-Redakteur Robert Bergmann hat sich mit ihr unterhalten.

BZ: Im Februar 2012 sind Sie mit Ihrem Rad gen Osten aufgebrochen, aus Südamerika vor wenigen Wochen zurück gekehrt. Wie war’s denn diesmal?

Fleck: Spannend und interessant, ganz wie bei meiner ersten Reise auch. Und trotzdem war es auch ein wenig anders: Im Vergleich zur ersten Fahrt war ich diesmal doch um einiges gelassener. Ich habe mir einiges mehr zugetraut und weniger Sorgen gemacht und deshalb war es insgesamt viel entspannter.

BZ: Was haben Sie anders gemacht?

Fleck: Also ich habe die Route zum Beispiel diesmal viel weniger davon abhängig gemacht, wie es in den einzelnen Ländern mit der Visa-Bewilligung ausschaut. Auf der Tour 2007 bis 2010 habe ich immer wieder erlebt, dass es mit einem Visum schon irgendwie klappen wird. Und deshalb bin ich dann auch durch all die Stan-Staaten gefahren, die ich damals noch gemieden habe.

BZ: Stan-Staaten?

Fleck (lacht): Ich meine damit zum Beispiel Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan oder auch Aserbaidschan. In all diesen Staaten wird einem die Visabewilligung nicht unbedingt leicht gemacht. Diesmal bin ich auch deutlich länger in China geblieben, weil ich einfach darauf gebaut habe, dass das mit den zwei Verlängerungen schon irgendwie hinhauen wird.

BZ: Mit der erfolgreich absolvierten Weltreise im Rücken hatten Sie bestimmt auch größeres Selbstvertrauen in Bezug auf ihre körperlichen Fähigkeiten?

Fleck: Ja, ganz klar. Was dazu führte, dass ich wesentlich schwierigere Strecken gefahren bin als beim ersten Mal. Ich habe mir einfach nicht so viele Gedanken gemacht, ob ich an meine Grenzen komme oder nicht. Ich habe gedacht, ich hab jetzt schon so viel geschafft, also besteht kein Grund zu glauben, dass ich das jetzt nicht auch noch packen soll.

BZ: Und sind Sie mal an Ihre Grenzen gekommen?

Fleck: Oh ja, das war auf dem letzten Abschnitt der Reise in Südamerika auf dem Weg nach Argentinien. Es war eine ganz einsame Gegend mit vielen Bergen, Gletschern und Seen. Ich wusste schon vorher, dass die Strecke nicht einfach werden würde, weil man das Rad zum Teil würde tragen oder schieben müssen. Und dann hatte ich mir zu allem Überfluss kurz zuvor bei einem Unfall die Schulter verrenkt. Mit dem Tragen war also gar nichts.

BZ: Wie sind Sie aus der Nummer heil raus gekommen?

Fleck: Ich war da glücklicherweise mit zwei super netten Amerikanerinnen unterwegs, die haben mir total viel geholfen. Aber das war wirklich grenzwertig.

BZ: Was wird Ihnen neben solch persönlichen Grenzerfahrungen von dieser Tour für immer in Erinnerung bleiben?

Fleck: Ganz klar die Begegnung mit den Leuten, den unterschiedlichen Kulturen. Egal, ob das die Yakbauern im Pamirgebirge oder ausgesiedelte Tibetaner in China oder die Buschmänner in Australien sind.



BZ: Gibt es eine Begegnung mit Menschen, die Ihnen besonders gefallen hat?

Fleck: Also grad unter den Yakbauern im Pamirhochland bin ich doch schwer ins Nachdenken über unsere sogenannte Entwicklung gekommen. Da wollten mich die Mädchen immer mitnehmen zum Kühemelken. Und ich musste ihnen gestehen, dass ich gar nicht melken kann. Die Mädchen haben mich mit großen Augen angeschaut und mich gefragt, wie ich denn eigentlich daheim an Milch komme. Als ich ihnen sagte, dass ich dafür einfach in den Laden gehe, konnten sie es einfach nicht glauben. Und ich stand da und dachte nur "Wir können soviel, aber ich kann noch nicht einmal eine Kuh melken".

BZ: Und gab es auch etwas, worauf Sie bei Ihrer Tour gerne verzichtet hätten?

Fleck: Da fällt mir eigentlich grad nur dieser Sandsturm in Argentinien ein. Da hätte ich drauf verzichten können, denn das war einfach nur furchtbar. Man sieht nichts, kann die Augen kaum öffnen und ist den Sandkörnern vollkommen ausgesetzt. Und dann gab es auch noch kleine Kieselsteine, die mir die Beine blutig schlugen. Ich kam kaum vorwärts und nirgends gab es Schutz, wo ich mich hätte unterstellen können. Das war die Hölle.

BZ: Mit 48 000 Kilometern haben Sie wieder eine enorme Streckenleistung gezeigt. Und doch sind es etwas weniger geworden als bei Ihrer Weltreisen-Premiere, wo sie am Ende 60 000 Kilometer auf dem Tacho hatten.

Fleck: Ich war ja auch mit zwei Jahren und drei Monaten zwei Monate weniger unterwegs. Außerdem habe ich mir mehr Zeit gelassen und zum Beispiel bei Freunden in Australien das Haus gehütet, oder auch einen älteren Mann betreut. Durch solche längeren Aufenthalte habe ich die Reise einfach mehr genossen.

BZ: Wie haben Sie sich finanziert?

Fleck: Also während der ganzen Reise habe ich wahrscheinlich weniger Geld ausgegeben, als so mancher für seinen Jahresurlaub. Das Leben unterwegs ist einfach deutlich billiger als hier in Deutschland. Meine Sponsoren haben mir das Fahrrad und die Reifen bezahlt. Außerdem kann ich nach wie vor auf ein paar Ersparnisse zurückgreifen.

BZ: Und jetzt, wo Sie wieder hier sind, werden Sie sesshaft? Oder planen Sie schon wieder für die nächste Reise?

Fleck: Sesshaft werden plane ich auf gar keinen Fall. Aber ich will mir eine zweijährige Auszeit gönnen, um beispielsweise ein Buch zu schreiben oder Vorträge zu halten und erst dann wieder losfahren. Bislang habe ich ja noch immer Afrika auf der Liste, den schwarzen Kontinent zu durchqueren stelle ich mir – trotz der vielen politischen Unruhen dort – nach wie vor sehr reizvoll vor. Mir geht es einfach viel besser, wenn ich meinen Aufenthalt hier als einen Besuch ansehe.

Die Route und viele weitere Infos: http://www.dorothee-fleck.com